• 16.11.2015, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 17. November 2015, von Manfred Mitterwachauer: "Reform oder Reförmchen?"

Innsbruck (OTS) - Die Neuen Mittelschulen konnten den Sturm auf die
Gymnasien nicht stoppen – im Gegenteil. In den Ballungsräumen
entpuppen sich die NMS als Ladenhüter. Die Regierung muss heute den
bildungspolitischen Offenbarungseid leisten.

Hannes Androsch will es bereits gezwitschert bekommen haben: Die
Reform wird ein Flop. Jene Bildungsreform, welche die Bundesregierung
heute verkünden und demnächst Österreich überstülpen will. Als
gelernter Österreicher ist man geneigt, dem ehemaligen Finanzminister
und Industriellen Glauben zu schenken. Lange bevor
Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) das Ergebnis des
monatelangen Tauziehens innerhalb der rot-schwarzen Koalition als
Erfolg in die Mikrofone diktieren wird. Vorausgesetzt, es gibt heute
überhaupt etwas zu verkünden – das hat uns der „Zaun-Streit“ in der
Flüchtlings-Causa gelehrt.
Das österreichische Schulsystem maria-theresianischer Prägung
benötigt mitnichten eine weitere Evolution auf Basis des kleinsten
gemeinsamen Koalitions-Nenners. Vielmehr sind wir nachkommenden
Generationen an Schülerinnen und Schülern eine bildungspolitische
Revolution längst schuldig. Das, was bisher aus den Verhandlerkreisen
an die Öffentlichkeit drang, nährt aber die Zweifel. Seit Monaten
klopfen sich Länder und Bund gegenseitig mit dem Rohrstab auf die
Finger, wenn es darum geht, in welchem Hoheitsgebiet künftig die
Lehrerverwaltung angesiedelt werden soll. Und von der
flächendeckenden Einführung der Gesamtschule dürfte wieder nur ein
Fleckerlteppich übrig bleiben – einer auf Probe.
Es ist fraglich, ob die Koalition aus den Fehlern der
Vergangenheit lernen will. Als da wäre die Etablierung der so
genannten Neuen Mittelschule (NMS). Mit dem heurigen Schuljahr ist
die erste Phase der Einführung an allen Hauptschulen abgeschlossen.
Als „Schule der Zukunft“ wurde sie uns eingetrichtert – mit
Chancengleichheit für alle Heranzubildenden. Allein das Fallbeispiel
Innsbruck beweist das Gegenteil. Die Neuen Mittelschulen entpuppen
sich mit zunehmender Nähe allgemeinbildender höherer Schulen als
regelrechte Ladenhüter. In der Landeshauptstadt grundeln vier von
zehn NMS auslastungsmäßig an oder unter der 50-Prozent-Marke.
Gleichzeitig blieb heuer 130 Volksschülern – trotz zeugnistechnischer
Reife – der erhoffte Platz in einem Tiroler Gymnasium verwehrt. Die
NMS hat den schlechten Ruf der Hauptschule nicht ablegen können. Und
somit auch keinerlei Druck von der Volksschule genommen.
Das, was die Regierung uns heute in Sachen Bildungsreform
verkaufen will, gleicht nichts Anderem als einem bildungspolitischer
Offenbarungseid: Reform oder Reförmchen? Der gelernte Österreicher
darf skeptisch sein.

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