• 24.06.2015, 11:35:01
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Malariafiebertherapie: Breite Anwendung in Wien war ein Sonderfall

MedUni Wien präsentierte Ergebnisse der Historikerkommission

Utl.: MedUni Wien präsentierte Ergebnisse der Historikerkommission =

Wien (OTS) - Die im März 2012 von der MedUni Wien eingesetzte
Historikerkommission, die sich in einem Forschungsprojekt den
Methoden in Forschung und PatientInnenbehandlung während der
Nachkriegszeit an der damaligen Wiener Universitätsklinik für
Psychiatrie und Neurologie widmete, hat heute bei einer
Pressekonferenz ihre Erkenntnisse präsentiert. Das zentrale Ergebnis:
Die Malariafieber-therapie war zwar in ihrer diagnosenübergreifenden,
breiten Anwendung an der Wiener Klinik ein Sonderfall, aber nach
damaligen Anschauungen zulässig. Es gibt aber Hinweise, dass in
Einzelfällen die Erhaltung des Malaria-Stammes im Vordergrund stand.

Die Untersuchung der unabhängigen Kommission unter der Leitung des
Historikers Gernot Heiss konzentrierte sich auf jene Diagnosen, die
an der Wiener Klinik unter der Leitung von Hans Hoff (1951 - 1969),
manchmal auch zum Einsatz der Malariafiebertherapie geführt hatten.
Es sind dies die fünf damaligen Diagnosefelder "Neurosyphilis",
"schizophrene" und "affektive Erkrankungen", "Intelligenzmängel" und
"Psychopathie". "Im Vergleich zu anderen Kliniken war das ein
deutlich breiteres Anwendungsfeld, das auf den positiven Erfahrungen
der behandelnden Ärztinnen und Ärzte aus den 1920er bis 1940er Jahren
begründet ist", erklärt Heiss.

Die psychiatrische Praxis befand sich therapeutisch in den Jahren
zwischen 1951 und 1969 international in einer Phase eines sukzessiven
Übergangs von den in der Zwischenkriegszeit entwickelten Therapien zu
den neuen Psychopharmaka. In dieser Periode der "pharmakologischen
Wende" in der Psychiatrie wurden parallel oder in Kombination
weiterhin die in den 1920er und 1930er Jahren eingeführten "Schock-
und Fieberkuren" (Malariafiebertherapie, Insulinkomatherapie,
Cardiazolkrampftherapie, Elektrokrampftherapie) und die neuen
medikamentösen Therapien (ab 1952 Neuroleptika, ab 1958
Antidepressiva) angewandt, wobei der damals von der psychiatrischen
"Scientific Community" akzeptierte Einsatz nicht nur von der
wissenschaftlichen Diskussion, sondern auch von der persönlichen
Erfahrung des Arztes bzw. der Ärztin bestimmt wurde.

Dazu stellt Gernot Heiss fest: "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass
die Malariafiebertherapie oder eine der anderen Therapien zu
´Versuchszwecken´ oder als Bestrafung eingesetzt wurde."
"Die Malaria-Infektion erfolgte immer durch Blutübertragung der
‚Malaria tertiana´ von Mensch zu Mensch, wobei die Infektion ohne die
Gefahr von Malariarezidiven, das heißt ohne Gefahr von neuerlichen
Malariafieberschüben, beendet werden konnte", erklärt Johannes
Wancata, Psychiater und Mitglied des Beirates. Das bedeutete
allerdings auch, dass der Stamm von Patient zu Patient weitergegeben
werden musste um erhalten zu bleiben. "In einzelnen Akten von
Patienten finden sich Bemerkungen wie ´kommt als Stammträger´, woraus
man interpretieren kann, dass diese Patienten primär als Stammträger
der Malaria tertiana behandelt wurden", sagt Wancata. Daher kann auch
nicht ausgeschlossen werden, dass in Einzelfällen eine Anwendung der
Malariatherapie zwar von der allgemeinen Diagnose her gerechtfertigt,
aber vor allem zur Aufrechterhaltung des Malaria-Tertiana-Stamms
erfolgte. Wancata betont, dass ein solches Vorgehen aus heutiger
Sicht klar abzulehnen sei: "Als Leiter einer der
Nachfolgeeinrichtungen der früheren Neurologisch-Psychiatrischen
Universitätsklinik bedauere ich diese damals durchgeführten
Maßnahmen."

Insgesamt untersuchte das zweijährige Forschungsprojekt der
Kommission, der neben Heiss noch der ehemalige Patientenanwalt der
Stadt Wien, Konrad Brustbauer, der Medizinrechtsexperte Christian
Kopetzki und die HistorikerInnen Mitchell Ash, Margarete Grandner,
Gabriella Hauch und Oliver Rathkolb angehörten, rund 90.000
PatientInnen-Akten, die im Archiv des Allgemeinen Krankenhauses
verfügbar sind. In die Datenbank zur statistischen Auswertung wurden
alle jene Fälle aufgenommen, in denen eine der fünf Diagnosen mit
einem Aufenthalt von mindestens fünf Tagen gestellt wurde, da davon
auszugehen war, dass bei einem kürzeren Aufenthalt keine der
untersuchten Behandlungen durchgeführt werden konnte. Somit kamen
14.919 Akten der Erwachsenenabteilungen in die Datenbank, darunter
waren 772 Fälle, in denen die Malariafiebertherapie angewandt wurde.
Von den ca. 2.400 Akten der Kinderstation betrafen insgesamt 35 Fälle
die Malariatherapie, wobei keines der Kinder aus einem Heim kam.

In Wien wurde die Malariatherapie laut Erkenntnissen der Kommission
im deutschsprachigen Raum in den 1960er-Jahren noch am längsten
eingesetzt. Heiss: "Nicht, weil man die pharmakologischen
Entwicklungen verschlafen hätte, sondern allein deshalb, weil Wiener
Kliniker - wohl vor allem Hans Hoff und seine Generation - positive
Erfahrungen mit dieser Therapie hatten und man in Wien länger als
woanders über einen Malaria-Stamm verfügte."

Über die Malariafiebertherapie

Die Malariafiebertherapie war von den 1920er-Jahren bis in die
1960er-Jahre weltweit vor allem gegen die
psychiatrisch-neurologischen Spätstadien der Syphilis zum Einsatz
gekommen und wurde auch bei anderen Erkrankungen in der Psychiatrie
eingesetzt. Dabei wurden die PatientInnen absichtlich mit einem gut
behandelbaren Malaria-Erreger infiziert, um durch die starken
Fieberschübe ein Abklingen der Erkrankungen zu erzielen. Die
Malariatherapie galt vor der möglichen Verwendung von Antibiotika als
die am besten wirksame Therapie bei Progressiver Paralyse, einem
Spätstadium der Syphilis.

Die Arbeit der Historikerkommission wird vom Bürgermeisterfonds der
Stadt Wien mit 107.000 und dem Jubiläumsfonds der Österreichischen
Nationalbank mit 101.000 Euro gefördert. Eine umfassende Publikation
in Buchform soll Anfang 2016 erscheinen.

Medizinische Universität Wien - Kurzprofil

Die Medizinische Universität Wien (kurz: MedUni Wien) ist eine der
traditionsreichsten medizinischen Ausbildungs- und Forschungsstätten
Europas. Mit fast 7.500 Studierenden ist sie heute die größte
medizinische Ausbildungsstätte im deutschsprachigen Raum. Mit ihren
27 Universitätskliniken und drei klinischen Instituten, 12
medizintheoretischen Zentren und zahlreichen hochspezialisierten
Laboratorien zählt sie auch zu den bedeutendsten
Spitzenforschungsinstitutionen Europas im biomedizinischen Bereich.

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