Kranksein in Theresienstadt. Nachdenken über Medizingeschichte im Holocaust.

Simon Wiesenthal Lecture von Anna Hájková (University of Warwick)

Wien (OTS) - „Erst nach dem Krieg wurde mir bewusst, dass er eigentlich Leute operierte, die für den Tod bestimmt waren. Aber er war vor allem einmal Arzt“, erinnerte sich die ehemalige Krankenschwester Emilie Valentová 1979 an ihren ehemaligen Chef, Richard Stein, den so herausragenden Augenarzt, der seine Karriere in Brno begann, sie in Theresienstadt fortsetzte und nach seiner Emigration schließlich zum Begründer der Augenheilkunde in Israel wurde. In einer Umgebung des Hungers, der Angst vor den Transporten in die Vernichtungslager und inmitten der zusammengepferchten Menschen funktionierte die medizinische Versorgung im Ghetto Theresienstadt dennoch gut, und das Gesundheitswesen war vielleicht die bestorganisierte Abteilung der jüdischen Selbstverwaltung.

Auch wenn Krankheiten die Erfahrungen der Holocaustopfer maßgeblich definierten, gibt es überraschend wenig Forschung zur ärztlichen Versorgung der Opfergesellschaft. Die Medizingeschichte des Holocaust untersuchte in erster Linie die medizinischen Zwangs-versuche in den Konzentrationslagern sowie die Euthanasie oder widmete sich Biografien jüdischer Ärzte. Der Vortrag wird sich demgegenüber auf die Geschichte der eigentlichen medizinischen Versorgung Theresienstadts konzentrieren, sich mit den Ärzten, den Krankheiten und Patienten des Lagers beschäftigen. Mit diesem Blick auf medizinische Fürsorge in Extremsituationen wird nach den Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Medizinerberufs gefragt und erkundet, welchen Platz Richard Steins Augenoperationen in der Medizingeschichte des 20. Jahrhunderts einnehmen.

Anna Hájková ist Assistant Professor der modernen kontinentalen Geschichte an der University of Warwick. Ihr Buchmanuskript "The Last Ghetto: An Everyday History of the Theresienstadt Ghetto, 1941-1945", erhielt sowohl den Irma-Rosenberg- als auch den Herbert-Steiner-Preis. Sie ist Mitherausgeberin der "Theresienstädter Studien und Dokumente" sowie von "Alltag im Holocaust: Jüdisches Leben im Großdeutschen Reich, 1941-1945". 2015/16 ist sie Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität Erfurt.

Kranksein in Theresienstadt. Nachdenken über Medizingeschichte im
Holocaust.


Simon Wiesenthal Lecture von Anna Hájková (Ass.Prof. University of
Warwick).

Moderation: Prof. Dr. Bertrand Perz, stellvertr. Vorstand des
Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Datum: 10.3.2016, 18:30 - 20:00 Uhr

Ort:
Haus-, Hof- und Staatsarchiv Dachfoyer
Minoritenplatz 1, 1010 Wien

Url: www.vwi.ac.at

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI)
Dr. Jana Starek
+43-1-890 15 14-300
jana.starek@vwi.ac.at
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