• 09.03.2016, 10:10:21
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MAK zeigt "FRIEDRICH KIESLER. Lebenswelten"

Friedrich Kiesler, Modell für ein "Endless House",
New York, 1959 Sammlung Gertraud und Dieter Bogner, Dauerleihgabe an
die Friedrich und Lillian Kiesler Privatstiftung

Wien (OTS) - Mit seinen revolutionären, utopistischen Ideen
faszinierte Friedrich Kiesler (1890–1965) nicht nur die Generation
von KünstlerInnen und ArchitektInnen seiner Zeit. Bis heute prägen
die transdisziplinären Beiträge des austro-amerikanischen Künstlers,
Designers, Architekten, Bühnenbildners und Ausstellungsmachers die
europäische und amerikanische Avantgarde. Die in Zusammenarbeit mit
der Österreichischen Friedrich und Lillian Kiesler Privatstiftung
realisierte MAK-Ausstellung "FRIEDRICH KIESLER. Lebenswelten"
(MAK-Ausstellungshalle, 15. Juni – 2. Oktober 2016) gibt Einblick in
das faszinierend komplexe Schaffen des impulsgebenden Visionärs, in
sein grenzüberschreitendes Denken, seine Theorie des Correalismus,
mit der er die Beziehung zwischen Kunstwerk, Mensch und Umgebung
thematisierte, sowie in sein Wirken als Architekt und
Ausstellungsgestalter.

Die Neubewertung von Kieslers Lebenswerk fügt sich nach der
umfassenden Personale "JOSEF FRANK: Against Design" in die Bemühungen
des MAK um eine zeitgenössische Neubetrachtung der großen Visionäre
der Wiener Moderne. Geboren in Cernowitz, einer multikulturellen
Stadt (damals Österreich-Ungarn, heute Ukraine), studierte Kiesler ab
1908 Architektur und Malerei an der Technischen Hochschule bzw.
Akademie der bildenden Künste in Wien, ohne seine Studien
abzuschließen. Mit Theater- und Ausstellungsprojekten in Berlin, Wien
und Paris feierte er erste große Erfolge. 1926 reiste er in der
Hoffnung, seine Visionen verwirklichen zu können, nach New York und
blieb bis zu seinem Lebensende dort. Die Wiener Jahre im Umfeld von
Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos und vor allem auch die
Idee des Gesamtkunstwerks waren prägend für sein gesamtes
künstlerisches und theoretisches Schaffen.

Der Blick auf Friedrich Kiesler hat sich seit Beginn des 21.
Jahrhunderts von einer vorrangig architektonischen Rezeption zu einem
künstlerischen Interesse an seinem ganzheitlichen Konzept verschoben.
Dazu gehört die Verbindung künstlerischer und wissenschaftlicher
Erkenntnis- und Darstellungsweisen, vor allem aber auch sein Ziel,
die Trennung von autonomer Kunst und Lebenswirklichkeit aufzuheben.
Kiesler setzte sich mit neuesten Entwicklungen in Film und Fernsehen
ebenso innovativ auseinander wie mit kuratorischen Konzepten und mit
deren radikal neuer zukunftsweisender Gestaltung.

Bereits während seiner Wiener, Berliner, Pariser und frühen New
Yorker Zeit arbeitete Friedrich Kiesler an einem überaus weiten Feld
von Gestaltungsmöglichkeiten. Seine intellektuellen Interessen kommen
in der in den 1930er Jahren entwickelten wissenschaftlichen
Gestaltungstheorie des Correalismus zum Ausdruck, die auf damals
neuen systemtheoretischen Überlegungen der Biowissenschaften
aufbauen. Kieslers empirisch-wissenschaftliche Überlegungen zur
nachhaltigen Gestaltung des Verhältnisses von Mensch-Natur-Technik
und deren experimentelle Umsetzung in die künstlerische Praxis sind
heute von höchster Aktualität.

Gestaltung dient der Förderung der Gesundheit und dadurch dem
Wohlbefinden der Gesellschaft, machte Kiesler in seinem Essay „On
Correalism and Biotechnique. A Definition and Test of a New Approach
to Building Design“ (1939) seine ästhetischen Intentionen deutlich.
Exemplarisch entwickelte Friedrich Kiesler die Vision des "Endless
House", die er als „Nucleus“ (gleichsam eine gestalterische
„Stammzelle“) einer auf den Menschen bezogenen Gebäudeplanung
betrachtet.

Mit dem Konzept der "Raumbühne" (1924), die er anlässlich der von ihm
organisierten und gestalteten "Internationalen Ausstellung neuer
Theatertechnik" in Wien entwickelte, hob er die räumliche Trennung
zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen auf und integrierte
beide in einen Einheitsraum. Das Publikum kreiste mit Beginn der
Vorstellung um eine schwebende Bühne. Dieses „correalistische“
Instrument signalisierte den radikalen Wandel zu einer biomorphen
Formensprache. Auch die Trennung zwischen Mensch und Kunstwerk
durchbrach Kiesler radikal, indem er Objekt und Mensch im gemeinsamen
„Lebensraum“ interagieren ließ und frühe Environments entwickelte.

Thematisch gegliedert gewährt die MAK-Ausstellung "FRIEDRICH KIESLER.
Lebenswelten" Einblick in die Komplexität von Kieslers Schaffen von
den 1920er bis Mitte der 1960er Jahre. Die vor allem aus den
umfangreichen Beständen der Friedrich und Lillian Kiesler
Privatstiftung stammenden und zum Teil noch nie gezeigten Objekte
spannen den Bogen von Kunstprojekten über Architekturvisionen und
Ausstellungsdesign bis zu Geschäftsgestaltungen, Möbeldesign und
Medienkonzepten sowie Plakat- und Buchdesign. Zahlreiche Archivalien
geben Einblick in sein theoretisches Denken und seine innovative
Ideenfindung.

Ein Modell für die Stadt der Zukunft legte Friedrich Kiesler mit der
"Raumstadt" (1925) vor, die er auf Einladung von Josef Hoffmann für
die österreichische Theatersektion der "Exposition internationale des
Arts décoratifs et industriels modernes" in Paris entwickelte. Eine
originalgetreue Rekonstruktion dieses futuristischen Modells einer im
Raum schwebenden Stadt wird als zentrales Objekt der Ausstellung
"FRIEDRICH KIESLER. Lebenswelten" im Zentrum der
MAK-Ausstellungshalle in einem durch schwarze Vorhänge abgedunkelten
Raum inszeniert. Nach der Erstpräsentation in Paris wurde die
Installation immer wieder als Display für innovative Theaterprojekte
und Bühnenmodelle verwendet. Zusätzlich sind analog zu einer
historischen Aufnahme, die Kiesler für einen Vortrag zu De Stijl
bearbeitet hatte, einzelne Flächen der Konstruktion farblich
akzentuiert.

Die praktische Umsetzung der correalistischen Theorie
(„Biotechnique“) findet in den späten 1930er und frühen 1940er Jahren
im Rahmen des von Kiesler an der Columbia University in New York
gegründeten Laboratory of Design Correlation ihre Fortsetzung. Mit
dem ebenfalls in der MAK-Ausstellung präsentierten Konzept der
"Vision Machine", das zwischen 1938 und 1942 entstand, visualisierte
Kiesler den Prozess der Wahrnehmung von Kunst. „Die Vision Machine“,
erklärte Kiesler, „wird es uns ermöglichen, die bildenden Schöpfungen
des Menschen einzuordnen. Da die Vision Machine versucht, die
unterschiedlichen Komponenten des Sehens und Vorstellens zu
demonstrieren, sollte sie die Analyse und das Verständnis der
verschiedenen physischen und psychischen Quellen, die den Ursprung
der bildenden Kunst darstellen, erleichtern.“
(lebbeuswoods.wordpress.com)

Die bereits 1924 von Theo van Doesburg in Wien beschworene, für
Kiesler charakteristische „Vereinigung der Künste“ erreicht 1947 im
Totalambiente des "Salle de Superstition" [Raum des Aberglaubens] in
der von ihm in der Pariser Galerie Maeght inszenierten Ausstellung
"Le Surréalisme en 1947" ihren Höhepunkt. Dort ge-winnen aber auch
Aspekte des „Magischen“ eine bis dahin in Kieslers Werk unbekannte
Dimension.

Seine Vision einer Beziehung zwischen Kunstwerk, Raum und
BetrachterIn wird in "FRIEDRICH KIESLER. Lebenswelten" nicht zuletzt
durch die Galaxies deutlich, mit denen er den Umraum in die
Bildkomposition miteinbezog. Kiesler schuf mit dieser in den 1950er
und 1960er Jahren entstandenen Werkgruppe eine ebenfalls auf den
Prinzipien des Correalismus basierende Synthese von Malerei,
Bildhauerei und Architektur. In ihrer Gesamtheit gleichen sie der
Struktur von Planeten- und Sternensystemen, weshalb Kiesler sie als
Galaxies bezeichnete.

Seine künstlerischen und theoretischen Überlegungen bilden eine
vielfältige Inspiration für zeitgenössische Interpretationen durch
die bildende Kunst. Sechs österreichische und internationale
KünstlerInnen wurden eingeladen, in der Ausstellung "FRIEDRICH
KIESLER. Lebenswelten" auf die Ideen und Ansätze Kieslers zu
reagieren. Leonor Antunes, Céline Condorelli, Verena Dengler, Lili
Reynaud-Dewar, Apolonija Šušteršič, und Rirkrit Tiravanija
entwickeln temporäre und permanente Interventionen in der Ausstellung
und im öffentlichen Raum, die teilweise in interdisziplinärer und
institutioneller Zusammenarbeit entstehen.

Begleitend zur Ausstellung "FRIEDRICH KIESLER. Lebenswelten"
erscheint im Birkhäuser Verlag eine gleichnamige Publikation
(herausgegeben von Christoph Thun-Hohenstein, Dieter Bogner, Maria
Lind und Bärbel Vischer, Deutsch/Englisch, ca. 180 Seiten mit
zahlreichen Farbabbildungen, MAK Wien/Birkhäuser Verlag, Basel 2016)
mit Beiträgen von Dieter Bogner, Peter Bogner, Almut Grunewald,
Barbara Lesák, Maria Lind, Megan Luke, Vanessa Joan Müller, Spyridon
Papapetros, Christoph Thun-Hohenstein, Bärbel Vischer und Gerd
Zillner.

Als Teil des Vermittlungsprogramms rund um die Ausstellung startet
das MAK ein innovatives und auf Partizipation beruhendes
Vermittlungsprojekt mit Wiener SchülerInnen, das ihr Verhältnis zu
ihren Lebenswelten und ihre Wahrnehmung von Raum als aktiv
veränderbare Umwelt thematisiert. Die Jugendlichen setzen sich
intensiv mit Kieslers universalem Schaffen auseinander und gestalten
Beiträge, die in der MAK-Ausstellung gezeigt werden. Die Idee für
dieses vom MAK konzipierte Vermittlungsprogramm basiert auf der
Ausstellung "Frederick Kiesler: Visions at Work Annotated by Céline
Condorelli and Six Student Groups" (11. Februar – 3. Mai 2015) der
Tensta Konsthall, Stockholm.

Bereits seit November 2015 besteht eine Zusammenarbeit mit einer
Integrationsklasse der Berufsschule für Frisur, Maske und Perücke,
die sich mit Kieslers revolutionärer Raumauffassung auseinandersetzt.
Das Projekt wurde im Rahmen von „Programm K3 – Kulturvermittlung mit
Lehrlingen“ als Kooperation des MAK mit KulturKontakt Austria
initiiert. Im Februar 2016 startete ein Projekt einer Schulklasse des
Bundesgymnasiums Wien 9 (Wasagasse 10, 1090 Wien), das dafür eine
Förderung von KulturKontakt Austria (Initiative „culture connected“
des BMBF – Bundesministerium für Bildung und Frauen) erhält, sowie
ein Projekt einer Klasse des BORG für Musik und Kunst (Hegelgasse 12,
1010 Wien), das durch die Aktion „Schulkulturbudget für Bundesschulen
2015/16“ des BMBF gefördert wird.

Bildmaterial zur Ausstellung steht unter MAK.at/presse zum Download
bereit.

PRESSEDATEN:

Pressekonferenz: Dienstag, 14. Juni 2016, 10:30 Uhr
Eröffnung: Dienstag, 14. Juni 2016, 19:00 Uhr 
Ausstellungsort: MAK-Ausstellungshalle, MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
Ausstellungsdauer: 15. Juni – 2. Oktober 2016
Öffnungszeiten: Di 10:00–22:00 Uhr, Mi–So 10:00–18:00 Uhr, Jeden
Dienstag 18:00–22:00 Uhr Eintritt frei 
Kuratorin: Bärbel Vischer, Kustodin, MAK-Sammlung Gegenwartskunst
GastkuratorInnen: Dieter Bogner und Maria Lind
Publikation: "FRIEDRICH KIESLER. Lebenswelten", herausgegeben von
Christoph Thun-Hohenstein, Dieter Bogner, Maria Lind und Bärbel
Vischer, Deutsch/Englisch, ca. 180 Seiten mit zahlreichen
Farbabbildungen, MAK Wien/Birkhäuser Verlag, Basel 2016. 
Rahmenprogramm: In Vorbereitung
MAK-Eintritt: € 9,90 / ermäßigt € 7,50 / Familienkarte € 13 / Freier
Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren

Bild(er) zu dieser Aussendung finden Sie im AOM / Originalbild-Service
sowie im OTS-Bildarchiv unter http://bild.ots.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | MAK

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