TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 11. Februar 2016 von Wolfgang Sablatnig - Realitysoap vor der Tapetentür

Innsbruck (OTS) - Natürlich darf Richard Lugner bei der Bundespräsidentenwahl antreten. Politisch ernst zu nehmen sind „Mörtel“ und seine Cathy aber bestenfalls als Gradmesser für die Frustration und die Politikverdrossenheit im Land.

Eigentlich müssten wir das Antreten von Richard Lugner bei der Bundespräsidentenwahl begrüßen. Ein von den Parteien unabhängiger Kandidat, der das nötige Kleingeld hat, seine Kampagne selber zu finanzieren. Ein Kandidat, der zuerst mit seiner Baufirma und dann der „Lugner City“ mit Einkaufszentrum, Großkino und Fressmeile Geschäftssinn bewiesen hat. Ein Kandidat, der – so sagte er gestern – seine „Macht“ als Präsident so einsetzen würde, dass er die Regierenden „endlich“ zur Vernunft bringen würde.
Richard Lugner, der ideale Kandidat in Zeiten von Politikverdrossenheit und Proteststimmung? Falsch. Richard Lugner ist ein Kandidat, der geboren ist aus Politikverdrossenheit und Proteststimmung.
Richard Lugner hat sich selbst als mediales Gesamtkunstwerk inszeniert. Seit jeher motzte er sein Gewerbe mit geschicktem Marketing auf, um seinen Bekanntheitsgrad – und den seines Unternehmens – zu steigern. Als er in den 1970er-Jahren die große Wiener Moschee gebaut hatte, warb er damit auf seinen Lastautos. Und schon lange, bevor das Trashfernsehen überhaupt erfunden war, machte er sein Leben zur Realitysoap. Die vierte Frau „Mausi“, Tochter Jaqueline, die Freundinnen „Bambi“, „Kolibri“, „Katzi“, die fünfte Frau „Spatzi“, dazu Schwiegersohn-in-spe Helmut Werner und die Gäste am Opernball, die Diven und TV-Sternchen: Sie alle waren Teil der Inszenierung, bis sie nicht mehr konnten oder wollten.
Jetzt also die Neuauflage der Präsidentschaftskandidatur. Die nötigen 6000 Unterschriften sollte er aufstellen können. Und schon sind ihm mehrere Wochen mediale Präsenz gewiss.
Natürlich kann und darf Lugner kandidieren – so wie jeder andere Österreicher und jede andere Österreicherin über 35. Natürlich ist es das Recht jedes Selbstdarstellers, auf der Klaviatur der Öffentlichkeit zu spielen. Natürlich steht es auch dem Kandidat Lugner frei, Badewannen-Selfies von sich und seiner Cathy an die Wiener Boulevardblätter zu schicken.
Richard Lugners Realitysoap vor der Tapetentür der Hofburg befriedigt seinen Drang in die Öffentlichkeit, seinem Sender verspricht sie Spitzenquoten, seinem Einkaufstempel und seinem ewigen Anliegen einer Ausweitung der Ladenöffnungszeiten viel unbezahlte Werbung.
Aber es soll bitte niemand verlangen, „Mörtels“ Kandidatur auch politisch ernst zu nehmen – außer als Gradmesser für die Politikverdrossenheit und die Frustration im Lande.

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