• 24.05.2016, 21:13:04
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Soziale Medien verändern den demokratischen Diskurs

Diskussionsveranstaltung mit MedienexpertInnen über Digitalisierung der Medien und Politik

Utl.: Diskussionsveranstaltung mit MedienexpertInnen über
Digitalisierung der Medien und Politik =

Wien (PK) - Soziale Medien wie Facebook, Twitter und Co. haben längst
Eingang in unseren Alltag gefunden und sind allgegenwärtig. Das wirft
eine Reihe von Fragen auf, etwa, ob wir es mit einer neuen Form der
politischen Partizipation zu tun haben und ob digitale Medien ein
Fortschritt für die Demokratisierung der Gesellschaft sind, oder ob
sie im Gegenteil Populismus und Polarisierung vorantreiben. Zu diesen
Fragestellungen hatte Nationalratspräsident Karlheinz Kopf heute
Abend MedienexpertInnen ins Hohe Haus eingeladen. Im Rahmen der
Diskussionsreihe "Demokratie - Quo Vadis?" erläuterten sie ihre
Einschätzungen der demokratiepolitischen Relevanz sozialer Medien.

Wie wichtig digitale Medien auch in Österreich mittlerweile geworden
sind, habe sich gerade im Präsidentschaftswahlkampf 2016 gezeigt,
erklärte Kopf in seiner Begrüßung. Er habe daher eine Studie zur
Relevanz sozialer Medien für den Ausgang der Bundespräsidentenwahl in
Auftrag gegeben, die an diesem Abend präsentiert werde.

Brodnig: Soziale Medien setzen auf Emotionalisierung

Ingrid Brodnig, Medienredakteurin des Nachrichtenmagazins Profil,
umriss in einem Impulsreferat, worin für sie die Herausforderungen
der sozialen Medien für den öffentlichen und politischen Diskurs
bestehen. Gerade an politischen Parteien zeige sich, dass bestimmte
Formen der Kommunikation im Internet erfolgreicher sind als andere,
nämlich Strategien der Polarisierung und Emotionalisierung. Deshalb
seien populistische Gruppen in den sozialen Medien derzeit
erfolgreicher als Parteien, die traditionellen Politikmodellen
folgen.

Eine der Gefahren der sozialen Medien sei es auch, dass die
KonsumentInnen sich in Blasen oder "Echokammern" zurückziehen, in
denen sie nur mehr die Bestätigung ihrer vorgefassten Meinungen
finden. Hier entstehen Gefahren für die Offenheit der Meinungsbildung
und des Diskurses. Zudem erreiche man mit aggressiven Botschaften
oder Falschmeldungen mehr Aufmerksamkeit. Diesen Entwicklung sei man
aber nicht völlig ausgeliefert, sondern es gebe sehr wohl
Gegenstrategien dagegen, ist Brodnig überzeugt. Auch im Internet
dürfe man nicht ungestraft Unwahrheiten über andere verbreiten.

Domsich: Soziale Medien für politische Kommunikation heute
unverzichtbar

Eine Reihe der Befunde Brodnigs sah Johannes Domsich in den
Ergebnissen seiner Studie zur Relevanz sozialer Medien für den
Ausgang der Bundespräsidentenwahl 2016 bestätigt. Vor allem das
soziale Netzwerk Facebook stand im Mittelpunkt der Studie. Domsich
kommt zu dem Befund, dass auf dem Feld der Politik mittlerweile nur
konkurrieren kann, wer die Kommunikation über soziale Medien in
Anspruch nimmt und diese auch entsprechend beherrscht.

Im Wahlkampf der beiden Kandidaten zur Stichwahl kamen
unterschiedliche Strategien des Auftritts in sozialen Medien zur
Anwendung. Der eine Zugang gab Inhalte vor, in der anderen Strategie
waren die User eingeladen, ihre Beiträge einzubringen. Quantitativ
waren beide Zugänge ähnlich erfolgreich, stellt Domsich fest.
Emotionalität und Demokratiekritik spielten jedenfalls eine
bedeutende Rolle. Daraus ergab sich die festgestellte "Lagerbildung".
Letztlich ergab sich daraus sehr wenig Bewegung in der
Meinungsbildung. Trends und Tendenzen blieben während des Wahlkampf
von Anfang bis zum Ende relativ unverändert.

Die Fragen der Wirkung der sozialen Medien in der politischen
Kommunikation sind dabei seiner Meinung nach mit der klassischen
Meinungsforschung nicht mehr fassbar. Aus seiner Beobachtung sozialer
Medien leitet Domsich ab, dass die klassische Politik dort kein
Referenzsystem mehr bildet. Vielmehr ist eine Orientierung an eigenen
Problemsituationen erkennbar. Dabei entsteht ein "Alles und Nichts"
und eine neue Unübersichtlichkeit. Das Resultat ist das Ende von
Zielgruppen und traditionellen Schichten. Neue Gruppen bilden sich
und artikulieren sich anhand ihrer Problemwahrnehmung.

Digitalisierung verändert ökonomische Rahmenbedingungen für Medien

Die Relevanz sozialer Medien, aber auch der klassischen Medien für
den demokratischen Diskurs war in der anschließenden
Podiumsdiskussion der Medienexperten unbestritten. Die Moderator
übernahm Michael Fleischhacker, Chefredakteur der Online-Zeitung
NZZ.at, der die Frage aufwarf, wie die klassischen Medien angesichts
eine veränderten Umfeld überleben und ihren Informationsauftrag
wahrnehmen können.

Der Journalist Claus Reitan vertrat dabei eine kritische Sicht der
Digitalisierung. Diese führe dazu, dass klassische Modelle des
Qualitätsjournalismus abgebaut werden. Damit gefährde man aber die
Qualität der freien demokratischen Meinungsäußerung, die eine
wichtige Errungenschaft aus mehreren Jahrhunderten demokratischer
Entwicklung ist. Reitan forderte bessere Rahmenbedingungen für
Qualitätsjournalismus ein. Der Staat müsse dazu den Journalismus
jedoch nicht durch Presseförderung unterstützen. Vielmehr reiche es,
wenn er ihm dieselben Rahmenbedingungen wie jeder anderen Branche
garantierte, forderte er pointiert.

Universitätsprofessor Josef Trappel, der sich an der Universität
Salzburg mit Medienpolitik und Medienökonomie befasst, verwies auf
die massiven ökonomischen Veränderungen, die das Internet
hervorgerufen hat. Onlineangebote wie Google und Co. ziehen
unterdessen einen Großteil der Werbegelder an sich. Damit ändern sich
Rahmenbedingungen der klassischen Medien. Um überleben zu können,
brauchen diese einen Mix an Finanzierungsmöglichkeiten, wie
Werbeeinnahmen, Sponsoring, Pay Walls, aber auch öffentliche
Finanzierung, solange sie eine gewisse Grenze nicht überschreitet.

Stefan Kaltenbrunner, Chefredakteur der Online-Publikation KURIER.at
war der Ansicht, dass klassische Medien und digitale Medien sehr wohl
koexistieren können. Allerdings sei man erst am Anfang einer
Entwicklung und eines Lernprozesses, wie der Umgang mit sozialen
Medien gelingen kann. (Schluss) mbu/sox

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie im Fotoalbum auf
www.parlament.gv.at.

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