• 13.10.2015, 09:00:01
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  • OTS0015 OTW0015

Mäßiges Wirtschaftswachstum bei hoher Arbeitslosigkeit

Mittelfristige Prognose der österreichischen Wirtschaft bis 2020

Utl.: Mittelfristige Prognose der österreichischen Wirtschaft bis
2020 =

Wien (OTS) - Nach der flauen Entwicklung 2012/2015 (+0,5% p. a.)
expandiert die heimische Wirtschaft mittelfristig mäßig (2016/2020
+1,5% p. a.). Insbesondere wachsen die Investitionen verhalten, und
der Außenbeitrag trägt zum Wirtschaftswachstum weniger bei als vor
der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise. Der private Konsum erhält
durch den Anstieg der verfügbaren Einkommen infolge der Steuerreform
2015/16 einen gewissen Impuls und dürfte im Prognosezeitraum um 1,3%
p. a. zunehmen (2011/2015 +0,5% p. a.). Die leichte Expansion
ermöglicht zwar eine Ausweitung der Beschäftigung (2016/2020 +1% p.
a.), diese reicht aber nicht aus, um einen weiteren Anstieg der
Arbeitslosigkeit bis 2018 zu verhindern, da das Arbeitskräfteangebot
aus dem Inland und vor allem aus dem Ausland insgesamt stärker
zunimmt. Die Arbeitslosenquote dürfte 2017/18 einen Höchstwert von
knapp 10% (gemäß AMS-Definition) erreichen und bis zum Ende des
Prognosezeitraumes wieder auf rund 9 1/2% zurückgehen. Der
Inflationsdruck bleibt mittelfristig mäßig, das
Inflationsdifferential zum Euro-Raum wird sich merklich verringern.
Die Inflationsrate dürfte durchschnittlich 1,8% betragen. Ein
ausgeglichener Staatshaushalt (sowohl strukturell als auch nach
Maastricht-Definition) wird aufgrund des prognostizierten
Konjunkturverlaufes und der angenommenen wirtschaftspolitischen
Rahmenbedingungen erst zum Ende des Prognosezeitraumes erwartet.

Nach der Schwächephase 2012/2015 (BIP real +0,5% p. a.) dürfte das
Wirtschaftswachstum wieder etwas an Kraft gewinnen. Im Durchschnitt
der nächsten fünf Jahre wird eine BIP-Steigerung um 1 1/2% pro Jahr
erwartet (2011/2015 +1,0% p. a.), die dem Durchschnitt des
Euro-Raumes entspricht.

Das Trendwachstum dürfte in Österreich 2016 bis 2020 laut der
Berechnungsmethode der Europäischen Kommission auf Basis der
WIFO-Prognose 1,2% p. a. betragen und damit etwas über dem der letzen
Fünfjahresperiode liegen (2011/2015 +1,0% p. a.). Die österreichische
Wirtschaft befindet sich aber nach wie vor in einer Phase der
konjunkturbedingten Unterauslastung. Die Outputlücke (relative
Abweichung des tatsächlichen Outputs vom Trend-Output) dürfte sich
erst zum Ende des Prognosehorizonts schließen; sie verringert sich
von -1,8% im Jahr 2015 auf -0,0% 2020.

Die realen Exporte werden in den Jahren 2016 bis 2020
voraussichtlich um 3,7% pro Jahr ausgeweitet, um gut 1 Prozentpunkte
stärker als in der vorhergehenden Fünfjahresperiode. Die
österreichische Exportwirtschaft wird damit aber ihre internationale
Marktposition voraussichtlich nicht halten können. Da die Entwicklung
der Importe ähnlich, aber etwas abgeschwächt verläuft, wird der
Außenhandel weiterhin einen positiven Beitrag zum Wirtschaftswachstum
leisten.

Die Ausrüstungsinvestitionen werden trotz günstiger
Finanzierungsbedingungen weiterhin nur wenig ausgeweitet (+2,3% p.
a., 2011/2015 +2,6% p. a.), da die Absatzerwartungen im In- und
Ausland nach wie vor ungünstig sind. Das Bevölkerungswachstum und der
daraus abgeleitete Anstieg der Zahl der privaten Haushalte sowie die
nach wie vor hohen Immobilienpreise sollten die privaten
Wohnbauinvestitionen stützen. Dem steht ein durch den Spardruck der
öffentlichen Haushalte getrübter mittelfristiger Ausblick für den
Tiefbau gegenüber. Die gesamte Bautätigkeit entwickelt sich daher nur
mäßig (2016/2020 +1 1/4% p. a.).

Das verfügbare Realeinkommen der privaten Haushalte wächst im
Prognosezeitraum mit +1,5% p. a. um 1 1/2 Prozentpunkte stärker als
im Durchschnitt 2011/2015. Getragen wird diese Entwicklung vor allem
von der Tarifanpassung in der Lohn- und Einkommensteuer, die 2016 in
Kraft tritt und einen Anstieg der verfügbaren realen
Nettohaushaltseinkommen um 1% bedeutet. Weiters dürften die
Bruttolohneinkommen nicht mehr schrumpfen (pro Kopf real 2016/2020
+0,2%, 2011/2015 -0,2%), und auch die Selbständigeneinkommen werden
sich günstiger entwickeln als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre
(Bruttobetriebsüberschuß 2011/2015 +1,9%, 2016/2020 +3,0%).

Im Zeitraum 2007/2013 reagierten die privaten Haushalte mit
Entsparen auf die realen Einkommensverluste und stabilisierten damit
die Konsumnachfrage. Die Sparquote sank in diesen Jahren um 4,8
Prozentpunkte von 12,1% 2007 auf 7,3% 2013. In den Folgejahren stieg
sie wieder etwas (2015: 7,7%). Im Prognosezeitraum besteht aufgrund
des weiterhin niedrigen Zinsniveaus wenig Anreiz, die
Ersparnisbildung zu erhöhen. Der angenommene Anstieg der Sparquote
auf 8,5% bis zum Jahr 2020 ist in erster Linie der
Einkommensteigerung durch die Steuerreform 2015/16 (+0,5
Prozentpunkte) zuzuschreiben.

Der seit dem Ausbruch der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise
beobachteten Konsumzurückhaltung der Haushalte wirkt die Entlastung
der verfügbaren Einkommen durch die Steuerreform entgegen. Der
private Konsum dürfte 2016/2020 real um 1,3% pro Jahr gesteigert
werden (2011/2015 +0,5%).

Die leichte Expansion der Wirtschaftsleistung ermöglicht zwar eine
Ausweitung der Beschäftigung (+1,0% im Durchschnitt der Jahre 2016
bis 2020), bringt jedoch keine Entspannung auf dem Arbeitsmarkt. Der
Anstieg des Arbeitskräfteangebotes (+0,9% p. a.) resultiert in den
kommenden Jahren vor allem aus einer Zunahme der Zahl der
ausländischen Arbeitskräfte, einer anhaltenden Ausweitung der
Frauenerwerbsbeteiligung und der Verschärfung der
Eintrittsbedingungen für die Früh- bzw. Invaliditätspension.

Um die starke Zunahme der Zahl der Asylanträge im Zeitraum Jänner
bis August 2015 (46.133 - für August vorläufige Werte; Jänner bis
August 2014: 13.712) und die damit verbundenen Auswirkungen auf die
Bevölkerungszahl in der aktuellen Prognose abzubilden, wurde nicht
wie bisher auf das mittlere, sondern auf das hohe Wanderungsszenario
der Bevölkerungsprognose von Statistik Austria vom November 2014
zurückgegriffen: Asylsuchende, die sich registriert länger als 90
Tage in Österreich aufhalten, werden in der Bevölkerungsstatistik
erfasst. Nach Anerkennung des Flüchtlingsstatus wird ein erheblicher
Teil dieser Personengruppe auch dem Arbeitskräfteangebot zuzurechnen
sein. Für das Jahr 2016 ergibt sich somit gegenüber der mittleren
Wanderungsvariante eine Steigerung des Arbeitskräfteangebotes um
15.000 Personen. Aufgrund der gegenwärtigen geopolitischen Lage
dürfte die österreichische Bevölkerung auch in den nächsten Jahren
durch den Zustrom von Asylsuchenden und anerkannten Flüchtlingen
stärker wachsen als ursprünglich im mittleren Wanderungsszenario
angenommen wurde.

Die Zahl der Arbeitslosen wird bis zum Jahr 2018 auf 397.000
steigen (+185.000 gegenüber dem Vorkrisenjahr 2008), sodass sich eine
Arbeitslosenquote von 9,9% der unselbständigen Erwerbspersonen
(AMS-Definition) bzw. 6,1% der Erwerbspersonen (Eurostat-Definition)
ergibt. Bis 2020 könnte die Arbeitslosenquote konjunkturbedingt und
durch eine leichte Entspannung der Zunahme des Arbeitsangebotes auf
9,4% zurückgehen.

Die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten als wichtigste
Determinante des inländischen Kostendruckes erhöhen sich 2016/2020 um
1,5% p. a., die Bruttoreallöhne pro Kopf steigen jährlich um 0,2%.
Damit bleibt die Entwicklung der Reallöhne leicht hinter jener der
Arbeitsproduktivität zurück und sollte daher keinen
inflationstreibenden Effekt entfalten.

Die Anhebung des ermäßigten Umsatzsteuersatzes um 3 Prozentpunkte
für ausgewählte Produkte, die Ausweitung der Konsumnachfrage infolge
der Entlastung durch die Steuerreform sowie die teilweise Überwälzung
von Steuern auf die Verbraucherpreise im Gefolge der Maßnahmen zur
Betrugsbekämpfung dürften zum Anstieg der Verbraucherpreise 2016
insgesamt 0,3 Prozentpunkte und 2017 0,2 Prozentpunkte beitragen.

Im Umfeld aus (leicht) steigenden Preisen von Mineralölprodukten
(diese leisteten 2013/2015 einen negativen Beitrag zur Inflation) und
der Wirkung der Steuerreform 2015/16 sollte der Preisauftrieb wieder
etwas zunehmen. Für die Periode 2016/2020 wird mit einer
Teuerungsrate laut Verbraucherpreisindex von durchschnittlich 1,8%
gerechnet.

Die Entwicklung der öffentlichen Haushalte wird in den Jahren 2016
bis 2020 von der im Frühjahr 2015 beschlossenen Steuerreform 2015/16
geprägt. Diese umfasst im Wesentlichen eine umfangreiche Senkung der
Lohn- und Einkommensteuer. Die Gegenfinanzierung soll primär durch
Steuererhöhungen erfolgen, die Mehreinnahmen steigen von 2,5 Mrd.
Euro 2016 auf 3,5 Mrd. Euro p. a. ab 2018. Netto beträgt somit die
Steuerentlastung 2016 1,5 Mrd. Euro, ab 2018 erreicht sie 1,9 Mrd.
Euro jährlich, das sind 1/2% des BIP. Ergänzend werden ab 2016 auf
Bundes- und Länderebene Einsparungen im Bereich von Verwaltung und
Förderungen im Umfang von 1,1 Mrd. Euro angestrebt.

Vor dem Hintergrund der nur mäßigen Konjunkturerholung und der
hohen und auch in den nächsten Jahren weiter steigenden
Arbeitslosigkeit kommt die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte
nur verhalten voran. 2014 verschlechterte sich der Maastricht-Saldo
primär durch umfangreiche Bankenhilfen auf -2,7% des BIP. Er wird
sich 2015 auf -1,9% des BIP verbessern und 2016 auf etwa diesem
Niveau verharren (-2% des BIP). Erst ab 2017 ist mit einer
schrittweisen weiteren Verringerung auf -0,3% des BIP im Jahr 2020 zu
rechnen.

Der strukturelle Budgetsaldo geht 2015 zurück auf -0,3% des BIP,
steigt jedoch 2016 wieder auf 1,1% des BIP und sinkt 2017 kaum (auf
-1% des BIP). Damit wird der von der Regierung im Stabilitätsprogramm
vom April 2015 vorgezeichnete Pfad für die Entwicklung des
strukturellen Budgetsaldos laut vorliegender Prognose nicht
eingehalten: Das mittelfristige Budgetziel (MTO) eines strukturell
fast ausgeglichenen gesamtstaatlichen Budgets (struktureller Saldo
von höchstens -0,45% des BIP) wird erst 2019 nachhaltig erreicht. Die
Vorgabe des fiskalischen Regelwerkes der EU, gemäß dem präventiven
Arm des Stabilitäts- und Wachstumspaktes den strukturellen
Budgetsaldo jährlich um mindestens 0,5% des BIP zu verbessern, kann
somit in den nächsten Jahren voraussichtlich nicht eingehalten
werden.

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht
10/2015

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