• 31.08.2015, 09:00:01
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Wachstum in der EU kurz- und mittelfristig enttäuschend

Wien (OTS) - Die Länder der Europäischen Union befinden sich in einer
instabilen Erholungsphase. 2015 dürfte das Wirtschaftswachstum mit
ungefähr 1,5% deutlich unter dem der USA oder dem der Weltwirtschaft
bleiben. Im Gegensatz zu den USA ist das Wachstum in Europa nach wie
vor zu gering, um eine Trendumkehr der Arbeitslosigkeit zu bewirken.
In der EU konzentriert sich die Expansion auf jene Länder, die eine
robuste Inlandsnachfrage aufweisen. In Ostmitteleuropa expandiert die
Wirtschaft wesentlich stärker als in den anderen EU-Ländern. Zuletzt
entwickelte sich die Wertschöpfung im Euro-Raum trotz der erneuten
Zuspitzung der Staatsschuldenkrise Griechenlands etwas günstiger. Den
aktuellen Daten zufolge stieg das reale BIP im I. Quartal 2015
gegenüber dem Vorquartal um 0,4% und im II. Quartal um 0,3%. Im
weiteren Jahresverlauf 2015 ist gemäß den jüngsten Daten eine mäßige
Zunahme zu erwarten. Der Ausblick wird jedoch durch die
strukturbedingte Wachstumsschwäche in vielen Schwellenländern
getrübt. Dies spiegelt sich auch in verschiedenen Vorlaufindikatoren.

Im Gegenzug zu den USA kein Wachstum im Euro-Raum seit 2008

Im Euro-Raum entwickelt sich die Wirtschaft seit 2008
enttäuschend. Das reale BIP lag Ende 2014 etwa auf dem Niveau des
Jahres 2008. Seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise stagniert das BIP
damit (Übersicht 1). Im Gegensatz dazu wuchs die Volkswirtschaft der
USA - des Landes, von dem die weltweite Finanzmarktkrise ausgegangen
war - deutlich (+11,0%). In den einzelnen Euro-Ländern ist die
Situation teilweise noch ungünstiger. So stieg die italienische
Wirtschaftsleistung seit der Einführung des Euro im Jahr 1999 um nur
4% (+0,25% pro Jahr), am schwächsten innerhalb des Euro-Raumes;
Griechenland verzeichnete in den 16 Jahren einen Zuwachs von knapp
5%.

Übersicht 1: BIP-Wachstum - auf der WIFO-Website
(http://www.wifo.ac.at/publikationen/pressenotizen)

In der EU lag die Arbeitslosenquote im II. Quartal 2015 mit knapp
10% noch deutlich über dem Vorkrisenniveau. In den USA entwickelte
sich der Arbeitsmarkt hingegen deutlich besser, die Arbeitslosenquote
entspricht derzeit etwa dem Vorkrisenwert.

Der enttäuschende Konjunkturverlauf in der EU ist u. a. die Folge
vieler Ungleichgewichte. Dies zeigt sich nicht nur auf den Arbeits-
und Gütermärkten, sondern auch in einer zunehmenden Divergenz
innerhalb der EU-Länder und der Euro-Länder. So war entgegen den
Erwartungen seit der Einführung der gemeinsamen Währung 1999 keine
Konvergenz der Realwirtschaft in den Ländern der Währungsunion zu
verzeichnen, sondern nach anfänglicher Angleichung und einem Rückgang
der Zinssätze gemessen an verschiedenen Indikatoren sogar eine
Divergenz (BIP pro Kopf, Arbeitslosenquote, Wachstumsrate usw.).
Relativ günstig verlief hingegen die Entwicklung in Ostmitteleuropa.

Übersicht 2: BIP pro Kopf - auf der WIFO-Website
(http://www.wifo.ac.at/publikationen/pressenotizen)

Langfristiger Aufholprozess aus den 1990er-Jahren seit 2008
gestoppt

Der Aufholprozess der europäischen Wirtschaft gegenüber den USA
war in den letzten 50 Jahren beachtlich. Seit der Finanzmarktkrise
kam er jedoch zum Stillstand. Somit ergibt sich im Vergleich zu den
USA eine zunehmende Divergenz. Bereits vor der Finanzmarktkrise kam
der bis dahin rasche Aufholprozess der EU bezüglich Produktivität und
BIP pro Kopf zum Stillstand (Übersicht 2): Hatte das BIP pro Kopf in
der EU 1990 64,1% des Niveaus in den USA betragen, so stieg es bis
zum Jahr 2008 auf knapp über 65%. 2014 lag es mit knapp 62% unter dem
Wert aus dem Jahr 1990.

EU verfehlt selbstgesteckte Ziele

Der Wachstumsrückstand der EU-Länder gegenüber den USA hängt mit
mehreren Faktoren zusammen, und zwar insbesondere solchen, die für
die Expansion von hochentwickelten Volkswirtschaften entscheidend
sind (Forschungsquote, Anteil der Spitzenuniversitäten, Innovationen,
Anteil der Start-ups, hohe Dynamik von Neugründungen). Die EU
verfehlt auch eigene Ziele, wie die Halbzeitevaluierung der Strategie
"Europa 2020" gezeigt hat, und forciert nicht die bestehenden
Stärken, wie etwa den Vorsprung hinsichtlich Energieeffizienz,
Einsatz erneuerbarer Energie und Umwelttechnologien. Diese Erkenntnis
bewirkte jedoch keine Kursänderung, ein gravierendes Versäumnis der
Wirtschaftspolitik. Allein der erste Punkt der Strategie "Europa
2020" - die Erhöhung der Beschäftigungsquote der Bevölkerung zwischen
20 und 64 Jahren von derzeit 69% auf mindestens 75% - erscheint in
Anbetracht der prekären Arbeitsmarktsituation in der EU in absehbarer
Zeit unerreichbar. Auch die Anhebung der F&E-Quote auf 3% des BIP ist
aus heutiger Sicht unrealistisch, obwohl vor allem sie zur
Verbesserung der Bedingungen für F&E-Investitionen sowie für die
Investitionen im Privatsektor im Allgemeinen wichtig wäre. Dies sind
u. a. Gründe für deutlich pessimistischere langfristige Prognosen für
die EU als für die USA und andere Wirtschaftsregionen.

Um die Wirtschaftsentwicklung im Euro-Raum sowie in der EU
insgesamt entscheidend zu beleben, erscheinen einige Faktoren
unerlässlich:

- makroökonomische Stabilität und vor allem eine Finanzpolitik, die
Zukunftsinvestitionen forciert und die Abgaben besonders auf den
Faktor Arbeit senkt,

- ein hohes Maß an Flexibilität auf den Gütermärkten und in einigen
Länder auch auf dem Arbeitsmarkt,

- günstige Rahmenbedingungen für eine effiziente
volkswirtschaftliche Nutzung der Produktionsfaktoren Kapital und
Arbeit, durch die das Wachstum der totalen Faktorproduktivität
unterstützt wird,

- eine effiziente Energie- und Ressourcennutzung sowie

- ein aktiverer Einsatz nationaler Politikinstrumente zur Vermeidung
von Boom-Bust-Zyklen von Vermögenspreisen und Kreditzinssätzen.

Der neue Europäische Investitionsfonds hat das Potential, die
Investitionsschwäche zu mildern; er sollte sich auf immaterielle
Investitionen, Energieeffizienz und der Verbesserung der Ausbildung
konzentrieren. Der Zukunftsoptimismus sollte durch Erarbeitung einer
Strategie "Europa 2030" gestärkt werden - hiefür liefert das WIFO im
Rahmen des internationalen Projektes "WWWforEurope" gemeinsam mit 33
Partnern die analytischen Grundlagen.

Die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass der
Zufluss umfangreicher Kapitalströme in einkommensschwache Länder nur
dann zu einer nachhaltigen Entwicklung beiträgt, wenn die Ressourcen
effizient verteilt werden. Entscheidend ist deshalb, das
Potentialwachstum durch nachhaltige Ressourcenallokation zu erhöhen.
Das sollte jedoch nicht durch Fortschreiben eines
schuldenfinanzierten Wachstumsmodells mit allfälliger Rückendeckung
der Geldpolitik geschehen. Nötig sind Schritte, um die Produktivität
sowie soziale Innovationen zu fördern und die bereits vorhandene
Stärke der Umwelttechnologien weiter auszubauen.

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