TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Niemand zieht die Crash-Bremse", von Alois Vahrner

Griechenland ist nur noch wenige Zentimeter vom Finanz-Crash entfernt. Die Notbremse könnten nur die Hellenen selbst ziehen. Die Regierung Tsipras bleibt aber bei ihrem Harakiri-Kurs.

Innsbruck (OTS) - Griechenland hat am Montag eine Gebühr von 50.000 Euro beim Euro-Rettungsfonds EFSF eingezahlt und mit dieser Mini-Zahlung vermieden, dass der Rettungsfonds einen Zahlungsausfall feststellt. Heute bis 24 Uhr allerdings hätten die Griechen dem Internationalen Währungsfonds (IWF) eine Rate über 1,6 Mrd. Euro bezahlen müssen - und können das nicht, zumal die schwer verärgerte Eurogruppe das auslaufende Hilfsprogramm nicht verlängert hat. Damit geht die Krisen-Kettenreaktion weiter. Griechenland droht der Bankrott, möglicherweise das Ausscheiden aus dem Euro und sogar aus der EU. Vor allem aber droht Chaos im Land selbst, mit Auswirkungen, gegen welche sich die bisherigen Sparpakete, die sehr viele durch soziale Kürzungen hart getroffen haben, im Angesicht des noch Kommenden harmlos ausnehmen.
Einen ersten Vorgeschmack auf die Folgen jener Sackgasse, in die sie die Regierung des linkslinken Alexis Tsipras schon geführt hat, bekamen die Griechen gestern mit Kapitalverkehrs-Beschränkungen und geschlossenen Banken. Wäre gestern aufgesperrt worden, wäre das Banksystem möglicherweise schon gestern kollabiert. Vielen Griechen dämmert jetzt, aber das wohl zu spät, dass die Zeit für politische Spielereien vorbei ist.
In der für Sonntag angesetzten Volksabstimmung sollen die Griechen über das von den Geldgebern verlangte Reformpaket abstimmen, obwohl dieses ja seit Samstag gar nicht mehr gilt. Tsipras und seine Regierung empfehlen ein Nein, sprich die endgültige Staatspleite. Eine Regierung, die zunächst diese Zuspitzung zu verantworten hat und dafür der Bevölkerung auch noch die Verantwortung, sprich den Schwarzen Peter umhängen will, das ist unglaublich. Trotzdem ist unsicher, dass die Griechen aus Angst vor dem Bankrott, dem Chaos und drohenden massiven Wert- und Lohnkürzungen (der Staat könnte ja umgehend nicht einmal mehr Beamte und Pensionisten zahlen) für das Reformpaket stimmen. In diesem Fall wäre die Regierung Tsipras auch formell das, was sie politisch inhaltlich und mit ihrem Auftreten ohnehin seit ihrem Antritt ist: unhaltbar. Neuwahlen wären wohl unausweichlich, freilich auch da mit sehr unsicherem Ausgang, zumal Konservative und Sozialisten als mögliche Alternativen die Probleme des Landes mit jahrzehntelanger Unfähigkeit großteils verursacht haben.
Auch wenn darauf garantiert niemand in Europa gespannt ist: Die griechische Tragödie wird leider noch etliche Kapitel zu bieten haben.

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