- 22.12.2015, 22:05:44
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 23. Dezember 2015. Von ANITA HEUBACHER. "Die geistige Elite führt einen Betrieb".
Innsbruck (OTS) - Die Abberufung des Chefs der Kardiologie offenbart
die Ohnmacht des Patienten gegenüber Ärzten, zeigt die Untiefen eines
Systems, das seine Protagonisten bis zum bitteren Ende schützt, und
fehlende Führungsstärke.
Anhand der Kardiologie in Innsbruck können sich Patienten ausrechnen,
wie aussichtsreich es ist, gegen einen Arzt vorzugehen. Der Patient
ist fast chancenlos. Das System schützt sich selbst und seine
Protagonisten. Es geht um viel Macht, viel Prestige, viel Geld und
bei der Ausgefeiltheit von Intrigen zu allerletzt um den Patienten.
Zweieinhalb Jahre führte Wolfgang-Michael Franz die Kardiologie in
Innsbruck. 2013 wird er bestellt. Es dauert nicht lange und die
Beschwerden häufen sich. Gehen über Monate, reißen nicht ab.
Beschwert hat sich nicht ein Oberarzt, der den Chef gerne beerben
wollte, sondern es waren mehrere Oberärzte. Sie beklagen sich aber
nicht, weil der Primararzt Patienten falsch abgerechnet hat, sondern
weil sie seine klinischen Fähigkeiten in Frage stellen. Gutachten
gegen Gutachten. Arzt gegen Arzt. Als der Fall in der Zeitung steht,
untersucht eine Expertenkommission aber nicht Todesfälle und
Komplikationen, sondern die Abrechnungen und die Führungsqualitäten
des Chefs. Fehler beim Rechnen sind eben leichter nachzuweisen als
etwaige Fehler bei der Behandlung. Bis dato ist klinisch nichts
bewiesen, weder Schuld noch Unschuld des Klinikchefs.
Medizin-Universität, Klinikführung, Landesregierung und Primararzt
setzten aber nach nur einem Zeitungsbericht eine Kommission zur
Aufklärung ein. Das hat es noch nie gegeben. Das Unwohlsein in den
Führungsetagen muss daher groß gewesen sein, wenn auch
unterschiedlich ausgeprägt.
Während die Klinikführung eine Zusammenarbeit mit Franz beenden will,
zögert die Medizin-Universität. Die Offenbarung des nächsten
Dilemmas. Eine Klinik, mit Land und Bund zwei Arbeitgeber und zwei
Finanziers. Es ist der Machtkampf zwischen Uni und Land, der die
Rektorin sich bewegen lässt. Sie beruft Franz als Leiter ab, er soll
degradiert weiterarbeiten. Während in der Privatwirtschaft ein
Bruchteil der Vorwürfe ausreicht, um eine einmal getroffene
Personalentscheidung rückgängig zu machen, hält die Universität das
Dienstverhältnis zu ihrem angeschlagenen Professor aufrecht. Sein
Gehalt wird mit öffentlichem Geld weiter bezahlt. Das sind die
Führungsqualitäten der Elite des Landes.
Die Abberufung führt hoffentlich dazu, dass sich bei Bestellungen von
Klinikchefs etwas ändert. Dieses Mal hat das Rektorat die Suppe
selbst auslöffeln müssen, die sie sich eingebrockt hat. Sonst
verpufft die Verantwortung der Bestellungskommission nach der
Bestellung.
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