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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 27. Mai 2016 von Peter Nindler "Bauer sucht Chancen"
Innsbruck (OTS) - Wenn die Bauern nicht endlich nachhaltig umdenken,
werden sie im selbst verschuldeten Milchsee wirtschaftlich ertrinken.
Die Milchkrise ist die letzte Chance, sich von der Menge zu
verabschieden und in regionale Kreisläufe zu investieren.
Der Markt lässt sich nicht aushebeln, auch nicht mehr von der
Landwirtschaftspolitik. Im europäischen Milchsee kann der
Lebensmittelhandel aus dem Vollen schöpfen. Das von den Bauern selbst
verschuldete Überangebot lässt die Preise purzeln, das
Grundnahrungsmittel wird zum Lockangebot. Vor allem in Deutschland
und zunehmend auch in Österreich. Die Kritik an den Schleuderpreisen
für hochwertige Nahrungsmittel ist berechtigt, den Handel für die
Versäumnisse in der Agrarpolitik verantwortlich zu machen, wäre
jedoch zu billig. Dass der deutsche Landwirtschaftsminister Christian
Schmidt seinen Milchbauern sogar Hilfszahlungen von bis zu 100
Millionen Euro in Aussicht stellt, würde das kollektive Versagen
allerdings noch mit Geld aufwiegen.
Billig produzierende Agrarnationen wie die USA, Neuseeland, Irland
oder Holland haben einen natürlichen wirtschaftlichen Vorteil. Die
deutschen und österreichischen Bauern wollten mit mehr Milchleistung
ihre strukturellen und klimatischen Nachteile verringern. Doch das
kostet Geld für Investitionen und Futtermittel. Gerade jetzt, wo der
Milchpreis sinkt, die laufenden Kosten allerdings bedient werden
müssen, öffnet sich die Schere zwischen Ertrag und Aufwand immer
existenzbedrohender.
Als Antwort auf die Milchkrise startete Landwirtschaftsminister Andrä
Rupprechter im Vorjahr eine Exportoffensive. Der Erfolg ist
bescheiden, obwohl jeder zusätzlich verkaufte Liter Milch den Bauern
hilft. Aber zu welchem Preis?
Das EINE Rezept für die Bauern wird es nicht mehr geben. Auch nicht
in Tirol. Deshalb benötigt es ein generelles Umdenken. Mit der Menge
sind die großen Milchbauern gescheitert, das Milchgeld wird zwar
weiterhin ein zentraler Einkommensfaktor bleiben, für das Überleben
aber zu wenig sein. Das ist die bittere Realität. Bioproduktion,
Spezialmilchsorten, regionale Kooperationen mit Tourismus und Handel,
Bauernläden, Obst, Gemüse, ect. – nur regionale Kreisläufe, nicht
einmal tirolweite, werden die Landwirtschaft mittel- und langfristig
absichern.
Gleichermaßen sind Leistungsabgeltungen für die naturnahe Produktion
und die Bewirtschaftung in den Berggebieten mehr als berechtigt, weil
die Bauern die Kulturlandschaft erst zu dem machen, was sie ist: ein
Erholungsraum für Einheimische und Touristen. Zusätzliche
Subventionen, um in die Märkte einzugreifen, sind jedoch
Geldvernichtungsaktionen. Dumpingpreise zu bekämpfen, ist legitim,
die Milchkrise ist trotzdem die letzte Chance der Bauern,
eingefahrene Denkweisen nachhaltig zu verändern.
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