TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 23.05.2016, Leitartikel von Alois Vahrner: "Wahlkrimi und aufgerissene Gräben"

Innsbruck (OTS) - Diese Bundespräsidentenwahlen sind aus mehrerlei Gründen als historisch zu bezeichnen. Zuerst die Abfuhr für Rot und Schwarz, ein Fünftel aus dem Stand für die unabhängige Kandidatin Irmgard Griss, dann als Folge des gewaltigen Politbebens der Abgang von Bundeskanzler Werner Faymann. Dann vier Wochen ein sehr hartes Wahlkampfduell zwischen dem großen Sieger der ersten Wahl-Halbzeit, FPÖ-Kandidat Norbert Hofer, und dem früheren Grünen-Chef Alexander Van der Bellen – mit einem Richtungsstreit nicht nur über das Verständnis, welche Rolle der neue Bundespräsident einnehmen sollte, sondern auch darüber, wohin sich Österreich gesellschaftlich und innerhalb der EU entwickeln sollte.
Im Gegensatz zu anderen prognostizierten Kopf-an-Kopf-Rennen wurde es diesmal wirklich eng. So extrem eng, dass die Wahlforscher auch gestern Abend nicht sagen konnten, wer heute nach Auszählung der Wahlkarten hauchdünn die Nase vorn haben wird. Quasi ein Patt nach dem Stichwahl-Sonntag, so etwas hat es in Österreich noch nie gegeben. Ein Wahlkrimi, der jetzt quasi ins Elfmeterschießen geht. Die Richtungswahl, bei der SPÖ und ÖVP im Finale nur Zaungäste waren, mobilisierte die Wählerinnen und Wähler. Dass die Wahlbeteiligung gestiegen ist, ist dafür klares Indiz. Ob und inwieweit die Kür von Christian Kern zum neuen Kanzler und SPÖ-Chef die Wahl beeinflusst hat (wenn, dann wohl eher in Richtung Van der Bellen), ist nicht zu beantworten. Die politischen Karten sind jedenfalls überall neu gemischt.
Sowohl für die FPÖ als auch die Grünen ist das Wahlergebnis der größte Erfolg ihrer Parteigeschichte. Trotzdem wird es heute nur Sieger und einen sehr enttäuschten Verlierer geben. Entweder Hofer, der für etwa die Hälfte der Wähler trotz der Warnungen vor einer „blauen Republik“ und des zu erwartenden internationalen Reaktionsgewitters inklusive beträchtlichem Image-Schaden für Österreich die bevorzugte Wahl blieb. Auf der anderen Seite Van der Bellen, hinter den sich viele Proponenten aus Politik, Kultur und Wirtschaft geschart haben. Wie viele seiner Wähler (auch) vor allem aus dem Grund, einen FPÖ-Sieg zu verhindern.
Viel wird geredet über den Riss in der Gesellschaft, verstärkt durch die Flüchtlingskrise. Was ist das Bild, das Österreich nach innen und außen abgeben möchte? Das neue Staatsoberhaupt, das (inklusive Nichtwählern) von fast zwei Dritteln nicht gewählt wurde, wird alle Hände voll zu tun haben, Gräben zuzuschütten und verbindend zu wirken – und weit weniger, Regierungen zu entlassen oder nicht anzugeloben. Ein Präsident für das ganze Volk, diesen Status müssten sich beide erst durch Taten erarbeiten. Das gilt für Van der Bellen, der das Amt ähnlich anlegen will wie Amtsinhaber Heinz Fischer, mehr noch aber für Hofer. Wenn das gelänge, darüber würden sich wohl viele gerne positiv wundern.

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