- 01.04.2016, 21:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 2. April 2016 von Alois Vahrner - Österreich braucht eine Aufholjagd
Innsbruck (OTS) - Vor mehr als einem Jahrzehnt hielten deutsche
Medien ihrer Regierung noch Österreich als das „bessere Deutschland“
vor die Nase. Mittlerweile hat der große Nachbar die Alpenrepublik
leider weit abgehängt.
Die Arbeitslosigkeit in Österreich steigt und steigt (in Tirol gab es
zumindest in den letzten beiden Monaten eine gegenläufige
Entwicklung), während sie in Deutschland beständig sinkt – in den
letzten Jahren übrigens um gute zwei Millionen auf 2,8 Millionen. Das
Wirtschaftswachstum der Deutschen war in den letzten Jahren deutlich
höher als in Österreich, teilweise sogar doppelt so hoch. Und während
in Deutschland ausgeglichene Budgets oder sogar satte Überschüsse
erwirtschaftet wurden und der Schuldenberg reduziert wurde, steigt
Letzterer in Österreich laut jüngsten Zahlen weiter an. Ein
Nullbudget soll es erst 2019 geben.
Im Duell mit dem großen Nachbarn würde Österreich heute bei einem
Fußball-Länderspiel wohl weit besser aussteigen, obwohl die Deutschen
hier regierender Weltmeister sind. Im Gegensatz zu den
wirtschaftlichen Rahmendaten ist Österreich hier deutlich erstarkt.
Im Wirtschaftsdaten-Match gibt es, um im Fußball-Jargon zu bleiben,
zurzeit eine herbe Schlappe: Bei Wirtschaftswachstum,
Wettbewerbsfähigkeit, Standort-Attraktivität, Budgetzahlen,
Staatsschulden, Arbeitslosigkeit, Jobzuwachs, Inflationsrate,
Kaufkraftzuwachs, Stimmung/Erwartungen in der Wirtschaft und bei den
Konsumenten sowie Bildungs-Rankings steht es momentan 12:0 für
Deutschland. Für die „Ehrentreffer“ müssen schon „weichere“ Faktoren
wie der von der OECD erhobene Lebenszufriedenheits-Index oder die in
harten Zahlen auch kaum messbare Lebensqualität herhalten.
„Gute Stimmung, mehr Wachstum, neue Jobs: Während hierzulande Frust
grassiert, Geiz zur Nationaltugend wird und die Arbeitslosigkeit
steigt, geht es beim Nachbarn voran“, schrieb der Stern 2005 – und
meinte als Vorbild Österreich. Die Bild stellte dem „biederen Hans“
Eichel Österreichs damaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser als
Vorbild hin, der im Gegensatz zum deutschen Säckelwart alles
(Finanzen bis hin zum Jetset-Leben etwa in Badehose auf Capri)
hervorragend im Griff habe.
Österreich hatte niedrigere Unternehmenssteuern und profitierte von
der Ostöffnung. Freilich: Das Nulldefizit entpuppte sich als durch
verschiedene Maßnahmen ermöglichte Einjahresfliege. Deutschland
reformierte unter SPD-Kanzler Schröder (mit den Grünen) entschlossen,
etwa am Arbeitsmarkt, während Österreich schleichend an Boden verlor
– durch äußere Umstände, aber auch hausgemacht, etwa durch den bis
heute nicht aufgelösten rot-schwarzen Reformstau. Statt Alarm zu
schreien, wurde vieles schöngeredet. Bis heute. Dass die Regierung
aber Kraft und Willen für den längst nötigen Kraftakt hat, ist höchst
fraglich.
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