- 25.08.2015, 09:42:15
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Alpbach Bilanz: Sozialer Ausgleich ist eine gute Medizin
Armutskonferenz: den gesundheitlichen Folgern sozialer Ungleichheit entgegentreten. 15 Vorschläge für weniger Barrieren im Gesundheitssystem
Utl.: Armutskonferenz: den gesundheitlichen Folgern sozialer
Ungleichheit entgegentreten. 15 Vorschläge für weniger
Barrieren im Gesundheitssystem =
Wien (OTS) - "Man kann einen Menschen mit einer feuchten Wohnung
genauso töten wie mit einer Axt" zieht Sozialexperte Martin Schenk
von der Armutskonferenz eine erste Bilanz aus den Alpbacher
Gesundheitsgesprächen. "Wer die Situation von
Mindestsicherungsbeziehern weiter verschlechtert, Arbeitslose statt
Arbeitslosigkeit bekämpft, die Chancen im Bildungssystem blockiert
oder prekäre Niedriglohnjobs fördert, der verschlechtert die
Gesundheitssituation im Land", so Schenk.
Wer mit Gesundheitsfragen von Armutsbetroffenen zu tun hat, sorgt
sich um schimmelfreie Wohnungen, Bildung, Arbeit,
Erholungsmöglichkeiten, und eine Auflösung der belastenden
Existenzangst. Die Gesundheitsdienste müssen den Zugang, die
Inanspruchnahme und die Qualität unabhängig von Einkommen und
Herkunft gewährleisten. Die Ärmeren müssen in ihren
Selbsthilfepotentialen und Ressourcen gestärkt werden; was auch
Auswirkungen auf einen gesünderen Lebensstil hat.
"Gesundheitsförderndes Verhalten ist am besten in
gesundheitsfördernden Verhältnissen erreichbar", konstatiert die
Armutskonferenz. "Arme Raucher sterben ja auch früher als reiche
Raucher. Und sozialer Polarisierung können wir entgegentreten. Die
Daten sprechen für sich: Sozialer Ausgleich ist eine gute Medizin".
Bezogen auf das österreichische Gesundheitssystem schlägt die
Armutskonferenz Verbesserungen in fünfzehn Punkten vor:
1. Begleitdienste ("Mitgehen") für Armutsbetroffene bei Gutachten und
Gesundheitsdiensten. Auch bei Ämtern und Behörden.
2. Persönliche Begleitung, Mentoring, Buddies: Jemanden haben,
der/die einfach da ist und Gemeinsames unternimmt,
Freizeitaktivitäten etc.
3. Psychotherapie und psychosoziale Notdienste: erleichterter Zugang
zu kostenloser Psychotherapie, Ausbau von Therapie- und
Beratungseinrichtungen und psychosozialen Notdiensten außerhalb der
Ballungszentren.
4. Prävention und Rehabilitation: erleichterter Zugang zu präventiven
Gesundheitsmaßnahmen wie Kuren etc., uneingeschränkter Zugang zu
REHA-Maßnahmen; Personen mit multiplen Beeinträchtigungen sind wegen
Betreuungsbedarf von Kuren ausgeschlossen.
5. Finanzielle Unterstützung: Unbürokratische finanzielle
Unterstützung bei Behandlungen mit hohen Selbstbehalten (Zahnersatz,
Regulierungen, etc.) sowie bei notwendigen Heilbehelfen (Hörgeräte,
orthopädische Hilfen etc.); Selbstbehalte außerhalb der
Rezeptgebührenbefreiung sind für Prekarisierte und Einkommensschwache
nicht leistbar.
6. Bessere räumliche Erreichbarkeit von Gesundheitseinrichtungen
Menschen mit wenig Geld haben besonders im ländlichen Raum große
Probleme, Gesundheitseinrichtungen zu erreichen. Auch kleinere Wege
sind ohne Auto kaum machbar. Kommen Armut und Krankheit zusammen ist
die Mobilität völlig eingeschränkt.
7. Kein Zwang zu krankmachender Erwerbsarbeit. Die Erfahrung "ganz
unten" ist, dass Arbeit nicht automatisch "integriert", sondern
"sozial exkludieren" kann, was Fragen rund um Sanktionen, Krankheit,
Invaliditätspension und "Arbeit um jeden Preis" aufwirft. Wenn Arbeit
krank macht, prekarisiert, ohne Anerkennung und Wertschätzung,
entsteht soziale Ausgrenzung durch die Arbeit selbst. "Arbeit um
jeden Preis?": AMS, Sanktionen und Angst machen krank.
8. Krank und vor dem Nichts? Wiedereinführung des
Pensionsvorschusses. Der Pensionsvorschuss war bisher eine
finanzielle Absicherung für Menschen, deren Anspruch auf Krankengeld
nach einem Jahr Bezug ausgeschöpft war. Gerade schwere Unfälle,
langwierige Krebserkrankungen oder die zunehmenden psychischen
Erkrankungen bringen eine längere Arbeitsunfähigkeit mit sich. Jetzt
stehen die Betroffenen vor dem Nichts.
9. Medizinische Gutachten: Mehr Respekt und Beachtung vorliegender
Befunde. Bessere Ausbildung und Sensibilisierung von GutachterInnen.
Bereits vorliegende Befunde dürfen nicht missachtet werden.
10. Gleiche Behandlung und gleiche Therapien - egal ob arm oder
reich. Werden Armutsbetroffene gleich behandelt, bekommen sie die
gleiche Medizin, die gleiche Therapie? Keine Klassenmedizin - ob
bewusst oder unbewusst!
11. Keine Kürzung für soziale Dienste und Einrichtungen. Sparpakete
und Austeritätspolitik verschlechtern die Unterstützung von sozialen
Diensten.
12. Rechtshilfe und Anwaltschaft. Gleicher Zugang zum Recht für alle
- egal ob arm oder reich. Vertretung von Betroffenen bei
Krankenkasse, Pensionsversicherung, AMS und Sozialamt.
Rechtsberatung, Rechtshilfe und Rechtsdurchsetzung.
13. Krankenversicherung: Schließen der Lücken für Menschen ohne
Krankenversicherung. Für viele ist der mangelnde
Krankenversicherungsschutz kurzzeitlich, für manche dauerhaft. Es ist
ein Mix aus strukturellen Lücken, sozialen Benachteiligungen,
fehlenden persönlichen Ressourcen und mangelnder Information. Davon
betroffen sind Menschen in prekärer Beschäftigung, Personen in
schweren psychischen Krisen, Arbeitssuchende ohne Leistungsanspruch,
Hilfesuchende, die ihren Mindestsicherungsanspruch aus Scham nicht
einlösen.
14. Verständlichkeit und Lesbarkeit von Formularen, Diagnosen und
Therapien. Eine angemessenere und leichter verständliche
Formularsprache. Mehr Zeit für die Erklärung von Diagnosen bzw.
Therapien.
15. Dialogforen mit ÄrztInnen, EntscheidungsträgerInnen und anderen
Gesundheitsberufen. Armutsbetroffene kommen ins Gespräch mit
AkteurInnen des Gesundheitssystems. Sensibilisierung für Anliegen und
Situation Einkommensschwacher, Erfahrungsaustausch am runden Tisch
(z.B. mittels "Weltcafé").
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