• 10.12.2015, 11:33:41
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Kraftwerksneubau im Kamptal: NGOs fordern „Flüsse-Gipfel“ von der NÖ-Landesregierung

EVN-Projekt mit EU-Wasserrahmenrichtlinie und Naturschutz nicht vereinbar

Utl.: EVN-Projekt mit EU-Wasserrahmenrichtlinie und Naturschutz
nicht vereinbar =

Wien (OTS) - Presseaussendung „Aktionsgruppe Lebendiger Kamp“

10. Dezember 2015 – Fast auf den Tag genau 21 Jahre nach dem Beginn
der Besetzung der Hainburger Au verkündete die EVN kürzlich, das alte
Kraftwerk Rosenburg im Europaschutzgebiet Kamptal abreißen und durch
eine größere Anlage ersetzen zu wollen. Alle großen
Natur-schutzorganisationen lehnen einen Kraftwerksausbau an diesem
Standort ab und haben ausführliche Einwände eingebracht. Die EVN hat
ihre Bedenken jedoch ignoriert und will eine bereits im Juni
favorisierte Ausbau-Variante unverändert zur Genehmigung durch ihren
Mehrheitseigentümer, das Land NÖ, einreichen. „Das Kraftwerk
Rosenburg ist ein Affront gegen den Naturschutz und die
Bürgerbeteiligung! Energetisch und für den Klimaschutz spielt es
keine Rolle, aber es vernichtet kilometerweise Flussnatur“, so die
Vertreter von WWF, Naturschutzbund und Riverwatch bei einer
gemeinsamen Pressekonferenz in Wien.

Die NGOs fordern nun vom EVN-Eigentümer-Vertreter Landeshauptmann
Erwin Pröll und Um-weltlandesrat Stephan Pernkopf einen
„Flüsse-Gipfel“, um weitere Konflikte zu vermeiden und intelligente
Lösungen zu finden. Statt unsinnige Kraftwerke in Schutzgebiete zu
bauen, solle das Land lieber auf nachhaltigen Naturtourismus setzen.
Die intakte Natur des Kamptals als Erlebnis- und Erholungsraum sei
schließlich ein unersetzliches Kapital für die Region, so die
Naturschutzorganisationen.

Minimaler Stromgewinn – großer Verlust für den Kamp
Die EVN will das alte Lauf-Kraftwerk am wildromantischen Umlaufberg
durch eine größere Anlage ersetzen: Der bestehende Damm soll auf 6,5
Meter erhöht und die natürliche Flusssohle entlang von 1,2 Kilometern
um 1,5 Meter vertieft werden. Der Stauraum würde sich dadurch auf
insgesamt einen Kilometer verlängern und einen ökologisch wertvollen,
äußerst idyllischen Talabschnitt mit Wildnis-Charakter in einen öden
See verwandeln.

Der Waldviertler Autor und Fotograf Werner Gamerith war Teil des
Bürgerwiderstands, der 1983 ein Großkraftwerk an derselben Stelle
verhindern konnte. Für ihn steht die Glaubwürdigkeit der NÖ
Landespolitik in Energie- und Umweltfragen nun erneut auf dem
Prüfstand. „Für eine lächerlich geringe Energieausbeute soll in
Zeiten eines Stromüberangebotes einer der wenigen verbliebenen
wertvollen Abschnitte des Flusstales dauerhaft geschädigt werden? Der
Kamp ist bereits jetzt durch die bestehende Kraftwerkskette bis in
den Unterlauf belastet. Der Hausverstand sagt einem, dass Stauen und
Ausbaggern zusätzliche Belastungen bringen. Das macht die gemäß
EU-Wasserrahmenrichtlinie vorgeschriebene Sanierung des Kamps
unmöglich. Wie soll ein Kraftwerksausbau hier ohne Rechtsbeugung
durchsetzbar sein?“, schüttelt Gamerith den Kopf.

Pseudo-Einbindung der NGOs durch die EVN
Obwohl es laut der internationalen Aarhus-Konvention für Österreich
verpflichtend ist, anerkannte Umweltorganisationen in wichtigen
Umweltfragen einzubinden, wurden die Stellungnahmen der NGOs zum
Kraftwerk Rosenburg nicht berücksichtigt. Margit Gross,
Geschäftsführerin des Naturschutzbund Niederösterreich, kritisiert:
„Angesichts der gravierenden Auswirkungen des Projektes auf
Landschafts- und Naturschutz wäre die EVN gut beraten gewesen, die
Expertenmeinungen ernst zu nehmen. Was am Kamp passiert ist, war ein
Missbrauch der Bereitschaft der NGOs, sich fachlich einzubringen und
hat der Idee der Bürgerbeteiligung sehr geschadet.“ Für einen ernst
gemeinten Dialog im Zusammenhang mit einer Sanierung – nicht eines
Neubaus – des Kraftwerks Rosenburg stehe man jedoch weiterhin zur
Verfügung.

Für Ulrich Eichelmann, Geschäftsführer von Riverwatch, ist das EVN
Projekt Rosenburg der Ver-such, den Ausbau des Kamp und vieler
weitere Flüsse Niederösterreichs – getarnt als Sanierung –
voranzutreiben. Das Land NÖ wolle die Stromerzeugung bis 2030 um rund
470 GWH ausbauen. Den Großteil davon sollen Kleinwasserkraftwerke
erbringen. Wenn all diese Kraftwerke, nach dem Vorbild des Kamp,
„erneuert“ werden, dann würde das bedeuten: Hunderte Kilometer mehr
gestaute Flüsse, noch mehr massive Eingriffe in geschützte
Lebensräume und Verschlechterungen für bedrohte Arten. Außerdem sei
der Stromgewinn gar nicht notwendig, denn in NÖ produzieren fünf
Großwasserkraftwerke insgesamt 59 Prozent des Stroms, dagegen weitere
567 kleinere Wasser-kraftwerke nur vier Prozent. Eichelmann erklärt:
„Was die EVN hier plant, ist eine Flusszerstörung im neuen Gewand.
Die Entfernung des Stauwehres in Rosenburg ist aus ökologischer und
ökono-mischer Sicht die einzig sinnvolle Variante. Niederösterreich
braucht nicht mehr Kraftwerke, son-dern mehr intakte Flüsse!“

WWF: Keine Kraftwerke in Schutzgebieten
Fast zwei Drittel der heimischen Fließgewässer sind bereits durch
Wasserentnahme, Aufstau, Re-gulierungen oder Begradigungen ökologisch
degradiert. Gleichzeitig braucht es unbestritten eine Energiewende.
WWF-Flussexperte Christoph Litschauer: „Es ist grundsätzlich
sinnvoll, bestehende Kraftwerke zu optimieren. Entscheidend für den
Ausbau ist jedoch die Wahl der richtigen Standorte! Rosenburg ist
bereits das zweite EVN-Kraftwerksprojekt, das in einem
Europaschutzgebiet geplant wird und es widerspricht dem Ökomasterplan
des WWF“, so Litschauer. Für ihn geht es um mehr als um ein lokales
Wasserkraftwerk: Österreich hat mit rund 75 Prozent bereits einen der
höchsten Ausbaugrade der Wasserkraft weltweit.

Klimaschutz nicht gegen Naturschutz ausspielen
Die Naturschutzorganisationen sprechen sich daher für die Varianten
„Bestandssanierung“, also Modernisierung des Kraftwerks ohne
dauerhafte Eingriffe in den Fluss, oder die Variante
„Flusssa-nierung“, also den Rückbau der Kraftwerksanlage, aus.
Klimaschutz erfordere eine umfassende Strategie und dürfe nicht dafür
herhalten, für eine magere Stromausbeute letzte Naturräume zu
zerstören, zumal in NÖ bereits 572 Wasserkraftwerke stehen. Außerdem
müssen gleichzeitig alle Effizienzpotentiale genutzt werden, wenn
eine echte Energiewende angestrebt wird.

Die Naturschutzorganisationen richten daher an das Land
Niederösterreich als Mehrheitseigentümer der EVN - allen voran
Landeshauptmann Erwin Pröll und den zuständigen Landesrat Stephan
Pernkopf - den dringenden Aufruf, im Rahmen eines „Flüssegipfels“
eine umfassende und nachhaltige Lösung für Naturschutz und
Klimaschutz in Niederösterreich zu erarbeiten.

Weitere Informationen: www.lebendiger-kamp.at

Drucktaugliche Fotos der Natur im Kamptal stehen für aktuelle
Berichterstattung unter www.wwf.at/presse zur Verfügung.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | WWF

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