TIROLER TAGESZEITUNG. Leitartikel vom 1. April 2016 von Carmen Baumgartner-Pötz - Wenn alle Alarmglocken schrillen

Innsbruck (OTS) - Die Überprüfung der Bildungsstandards weist auf große Schwächen der Kinder in der vierten Klasse Volksschule hin. Nicht nur Politik und Lehrer sind jetzt gefordert, sondern auch die Eltern.

Die gute Nachricht zuerst: Seit dem Jahr 2010, seitdem die Viertklässler in Deutsch flächendeckend auf die Bildungsstandards überprüft werden, hat sich die Lesekompetenz der Schüler hierzulande leicht verbessert. Und: Kinder dieses Alters gehen überwiegend gern in die Schule. Aber: Die detaillierten Ergebnisse der Kompetenzmessung müssen Politikern, Lehrern und Eltern Grund zur Sorge bereiten, auch wenn gestern bei der Präsentation im Bildungsministerium vor allem Positives (endlich ein großer, aussagekräftiger Datenpool! Lehrer und Schulen bekommen Feedback und können damit arbeiten!) hervorgestrichen wurde. Ein paar traurige Ausschnitte: Nur ein Fünftel der Schüler hat die vorgegebenen Bildungsstandards im Verfassen von Texten in allen Dimensionen erreicht bzw. übertroffen, 70 Prozent der Kinder haben Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung. Jeder zehnte Schüler hat die Standards beim Hörverständnis nicht geschafft.
Die Risikogruppen überraschen nicht: Kinder mit Migrationshintergrund schneiden besonders schlecht ab, aber auch Kinder, deren Eltern maximal Pflichtschulabschluss aufweisen. Buben tun sich beim Lesen deutlich schwerer als Mädchen. Für diese Gruppen braucht es also extra viel Förderung, damit nicht eine verlorene Generation heranwächst, die nicht einmal die grundlegenden Deutschkenntnisse beherrscht. Förderung bedeutet allerdings nicht nur mehr Geld/Lehrer/Stunden für den Bereich der Elementarpädagogik (was sich logischerweise alle Beteiligten sowieso wünschen). Es ist vor allem auch die Bildungsverantwortung der Eltern gefragt, denn zuhause wird der Grundstein für den Schulerfolg gelegt, und zwar bereits vor dem Eintritt in die Schule: Wer seinen (Klein-)Kindern viel vorliest, ihr Interesse für Sprache weckt, investiert, so pathetisch das klingen mag, in die Zukunft von uns allen. Wer in der vierten Klasse Volksschule schon zur Risikogruppe gehört, wird auch in der späteren Schul- und Berufslaufbahn vermutlich nicht auf der Gewinnerseite stehen – außer eben, es wird an allen notwendigen Reißleinen gezogen. Dazu gehört auch auf Seiten der Politik, angekündigte Maßnahmen nicht aus den Augen zu verlieren bzw. für die Finanzierung zu sorgen: Ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr hilft Kindern aus schwachem Elternhaus, vor dem Schuleintritt Deutsch zu lernen und die Kenntnisse zu verfestigen. Auch mehr Ganztagesschulplätze können dazu beitragen, Risikoschüler rechtzeitig aufzufangen.

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