- 27.11.2015, 19:09:03
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 27. November 2015 von Peter Nindler "Nicht reif für die Gesamtschule"
Innsbruck (OTS) - Die Modellregionen für Gesamtschulversuche bringen
die Bildungspolitik nicht weiter und begünstigen nur Abwehr-reflexe
wie in Tirol. Entweder man bekennt sich zur Gesamtschule oder nicht.
Und wenn, gehört sie gescheit vorbereitet.
In einem zentralen Punkt ist die Bildungsreform bereits gescheitert:
beim Versuch, ein Gesamtschule-Modell für 6- bis 14-Jährige zu
erproben. Allein in Tirol beweisen Proteste von Gymnasiallehrern,
Eltern und Schülern gegen Modellregionen, dass die Unterstützung in
der Bevölkerung dem politischen Willen gehörig nachhinkt. Da gerät
die Direktorin im Lienzer Gymnasium derart aus dem Häuschen und
mobilisiert fast ganz Osttirol, weil sie – keinesfalls überraschend –
erfährt, dass ihr Bezirk als Modellregion für einen
Gesamtschulversuch denkbar wäre. Im Außerfern ist die Reaktion nicht
anders. Übersetzt heißt das, dass die Gymnasien den Reformplänen der
Bundesregierung die kalte Schulter zeigen.
Die Politik steht ziemlich allein da. LH Günther Platter und
Bildungs-LR Beate Palfrader, die in Bildungsfragen sicher Motoren für
eine zeitgemäße Schule sind, müssen erkennen, dass gerade ihre
ÖVP-Klientel in Tirol nichts von einer Gesamtschule hält. Dafür sind
jedoch nicht die gymnasialen Befürworter verantwortlich, sondern die
Politik selbst. Sie hat in der Bildungspolitik abgewirtschaftet und
Schulsysteme verwässert. Aus den Hauptschulen wurden plötzlich Neue
Mittelschulen. Anfangs gehypt, fiel an vier von zehn ehemals gut
besuchten Innsbrucker Schwerpunkthauptschulen die Auslastung unter 50
Prozent. Gleichzeitig etablierten sich die Gymnasien als überlaufene
Stabilitäts- und Erfolgsgaranten. Warum soll man jetzt an die
bildungspolitische Weiterentwicklung mit einer Gesamtschule glauben,
wenn die Neue Mittelschule ein Rückschritt war? Tirol hat(te) mit den
Landhauptschulen ohnehin eine positive Sonderstellung.
Obwohl viele Bildungsexperten von der Gesamtschule als Zukunftsmodell
überzeugt sind, ist Österreich offenbar noch nicht reif dafür. Das
Zillertal ohne Gymnasium wird als Schulversuch politisch allemal
überbewertet, die Realität liegt in Lienz oder im Außerfern.
Allerdings auch in Innsbruck und in anderen Ballungszentren. Hier
klafft die Schere bei den Bildungschancen immer weiter auseinander.
40 Prozent der Zehnjährigen gehen in Innsbruck bereits ins Gymnasium.
In der Landeshauptstadt benötigt es deshalb Antworten, dort wäre eine
Modellregion bzw. ein Schulversuch notwendig. Letztlich schwindelt
sich die Politik weiter an der Grundsatzfrage vorbei: Gesamtschule ja
oder nein? Will man sie, gehört sie, wie die Innsbrucker Direktorin
Margret Fessler betont, jahrelang vorbereitet und die Zusammenarbeit
von Lehrern verschiedener Schultypen gefördert. Ein
Modell-Fleckerlteppich ist töricht und scheitert schon im Ansatz.
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