Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 21. September 2015; Leitartikel von Christian Jentsch: "Der geläuterte Revoluzzer ist zurück"

Innsbruck (OTS) - Alexis Tsipras hat mit seinem Linksbündnis Syriza die vorgezogenen Parlamentswahlen wieder für sich entschieden. Doch der Handlungsspielraum der neuen Regierung ist eingeschränkt, es gilt die Sparauflagen zu erfüllen.

Das Kalkül von Syriza-Parteichef Alexis Tsipras scheint wieder einmal aufgegangen zu sein. Trotz einem prognostizierten Kopf-an-Kopf-Rennen mit der konservativen Nea Dimokratia (ND) von Oppositionsführer Evangelos Meimarakis, der sich zuletzt immer näher an Tsipras heranpirschen konnte, feierte das Linksbündnis Syriza gestern bei den vorgezogenen Parlamentswahlen doch wieder einen relativ klaren Sieg. Für eine absolute Mehrheit im Parlament dürfte es ersten Ergebnissen zufolge freilich nicht reichen. Tsipras ist wie schon nach seinem Erfolg bei den Wahlen Ende Jänner auf einen Koalitionspartner angewiesen, wobei er im Wahlkampf eine große Koalition mit den Konservativen bereits ausgeschlossen hat. Es wird wohl wieder eine kleine Partei zum Zug kommen. Und sein einstiger Koalitionspartner, die rechtspopulistische Anel, scheint bei einem erneuten Einzug ins Parlament beim alten und neuen Regierungschef Tsipras wieder hoch im Kurs zu stehen.
Tsipras - der einstige griechische Held und Buhmann - ist also wieder zurück, nachdem er mit seinem Rücktritt vor einem Monat vorgezogene Neuwahlen heraufbeschworen hatte. Nachdem ihm im Streit um die Verhandlungen mit den internationalen Geldgebern der linke Parteiflügel die Gefolgschaft verweigert hatte, suchte er den Befreiungsschlag. Und erwies sich damit als geschickter Taktiker. Die Griechen haben ihm jedenfalls eine zweite Chance gegeben. Tsipras trat bei der Parlamentswahl im Jänner mit dem Versprechen an, Griechenland vom Joch des Diktats der internationalen Geldgeber zu befreien. Doch dann kam alles anders. Als Griechenland bereits knapp vor dem Abgrund stand und ein Austritt aus dem Euro immer konkretere Formen anzunehmen schien, lenkte die Regierung in Athen - nach monatelanger Hinhaltetaktik - schließlich doch noch ein. Tsipras konnte den Druck der Geldgeber - nicht nur die Euro-Finanzminister zeigten sich vor dem entscheidenden Krisen-Gipfel in Brüssel völlig entnervt - nicht mehr standhalten. Für die Gewährung eines dritten Hilfspakets in der Höhe von bis zu 86 Milliarden Euro musste Tsipras äußerst harten Sparauflagen zustimmen.
Und eines ist klar: Die Geldgeber werden mit Athen nur noch wenig Geduld haben. Die neue Regierung muss die Vorgaben wohl auf Punkt und Beistrich erfüllen - mit allen Härten. Da hat Alexis Tsipras, der Revoluzzer von einst, wohl kaum noch Handlungsspielraum. Doch das dürfte er ohnehin längst eingesehen haben.

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