- 01.02.2016, 22:00:01
- /
- OTS0163 OTW0163
TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 2. Februar 2016, von Theresa Mair: "Mit dem Leben experimentieren"
Innsbruck (OTS) - Die Briten erlauben die genetische Manipulation an
überschüssigen, lebensfähigen Embryos. Vorrangig geht es dabei um die
Erforschung der Frühphase des Lebens. Im Hintergrund ebnet der
Tabubruch den Weg zum Designerbaby.
Der Untergang des Menschen ist selbstverschuldet. Diese Worte hat vor
Kurzem der britische Star-Physiker Stephen Hawking formuliert. Er
meint damit den unkontrollierten Fortschritt. Entwicklungen in
Wissenschaft und Technologie gehörten zu den existenziellen Gefahren,
sagt Hawking. Gestern haben wieder Briten für Aufsehen gesorgt – mit
einem Fortschritt, der zugleich einen Tabubruch markiert. Sie gaben
der Genmanipulation von lebensfähigen Embryos grünes Licht. Kathy
Niakan darf am Londoner Francis Crick Institute mit Embryos
herumexperimentieren. Die Forscherin erhofft sich, das Rätsel der
Unfruchtbarkeit zu entschlüsseln. Auf Basis der Erkenntnisse hat sie
sich auch vorgenommen, die Zahl der Fehlgeburten nach künstlichen
Befruchtungen zu senken.
Ihr Versuchsmaterial – sprich: die Embryos, die einmal Föten und
dann Babys werden könnten – wird weggeworfen. Die Keimzellen dürfen
keiner Frau implantiert werden. Das ist nicht neu. Schon jetzt landen
in Großbritannien überschüssige, prinzipiell lebensfähige Embryos auf
dem Müll. Im Namen der Effizienz dürfen sie in Großbritannien auf
Vorrat gezüchtet werden. Soll heißen: Wenn es beim ersten Versuch
nicht mit dem Baby klappt, muss die Produktion nicht von Neuem
angeworfen werden.
In China wurde ein ähnliches Projekt schon im vergangenen Jahr
gestartet. Bei uns geht das – noch – nicht. Doch welche Rolle sollte
das in der globalisierten Welt noch spielen, wenn nicht eine
scheinheilige? Das „Google-Baby“ ist bereits Realität. Verzweifelte
Paare lassen ihre Kinder von nicht weniger verzweifelten – weil armen
– Leihmüttern etwa in indischen Spezialkliniken austragen. Im
Hinblick darauf wirkt es wie ein logischer (Fort-)Schritt, dass nun
auch ein europäisches Land die genetische Veränderung von
menschlichen Keimzellen erlaubt. Vorerst natürlich nur zur Forschung.
Britische Forscher sprechen von einer Vorreiterrolle, vom Triumph des
Hausverstands sogar. Die Wissenschaft schöpft ihre Möglichkeiten aus.
Und dann sind da noch die Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Das
Glück einer erfolgreichen Schwangerschaft sollte ihnen vergönnt sein.
Doch der Schatten des Fortschritts in Form von Optimierung,
Planbarkeit und Effizienz wächst. Was für die einen noch das Wunder
des Lebens ist, könnte andere morgen dazu verleiten, ihr Designerbaby
kreieren zu wollen. Bei diesen Aussichten sollten wir uns vielleicht
doch, wie Hawking rät, auf ein Leben im All einstellen.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT






