• 12.06.2016, 22:44:00
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TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 13.06.2016, Leitartikel von Hubert Winklbauer: "Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken"

Innsbruck (OTS) - Sie sind hart, zäh, extrem trainiert und
organisiert wie eine Armee. Sie sind unempfindlich für Schmerz. Egal
ob es der eigene oder der der anderen ist. Sie kommen von
verschiedenen Klubs. Aber in erster Linie sind sie Patrioten,
Nationalisten. Einen Teil des Drehbuchs, der für Marseille in den
letzten Tagen kriegsähnliche Zustände vorgesehen hat, haben sie schon
geschrieben, bevor sie zur EM nach Frankreich gereist sind. Sie haben
in den letzten Tagen in der französischen Hafenstadt einen
Guerillakrieg geführt. Einen geplanten. Sie jagen, sie prügeln
wahllos auf ihre Opfer ein. Mit Taktik: 30 Sekunden lang zuschlagen.
Länger nicht. Nicht weil ihnen dies ein letzter Rest von Mitgefühl
diktiert. Nein, das ist Taktik. Nach 30 Sekunden ist der strategisch
wichtige Zeitpunkt, sich zurückzuziehen. Wer länger prügelt, ist
greifbar.
Englische und russische Fußball-„Fans“ haben die dunkle Seite des
Nationalistischen an das so verführerisch schöne Licht der
Vielvölkermetropole gezerrt. Die russischen Gewalttäter, so Ronan
Evain, ein Spezialist für Fan-Kultur in Russland, vermutet, dass aus
seinem Land eine kämpferische Vorhut unterwegs ist, um für die WM
2018 in Russland jetzt schon klarzumachen, wer bei der nächsten
Fußball-Großveranstaltung die da oben und die da unten sein werden.
Die Russen kämpften nüchtern, kalt, strukturiert. Die Engländer
zeigten sich von Fremdenhass emotionalisiert und enthemmt vom Saufen.
In England macht die Presse die Russen für die Eskalation der Gewalt
verantwortlich. Die Russen deklarieren ihre Patrioten als Opfer
englischer Willkür. Durchgespielt wird dabei das Wesenhafte des
übersteigerten Nationalismus. Auf dieser Seite die Gemeinschaft der
Gerechten, auf der anderen auch. Typen im nationalistischen
Drogenrausch. Diese Droge macht unempfindlich für alles, was anders
ist. Jene, die auf diesem Flecken der Erde geboren sind, erachten
sich als besser, edler, großartiger und intelligenter als die vom
anderen Flecken. Das geht ganz leicht. Erst recht, wenn die anderen
das Letzte überhaupt sind. Der Fußball ist denen ein Ventil, die es
darauf angesehen haben, den anderen ihren Willen aufzuzwingen. Wir
und die anderen. Wir, die Guten. Die anderen, die Bösen. Wir Opfer.
Und sie, die Täter. Rechtspopulismus eben. Der Fußball muss
aufpassen, sich von dieser Logik des Nationalistischen abzugrenzen.
Denn gefährlich ist’s, den Leu zu wecken. Und der schrecklichste der
Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn. Wobei wir bei der Angst
wären, die jetzt nur verdrängt ist: die vor einem Terroranschlag.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT

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