Kärnten: Fresach will Europäisches Toleranzzentrum werden

BP Fischer und LH Kaiser bei Eröffnung der ersten europäischen Toleranzgespräche – Begriff Toleranz im Mittelpunkt zeitgenössischer Überlegungen

Klagenfurt (OTS/LPD) - Bei einem Empfang in Villach wurden gestern, Donnerstag, die Europäischen Toleranzgespräche 2015 von Bundespräsident Heinz Fischer eröffnet. Landeshauptmann Peter Kaiser und Villachs Bürgermeister Günther Albel konnten 20 Denker, Philosophen und Wissenschaftler begrüßen. Die Gespräche selbst finden ab heute, Freitag, unter der Patronanz des P.E.N.-Club Austria und der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in Fresach statt. Gastgeber der dreitägigen Veranstaltung ist der Denk.Raum.Fresach, ein unabhängiger Verein für Toleranz und Integration in Europa. Im Rahmen der international besetzten Veranstaltung unter dem Motto "Wie weit geht Toleranz? Aufgaben für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft" werden zentrale Themen der aktuellen sozialen und politischen Krise beleuchtet. Hierzu kommen Sozialwissenschaftler ebenso wie Schriftsteller, Theologen und Ökonomen zu Wort.

Bei der heutigen Eröffnung in Fresach machte Bundespräsident Fischer einen Exkurs zur Entwicklung des Begriffs Toleranz. Schon Sokrates sei für das Gute und Gerechte eingetreten, so Fischer. "Man braucht Kraft zur Selbstkritik und muss sich selbst in Frage stellen, die Meinung des Gegenübers ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen." Sokrates habe damit eine eindeutige Gegenposition zum Despotismus formuliert. "Die Akzeptanz des Prinzips weltanschaulicher Toleranz ist ohne Demokratie und pluralistischer Gesellschaft nicht möglich." Toleranz sei ein Lebensprinzip, eine Haltung, eine Lebensweisheit. Andere Lebensentwürfe müssten akzeptiert werden. "Das Zusammenleben wird erleichtert mit Rücksicht auf den Nächsten, den Übernächsten und den noch weiter weg Befindlichen", so der Bundespräsident. Fischer dankte den Organisatoren und wünschte nicht nur der Premiere in Fresach ein gutes Gelingen, sondern vor allem eine erfolgreiche Fortsetzung in den kommenden Jahren.

"Der Denk.Raum.Fresach ist ein mutiges Zeichen und dass die Toleranzgespräche in unserem Bundesland stattfinden, lässt Kärnten zukunftsorientiert im Gespräch sein", sagte der Landeshauptmann. Im Laufe der Geschichte habe es einen Wandel des Begriffs Toleranz gegeben. "Toleranz ist Akzeptanz des Anderen. Es muss ein Verstehen, eine rationelle Akzeptanz dessen sein, dass etwas anders sein darf, sein kann und sein muss." Toleranz sei untrennbar mit dem Begriff Freiheit verbunden, denn Intoleranz sei Unfreiheit. Intoleranz habe weltweite Auswirkungen, wie beispielsweise der Bürgerkrieg in Syrien auch auf Kärnten. Toleranz sei auch unmittelbar verbunden mit der Staatsform Demokratie. Kaiser zitierte Bruno Kreisky, der gesagt hat, dass sich die Qualität einer Gesellschaft in der Behandlung ihrer Minderheiten zeige. "Sind wir nicht alle Minderheit und glücklich, wenn Toleranz eine aktive Haltung ist." Den Toleranzgesprächen in Fresach wünschte der Landeshauptmann gutes Gelingen und eine Fortsetzung im Sinne der Menschen dieses Landes, von Europa und überall auf der Welt.

"Toleranz ist Menschlichkeit überhaupt", sagte Superintendent Manfred Sauer in seiner Begrüßungsrede. Der Denk.Raum.Fresach wolle Toleranz in den Mittelpunkt zeitgenössischer Überlegungen stellen und habe die ersten europäischen Toleranzgespräche auf den Weg gebracht. "Die Anwesenheit so vieler Ehrengäste gibt Anerkennung, Motivation und Ermutigung, dieses faszinierende Projekt weiter zu betreiben."

Hannes Swoboda, Präsident des Kuratoriums Denk.Raum.Fresach, verwies auf zwei inhaltliche Punkte von großer Aktualität: "Ideen und Religionen darf man nie an jenen messen, die diese missbrauchen, sondern man muss immer auf den Kern schauen." Und in Bezug auf das aktuelle Flüchtlingsproblem sagte er, dass illegale Migration zurückgehen würde, wenn legale Wege geöffnet werden würden. In diesem Sinne habe man die Fresacher Erklärung verfasst.

Das neue Dialogforum Denk.Raum.Fresach ist eine Initiative für Europa und für die Alpen-Adria-Region. Toleranz braucht Mut, Entschlossenheit und das öffentliche Eintreten für jene, die am Rand stehen - In diesem Sinne will der Denk.Raum.Fresach einen Beitrag leisten, um der Intoleranz entgegenzutreten. Das neugegründete Forum soll Fresach als Ort für den europäischen Dialog über Toleranz, Integration und Menschenrechte etablieren.

Für die Toleranzgespräche wurde eine 50-prozentige Frauenquote festgelegt. Zu Wort kommen unter anderen die Sozialanthropologin Christa Markom, die Sozialwissenschaftlerin Claudia Brunner, die Nahost-Expertin Karin Kneissl, die Wernberger Ordensschwester Maria-Andreas Weißbacher, die Bürgerrechtlerin Philo Ikonya aus Kenia, die algerische Sprachwissenschaftlerin Zora Bouchentouf-Siagh, Danica Purg von der Bled School of Management, der Schriftsteller Alois Brandstetter, der deutsch-indische Autor Pravu Mazumdar oder der iranisch-stämmige Sama Maani. Höhepunkt der Gespräche wird die Verabschiedung der "Fresacher Erklärung zur Toleranz 2015" sein.

Unter den vielen Anwesenden waren unter anderen Landtagspräsident Reinhart Rohr, Bischof Alois Schwarz, Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche in Österreich, und Superintendentialkuratorin Helli Thelesklaf, weiters EU-Abgeordneter Eugen Freund und Hubert Stotter, Rektor der Diakonie de LaTour. Aus Anlass einer anderen Verpflichtung wurde die Rede von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in Form einer Videobotschaft zugespielt.
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