- 06.07.2016, 14:25:44
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Grüne beklagen desaströse Umsetzung der Zentralmatura
Hammerschmid zieht positive Bilanz im Nationalrat und kündigt weitere Verbesserungen an
Utl.: Hammerschmid zieht positive Bilanz im Nationalrat und kündigt
weitere Verbesserungen an =
Wien (PK) - Kurz nach Beginn der Schulferien läuteten die Grünen den
letzten Sitzungsmarathon des Nationalrats vor der Sommerpause mit
einer Bildungsdebatte ein. Im Rahmen einer Aktuellen Stunde mit dem
Titel "Schulangst, Prüfungsstress und Zentralmatura: so what?" übte
Eva Glawischnig-Piesczek Kritik an der schlechten Umsetzung der
Zentralmatura und plädierte generell für ein Schulsystem, in dem die
Kinder und Jugendlichen ihre Potentiale entwickeln können. Die
zuständige Ministerin Sonja Hammerschmid konterte mit den - auch im
internationalen Vergleich - guten Ergebnissen und versprach eine
Weiterentwicklung des Modells. Klar sei natürlich, dass eine so große
Systemumstellung, die alle Beteiligten voll fordere, ihre Zeit
brauche.
Vor Eingang in die Debatte wurden drei neue Mitglieder des
Nationalrats angelobt. Während David Lasar und Wolfgang Klinger den
ausgeschiedenen FPÖ-Abgeordneten Gernot Darmann (F) und Heinz-Peter
Hackl (F) nachfolgten, übernahm Klaus-Uwe Feichtinger (S), der
bereits von 2013 bis Mai 2016 im Nationalrat vertreten war, das
Mandat der früheren Staatssekretärin Sonja Steßl (S).
Grüne wollen eine angstfreie Schule und Förderung der Potentiale
aller Kinder
Es sei immer schön zu beobachten, wenn Kinder mit einem Leuchten in
den Augen, mit Wissbegierde und natürlicher Lernfreude ihre
Volksschulzeit beginnen, konstatierte Eva Glawischnig-Piesczek (G),
im Laufe der Jahre gehe diese Einstellung aber leider sehr oft
verloren. Noch immer sei das Thema Schule mit viel Angst, Ärger,
Frustration und Druck verbunden, da es in Österreich ein System gebe,
das sich nicht auf die Stärken konzentriert, sondern an den Schwächen
herumdoktere. Bedauerlicherweise habe auch die Zentralmatura keine
Fortschritte gebracht, urteilte Glawischnig-Piesczek, die Situation
habe sich sogar verschlechtert. Als Beispiel führte sie an, dass man
heutzutage sogar dann durchfallen könne, wenn mehr als zwei Drittel
der Mathematikaufgaben korrekt sind. Dies führe u.a. dazu, dass die
LehrerInnen und SchülerInnen nur mehr auf die Zentralmatura
hinarbeiten und Nebenfächer unter den Tisch fallen.
Es gebe mittlerweile so viele negative Rückmeldungen, dass ernsthafte
Konsequenzen daraus gezogen und gezielt gegengesteuert werden müsse.
Die Ministerin sollte eine unabhängige Kommission einsetzen, die die
Ergebnisse evaluiert und sich u.a. anschaut, warum es so gravierende
Unterschiede zwischen den einzelnen Standorten, den Regionen und auch
zwischen Buben und Mädchen gibt. Julian Schmid (G) beklagte, dass
noch nie so viel "schwachsinnig auswendig gelernt wurde" wie heute,
weil es nur mehr um die Endnoten gehe. Man könne nicht einfach zur
Tagesordnung übergehen, wenn man z.B. im Fach Mathematik mehr als
doppelt so viele negative Beurteilungen hat als im Vorjahr,
bemängelte Harald Walser (G). Um Druck aus dem System zu nehmen und
vor allem um die SchülerInnen zu entlasten, schlugen die Grünen u.a.
vor, dass es bei einer negativen Beurteilung eine verpflichtende
externe Zweitbegutachtung geben sollte. Außerdem könnte man in einer
Übergangsphase vorsehen, dass bei der Endbeurteilung der SchülerInnen
die Noten der 8. und eventuell auch der 7. Klasse miteinfließen.
Hammerschmid: Eine große Systemumstellung braucht ihre Zeit, aber die
Richtung stimmt
Bildungsministerin Sonja Hammerschmid gab einleitend zu bedenken,
dass heuer das allererste Mal eine Zentralmatura, die für alle
Schultypen gilt, in Österreich umgesetzt wurde. Durch die Festlegung
von standardisierten Aufgaben und einheitlichen
Beurteilungsgrundlagen wolle man gewährleisten, dass alle
SchülerInnen fair und gerecht behandelt werden. Außerdem könne man
dadurch erstmals ablesen, wo das heimische Bildungssystem per se
steht, hob Hammerschmid hervor. Österreich sei übrigens eines der
letzten OSZE-Länder, das eine Zentralmatura, die sich international
bestens bewährt hat, eingeführt hat.
Die erste Zwischenbilanz falle jedenfalls sehr gut aus, berichtete
die Ministerin, so konnten 99% der KandidatInnen in Deutsch, 96,7% in
Englisch und 93,8% in Mathematik eine positive Note erzielen. Dies
sei auch im internationalen Vergleich, wo etwa Werte um 90% erreicht
werden, absolut herzeigbar. Was die Kompensationsprüfungen anbelangt,
so waren die Mathe-Ergebnisse teilweise schlecht, räumte Hammerschmid
ein, aber in 112 Klassen gab es beispielsweise keine einzige negative
Beurteilung. Außer Zweifel stand für die Ressortchefin, dass die
Erfahrungen mit der Zentralmatura nun detailliert ausgewertet,
entsprechende Optimierungen vorgenommen und vor allem Ruhe ins System
gebracht werden müsse. Hammerschmid bedauerte diesbezüglich, dass die
öffentliche Debatte gerade mitten in der Maturazeit oft aggressiv und
tendenziös geführt wurde, was zu einer Verunsicherung der
SchülerInnen beigetragen hat. In einem nächsten Schritt sollen nun
gemeinsam mit der Schulaufsicht für jeden Standort maßgeschneiderte
Maßnahmen entwickelt werden, um das System Zentralmatura weiter zu
verbessern, kündigte die Ministerin an. Dazu zählen etwa
Fortbildungsveranstaltungen, Kompetenz-Checks oder Förderkurse für
leistungsschwächere SchülerInnen. Gleichzeitig werde intensiv an der
Umsetzung der Bildungsreform gearbeitet, unterstrich Hammerschmid,
wobei das Thema Autonomie - sowohl in pädagogischer,
organisatorischer, personeller und finanzieller Hinsicht - für sie
von zentraler Bedeutung sei; hier möchte sie einen großen Schritt
weiterkommen.
SPÖ: Grundlegender Systemwandel im Sinne von mehr Fairness und
Gerechtigkeit
Die Matura sei kein Geschenk dafür, dass man neun Schuljahre
abgesessen hat, sondern ein Leistungsnachweis, betonte Elisabeth
Grossmann (S). Durch die Einführung der Zentralmatura sei nun
garantiert, dass auf dieses Abschlusszeugnis Verlass ist, und zwar
vom Neusiedler See bis zum Bodensee. Außerdem werden die SchülerInnen
fair und gerecht behandelt, weil die - professionell erstellten -
Fragen und die Beurteilungsschlüssel vereinheitlicht wurden. Während
die zukünftigen ArbeitgeberInnen der MaturantInnen sicher sein
können, dass die notwendigen Kompetenzen erworben wurden, verfügen
die Jugendlichen nun über ein Zeugnis, das den europäischen und
internationalen Standards entspricht. Die Zahlen belegen, dass die
Umsetzung von allen Beteiligten bravourös gemeistert wurde,
unterstrich Grossmann, die den Grünen vorwarf, eine neue Ministerin
"anpatzen" zu wollen. Diese Art von Panikmache und die zahlreichen
negativen Schlagzeilen in den Medien haben sicher nicht dazu
beigetragen, dass die über 40.000 MaturantInnen in Ruhe ihre
Prüfungen absolvieren konnten, kritisierte auch Katharina Kucharowits
(S). Das Stimmungsbild bei den SchülerInnen war im Gegensatz dazu
sehr positiv; an den aufgezeigten Problemen werde man intensiv
weiterarbeiten.
ÖVP: Gutes Modell, das noch Nachjustierungen braucht
Die ÖVP-Abgeordnete Brigitte Jank bekannte sich grundsätzlich zur
Zentralmatura, weil diese für mehr Fairness und Vergleichbarkeit
steht. Es sei richtig, dass die heurigen Ergebnisse bei vielen, die
schlecht abgeschnitten haben, eine große Enttäuschung ausgelöst
haben. Die Kritikpunkte der Betroffenen, dass es etwa zu wenig
Vorbereitung gegeben habe oder unbekannter Stoff abgefragt wurde,
müsse man sich daher genau anschauen. Ebenso wie die Ministerin war
sie der Meinung, dass die Umstellung Zeit brauche und alle
Beteiligten schrittweise mitlernen müssen. Da die Ausbildungsstätten
auf das Berufsleben vorbereiten und der digitale Wandel rasch
voranschreite, sollten die naturwissenschaftlichen Fächer einen
besonderen Stellenwert einnehmen, meinte Jank.
Ihr Fraktionskollege Karlheinz Töchterle hob vor allem die
Aussagekraft einer (teil)standardisierten Reifeprüfung im Hinblick
auf die Hochschulreife hervor. Aus eigener Erfahrung wisse er, dass
die Zentralmatura im Bereich der alten Sprachen bereits eine sehr
positive Auswirkung auf die Prüfungskultur gehabt hat.
FPÖ ortet ein allgemeines Sinken des Schul- und Bildungsniveaus
Niemand wolle das Bildungssystem komplett schlecht reden, erklärte
Walter Rosenkranz (F), der auf das große Engagement vieler
PädagogInnen sowie den hohen Einsatz der SchülerInnen und ihrer
Eltern hinwies. Die von der ÖVP mitgetragene SPÖ-Politik der letzten
Jahre habe aber leider dazu geführt, dass oft die Kulturtechniken
Lesen, Schreiben und Rechnen nicht mehr erlernt werden, dass die
Begabtenförderung de facto abgeschafft wurde oder viele Jugendlichen
einfach nicht mehr am Arbeitsmarkt vermittelbar sind. Scharfe Kritik
übte Rosenkranz an der Zentralmatura, weil die angestrebten Ziele -
mehr Gerechtigkeit und mehr Transparenz - nicht erreicht wurden. So
wurden etwa die Kompensationsprüfungen von namhaften Medienvertretern
als eine "Art Notenwaschmaschine" bezeichnet. Österreich habe zudem
ein differenziertes Schulsystem, gab der Redner zu bedenken, darauf
müsse man mehr Rücksicht nehmen. Abgeordneter Wendelin Mölzer fragte
sich, was die Zentralmatura eigentlich wert ist, wenn die
Jugendlichen an den Unis trotzdem Eignungstests machen müssen, wie
dies bei vielen Studienfächern bereits der Fall ist. Er sprach sich
aber auch gegen ein künstliches Hochhalten der Akademikerquote aus,
zumal gerade jene Länder wirtschaftlich gut dastehen, die einen hohen
Facharbeiteranteil aufweisen.
NEOS für Weiterentwicklung und Verschlankung der Zentralmatura
Die NEOS stehen für eine entschlossene und rasche Weiterentwicklung
des Instruments der Zentralmatura, weil es mehr Qualität ins
Schulwesen bringen wird, stellte Matthias Strolz (N) klar. Das
derzeitige System sei aber noch zu sehr ausdifferenziert, urteilte
er, eine Konzentration auf die Kernfächer wäre notwendig. Weiters
schlug Strolz vor, dass die Matura an einem schulortfernen Raum
durchgeführt und dann wirklich zentral von externen Kräften
ausgewertet wird. Claudia Angela Gamon (N) warnte davor, ein an sich
gutes Modell zu kritisieren, nur weil einem die Ergebnisse nicht
passen. Ihrer Meinung nach stelle die Zentralmatura eine Riesenchance
dar, die genutzt werden sollte. Dennoch sah auch sie
Optimierungsbedarf, vor allem was die Transparenz betrifft. Gamon
appellierte an die Bundesministerin, die einzelnen Ergebnisse zu
veröffentlichen, um dadurch einen bildungspolitischen Druck zu
erzeugen. Nur auf Basis von validen Daten sei es möglich, das System
in Richtung einer echten Vergleichbarkeit weiterzuentwickeln.
Team Stronach: Bildungspolitik müsse viel früher ansetzen
Das heimische Schulsystem sei in einer Zeit stecken geblieben, als
man noch nicht wusste, wie man die natürliche Begeisterung am Lernen
aufrechterhalten und fördern kann, resümierte Robert Lugar (T). Dafür
brauche man auch gute und engagierte LehrerInnen, die es aber leider
nicht überall gibt. Wenn nun ein Kind das Pech hat, das seine
Begabungen nicht erkannt werden und zudem Eltern hat, die nicht die
Zeit und die Möglichkeiten haben, es entsprechend zu fördern, dann
bleibe es im österreichischen Bildungssystem auf der Strecke. Die
Zentralmatura stehe nur am Schluss einer Entwicklung, ansetzen müsste
man schon viel früher. Das Team Stronach schlägt daher die Einführung
der kostenlosen Privatschule für alle vor. Leopold Steinbichler (T)
trat zudem für eine Entrümpelung der Schulbürokratie ein, die viele
Fortschritte verhindere.
Der fraktionslose Abgeordnete Rupert Doppler plädierte für die
Einsetzung einer unabhängigen Kommission, die nun eine Evaluierung
der Ergebnisse der Zentralmatura vornehmen sollte. Er hoffe zudem,
dass gleichzeitig auch die Bildungsreform endlich auf Schiene
gebracht wird.
Susanne Winter (o.F.) ging auf die Ausführungen der Ministerin ein,
die man wohl eher als "old school" denn als "new deal" qualifizieren
müsse. Wenn man weiter darauf setze, dass die SchülerInnen nur für
die einzelnen Prüfungen lernen, dann habe man von Bildungspolitik
wenig verstanden. "Kinder wollen nicht gefüllt werden wie Fässer,
sondern entzündet wie Laternen", zitierte Winter. (Fortsetzung
Nationalrat) sue
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