• 03.09.2015, 22:00:01
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 3. September 2015 von Alois Vahrner "Kein allein deutsches Problem"

Innsbruck (OTS) - Vom griechischen Schuldendrama bis zur außer Rand
und Band geratenen Flüchtlingskatastrophe: Deutschland übernimmt im
europäischen Politchaos zusehends die Führungsrolle. Zum Glück für
die EU.

Wie schnell sich manches doch verändern kann in der Politik: Noch vor
wenigen Wochen marschierten vor allem, aber nicht nur in Griechenland
Demonstranten mit "Merkel raus"-Plakaten durch die Städte, dem
deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble wurden gar Hitler-Bärtchen
verpasst. Deutschland wurde im griechischen Schuldendrama als
umbarmherziger Zuchtmeister kritisiert, obwohl sich die Griechen
über Jahrzehnte selbst in ihre katastrophale Lage manövriert haben
und eine ganze Reihe anderer Länder (von Finnland, den baltischen
Staaten bis etwa zur Slowakei) mindestens ebenso harte Auflagen für
neue Milliardenspritzen verlangten.
In den letzten Wochen hat sich die Flüchtlingskrise dramatisch
verschärft, und wieder spitzt sich in den heiß geführten Debatten
vieles auf Deutschland zu. In Budapest skandierten Tausende
Flüchtlinge "Deutschland, Deutschland", fast alle wollen ins gelobte
Land. Manche Flüchtlinge nennen ihre Kinder gar "Angela Merkel". Die
USA und viele andere Länder loben Deutschland dafür, wie es
Flüchtlinge aufnimmt, etwa gerade auch die Griechen. US-Präsident
Barack Obama dankt Angela Merkel persönlich dafür, wie sie in Europas
jüngster Krise Führungsstärke zeige. Die italienische Zeitung La
Repubblica erhebt die Kanzlerin auch zur "moralischen Führerin
Europas". In Großbritannien schrieb der Independent: "Wir geben es
nicht gern zu: Aber moralisch verhält sich Deutschland besser als
wir." Der in der Flüchtlingsfrage offene Kurs der Deutschen stößt
aber auch auf Kritik in etlichen EU-Ländern und auch in Deutschland
selbst. Ungarns Premier Viktor Orbán nannte die Flüchtlingskrise "ein
deutsches Problem".
Nein, die Flüchtlingskrise ist kein allein deutsches Problem, sondern
zumindest ein gesamteuropäisches oder wohl eher ein globales. Europa
und sein so hochgepriesenes Wertesystem stehen auf dem Prüfstand.
Eine EU, die wegen staatlicher Egoismen nicht einmal eine humane
Aufnahme und gerechte Verteilung der Flüchtlinge schaffen sollte,
würde sich selbst ad absurdum führen.
Heuer wurden 70 Jahre Kriegsende gefeiert. Deutschland hat sich wegen
seiner historischen Schuld sowie aus Rücksichtnahme auf seine Partner
bisher stets zurückgenommen, die Führungsrolle zu übernehmen. Von
Griechenland bis zu den Flüchtlingen sind es aber Deutschland und
seine Kanzlerin Angela Merkel, die in Europa diese Leadership
übernehmen. Und damit vielleicht ein weiteres Mal das Scheitern des
EU-Projekts verhindern.

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