- 07.07.2015, 09:00:01
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Österreichs Wirtschaft im Rückstand?
Wien (OTS) - Nachdem das Wirtschaftswachstum in Österreich im
Durchschnitt der letzten 20 Jahre über jenem von Deutschland und über
dem Durchschnitt des Euro-Raumes lag, zeigt sich seit 2014 ein
deutlicher Rückstand. Das seit einigen Jahren niedrige
Wirtschaftswachstum und die Stagnation der Industrieproduktion weisen
auf Strukturschwächen hin, die eine rasche wirtschaftspolitische
Reaktion erfordern. Sie treten jedoch nicht durch einen Vergleich mit
dem nahen Ausland zutage: Ein Vergleich zwischen Österreich,
Deutschland und dem Euro-Raum hinsichtlich der Entwicklung der
Industrieproduktion, der Lohnstückkosten in der Industrie, der
Arbeitsmarktperformance und der Inflation lässt keinerlei Rückstand
Österreichs zu diesen Wirtschaftsräumen erkennen. In Deutschland
sorgt eine konsumgetriebene Sonderkonjunktur für eine stärkere
Dynamik, die aber kaum auf Österreich ausstrahlt. Zusätzlich treibt
die späte Konjunkturerholung der Länder an der EU-Peripherie seit
kurzem das Wachstum im Durchschnitt des Euro-Raumes an, der deshalb
die Entwicklung in Österreich übertrifft.
Österreichs Wirtschaftsleistung wird sich heuer bereits das vierte
Jahr in Folge um weniger als 1% erhöhen. Die Arbeitslosenquote
erreichte nach nationaler Definition jüngst den höchsten Stand seit
den 1950er-Jahren, und die Inflationsrate ist eine der höchsten im
Euro-Raum. Auch in Umfragen zur internationalen Standortqualität
fällt Österreich immer weiter zurück.
Immer öfter wird die Frage nach einem möglichen Verlust des
Wachstumsvorsprunges gestellt, den Österreich in den vergangenen zwei
Jahrzehnten phasenweise gegenüber dem übrigen Euro-Raum und auch
gegenüber Deutschland aufwies. Zwar scheint es angesichts des in den
letzten Jahren schleppenden Wachstums wenig zweifelhaft, dass
Strukturschwächen zu den Ursachen zählen, jedoch lassen sie sich
nicht durch einen Vergleich mit Deutschland oder dem Euro-Raum
insgesamt belegen. Insbesondere war 2014, als erstmals ein deutlicher
Rückstand gegenüber beiden Wirtschaftsräumen zu verzeichnen war,
keine ruckartige Verschlechterung der Wirtschaftsstruktur zu
beobachten, durch die sich der Wachstumsvorsprung in einen Rückstand
gedreht haben könnte.
Seit 2014 scheint der ökonomische Gleichklang zwischen der
Wirtschaftsentwicklung in Deutschland und Österreich zuungunsten
Österreichs verlorengegangen zu sein. Er beruhte bislang allerdings
weniger auf der Bedeutung der deutschen Wirtschaft für Österreich per
se, sondern zu einem wesentlichen Teil auf der gemeinsamen Reaktion
beider Volkswirtschaften auf einen internationalen Konjunkturzyklus.
Die aktuelle Dynamik in Deutschland rührt hingegen von einem
Wiedererstarken der Binnenkonjunktur, von der die österreichische
Wirtschaft auch in der Vergangenheit kaum profitierte. Die
Industrieproduktion, die häufig zur Beurteilung der internationalen
Wettbewerbsfähigkeit herangezogenen wird, entwickelt sich aufgrund
der schwachen Auslandsnachfrage ähnlich schleppend wie in Österreich.
Auch die Entwicklung der Lohnstückkosten in der Industrie der beiden
Länder deutet auf keine relative Verschlechterung der heimischen
Wettbewerbsfähigkeit hin. Die diesbezügliche Stagnation seit dem Jahr
2012 ist dennoch ein deutlicher Hinweis auf mögliche
Strukturschwächen, die rasche wirtschaftspolitische Reaktionen
erfordern.
Der aktuelle Wachstumsrückstand gegenüber dem Durchschnitt des
Euro-Raumes lässt sich neben der Bedeutung Deutschlands für diesen
Wirtschaftsraum auch durch die verspätete Konjunkturerholung in den
Peripherieländern erklären: Nach der Rezession 2008/09 und der
anschließenden Phase der Stagnation bzw. des weiteren Rückganges der
Wirtschaftsleistung ist in Spanien, Irland und Portugal seit 2014
erstmals eine Erholung zu beobachten. Den Aufholprozess und die
Schließung der durch die Krise aufklaffenden Produktionslücke hatte
die Industrie in Deutschland und Österreich 2011 abgeschlossen, sogar
rascher als in den USA. Das weist auf eine auch nach der Krise noch
angemessene Wirtschaftsstruktur hin. Aufgrund dieser
unterschiedlichen Stellung im Konjunkturzyklus sind Aussagen über
möglicherweise erfolgte Strukturveränderungen, die allein auf einem
Vergleich von BIP-Veränderungsraten basieren, jedoch wenig hilfreich.
Die Arbeitslosenquote sank in Deutschland kürzlich auf den
niedrigsten Stand seit über 20 Jahren, zugleich stieg sie in
Österreich auf den höchsten Wert seit den 1950er-Jahren. Diese
Divergenz lässt sich überwiegend auf demographische Besonderheiten in
Deutschland zurückführen: Während das Arbeitskräfteangebot in
Deutschland bis 2011 sank und danach nur leicht stieg, nahm es in
Österreich kontinuierlich zu. Wie die für die Beurteilung
wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit wesentlich aussagekräftigere
Beschäftigungsentwicklung zeigt, wurden in Österreich in den letzten
Jahren trotz niedrigen Wachstums sogar relativ mehr Stellen
geschaffen als in Deutschland. Allerdings waren dies in geringerem
Ausmaß Vollzeitstellen, sodass das Arbeitsvolumen in Deutschland
stärker zunahm.
Der positive Abstand der österreichischen Inflationsrate gegenüber
Deutschland und dem Durchschnitt des Euro-Raumes scheint ebenfalls
nicht Ausdruck mangelnden Wettbewerbes auf internationalen Märkten zu
sein, sondern ist eher auf mangelnden Wettbewerb im Bereich der
nichthandelbaren, nur lokal angebotenen Dienstleistungen wie Wohnen
und Telekommunikation oder Gaststättenwesen und auf den Anstieg
administrierter Preise zurückzuführen.
Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht
6/2015 (http://monatsberichte.wifo.ac.at/58214)
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