- 29.04.2016, 15:32:38
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Neue Forschungsergebnisse geben Aufschluss über die genetische Ausstattung des eiszeitlichen Menschen in Eurasien

Wien (OTS) - Anhand verbesserter Genomanalysen konnten paläolithische
und neolithische eurasische menschliche Skelettfunde untersucht und
auf ihre genetische Ausstattung geprüft werden. Die Ergebnisse
veranschaulichen die Bevölkerungsbiologie in vor-neolithischer Zeit
und die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Neandertalern, den ersten
modernen Menschen und den heutigen Menschen.
Dazu erscheint am 2. Mai 2016 (um 16 Uhr) ein Beitrag in „Nature“ mit
dem Titel: “The genetic history of Ice Age Europe“ (Q. Fu, […], Ch.
Neugebauer-Maresch, M. Teschler-Nicola […], J. Krause, S. Pääbo, D.
Reich). Wir bitten MedienvertreterInnen, diese Sperrfrist zu
berücksichtigen.
Spezialuntersuchungen der „Zwillinge von Krems“ am NHM Wien
Zwischen 2005 und 2015 wurden am Wachtberg in Krems (NÖ) im Bereich
einer altsteinzeitlichen Fundstelle Forschungsgrabungen von der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften (unterstützt von FWF und
Land Niederösterreich) vorgenommen. Innerhalb eines hervorragend
erhaltenen Lagerplatzes konnten zwei Säuglingsbestattungen freigelegt
werden – eine Doppelbestattung zweier Neugeborener und eine
Einzelbestattung eines Säuglings.
Diese sensationellen, mehr als 30.000 Jahre alten Bestattungen wurden
den MitarbeiterInnen der Anthropologischen Abteilung am
Naturhistorischen Museum Wien zur wissenschaftlichen Bearbeitung
übergeben. Neben konservatorischen Maßnahmen wurde unter der Leitung
von Maria Teschler-Nicola eine non-invasive Dokumentation
(Oberflächenscans und CT) vorgenommen und 2015 die Doppelbestattung
für weitere Spezialuntersuchungen freigelegt. Die Einzelbestattung
hingegen sollte aufgrund ihrer schlechten Repräsentation als
wertvolles und anschauliches museales Schauobjekt und Zeugnis
jungpaläolithischer Bestattungspraxis in situ erhalten bleiben,
entnommen wurde lediglich eine Knochenprobe für eine aDNA Analyse
(ancient/alte DNA) . Diese wurde von MitarbeiterInnen des
Max-Planck-Institutes für Evolutionäre Anthropologie durchgeführt.
Die Ergebnisse der Genomanalyse beleuchten mit 50 weiteren
Datensätzen erstmals umfassend die genetische Geschichte des
eiszeitlichen Menschen in Eurasien.
Erstmals chronologischer und regionaler Vergleich der
genetischen Ausstattung des eiszeitlichen Menschen möglich
Neue paläoanthropologische Forschungen konnten zeigen, dass der
anatomisch moderne Mensch bereits vor etwa 45.000 Jahren in Europa
auftauchte und die hier lebenden Neandertaler sukzessive ablöste. In
den letzten Jahren gelang es dank der zunehmend verbesserten Methoden
der Genomanalytik, die genetische Variabilität der archaischen
Vorfahren des heutigen Menschen, der Neandertaler, zu entschlüsseln
und Verwandtschaftsbeziehungen zu rekonstruieren. Ihr Erbe konnte
auch bei den heutigen Europäern identifiziert werden (ca. 2%). Trotz
dieser Erfolge tappte man bei der Abschätzung der genetischen
Ausstattung des eiszeitlichen Menschen in Eurasien, d.h. der Zeit
zwischen der Ankunft des anatomisch modernen Menschen (von diesen
wurden bisher lediglich vier Individuen genomanalytisch erfasst) in
Europa und den ersten sesshaften Bauern (um ca. 9.000 v. Chr.) im
Dunkeln.
Diese Lücke wurde nun durch die am Max-Planck-Institut für
Evolutionäre Anthropologie in Leipzig unter der Federführung von
Qiaomei Fu, Johannes Krause, Svante Pääbo und David Reich erfolgreich
durchgeführten Genanalysen von 51 paläolithischen und neolithischen
eurasischen menschlichen Skelettfunden geschlossen. Der Umfang der
Stichprobe ermöglichte erstmals auch einen chronologischen und
regionalen Vergleich.
Die Ergebnisse der Genomanalysen veranschaulichen die
Komplexität der Bevölkerungsbiologie in vor-neolithischer Zeit
Die allerersten modernen Menschen in Europa dürften keinen Beitrag
zum Genpool des heutigen Menschen geliefert haben (etwa der Fund von
Oase in Rumänien): Erst ab ca. 37.000 Jahren zeigen die analysierten
Individuen eine ähnliche Abstammung wie die heutigen Europäer.
Ein weiteres Ergebnis betrifft die gravettienzeitlichen Individuen
(vor ca. 34.000 bis 24.000 Jahren): Die Individuen aus Mitteleuropa
(zu denen auch der Säugling vom Wachtberg in Krems gehört) zeigen
keine genetische Beziehung zu einem zeitgleichen Individuum aus
Sibirien. Das ist insofern besonders interessant, als die bekannten
Venus-Figurinen („Venus von Willendorf“, 29.500 Jahre alt, und „Fanny
von Stratzing“, 36.000 Jahre alt) mit beiden Komplexen assoziiert
sind – es wird daher angenommen, dass es sich um Kulturdiffusion bzw.
Weitergabe von Ideen handelt.
Ab etwa 14.000 Jahren zeigen alle Europäer eine Affinität zum Nahen
Osten, was man mit klimatischen Veränderungen (Bolling-Allerod
Interstadial, der ersten signifikanten Erwärmungsperiode nach dem
glazialen Maximum) in Verbindung bringen kann. Archäologisch
korreliert diese Expansion mit spezifischen kulturellen Transitionen,
das heißt, das Ergebnis kann Migration in Europa am Ende der Eiszeit
– und zwar früher, als bisher angenommen – reflektieren.
Ergebnisse bezüglich der Skelettfunde am Wachtberg in Krems
Zwei Ergebnisse sind besonders herauszustreichen:
1.) Es gelang, das Geschlecht dieses Kindes als „männlich“ zu
bestimmen, was auf der Basis der morphologischen Skelettmerkmale
nicht möglich gewesen wäre
2.) Es wird deutlich, dass der Neandertaler-Anteil mit 3,9 % höher
ist, als beim heutigen modernen Menschen. Das ist mit der Annahme
stimmig, dass das Neandertaler-Erbe in den letzten 45.000 Jahren – je
nach Statistik – vom archaischen anatomisch modernen Menschen zum
heutigen Menschen von 4,3-5,7% auf 1-2,2% (oder alternativ von
3,2-4,2 bis 1,8-2,3%) abnahm. Da die Individuen, die zwischen 37.000
und 14.000 Jahre alt sind, von einer einzigen Gründerpopulation
abstammen, kann die Abnahme der Neandertaler-Merkmale allerdings
nicht aus einer Vermischung mit Populationen resultieren, die weniger
Neandertaler-Erbgut trugen. Dieses Phänomen lässt sich wohl so
interpretieren, dass natürliche Selektion das Erbe der Neandertaler
im Verlaufe der Zeit reduzierte.
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