Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 25. April 2015. Von MANFRED MITTERWACHAUER. "Eine erkaltete Liebe".

Innsbruck (OTS) - Berechtigte Zweifel oder einfach nur schlechte Verlierer? Dass Stadt und Land den Song Contest in Innsbruck finanziell links liegen lassen, ist mehr als nur ein Missverständnis. Weil sich auch der ORF selbst gehörig verrechnet hat.

Der 60. Eurovision Song Contest (ESC), ausgetragen am 23. Mai in Wien, ist seit Donnerstagabend das ungeliebte Kellerkind des offiziellen Tirol. Weder die Stadt Innsbruck noch das Land Tirol werden dem vom ORF so forcierten Public Viewing einen Cent zuschießen. Abgesagte Auftritte von Vorjahressiegerin Conchita Wurst in Reutte und vom diesjährigen Österreich-Beitrag, den Makemakes, in Telfs passen haargenau ins Bild.
Mit der Inbrunst der Überzeugung lehnte am Donnerstag eine knappe, 21-köpfige Mehrheit aus Grünen, SPÖ, FPÖ, Liste Federspiel und Inn-Pirat jegliche finanzielle ESC-Beteiligung ab. Nicht nur, weil man eine "private Konsumfeier" weder mit den vom ORF via einen externen Veranstalter geforderten 40.000 Euro noch mit den als Kompromiss von BM Christine Oppitz-Plörer und der oppositionellen ÖVP befürworteten 20.000 Euro subventionieren will. Vielmehr überwog im Gemeinderat ganz generell die Skepsis, dass das ESC-Event überhaupt genug Zugkraft hat, um das Tiroler Publikum für eine öffentliche Massenveranstaltung begeistern zu können. Eine Sorge, die begründbar ist. In einer Online-Umfrage der TT gaben erst kürzlich 85 Prozent ihr Desinteresse an einem Public Viewing an. Und Hand aufs Herz: Wer erinnert sich noch an die letzten drei ESC-Städte?
Im ORF-Landesstudio Tirol ist der Katzenjammer groß. Landesstudiochef Helmut Krieghofer hat vor Generaldirektor Alexander Wrabetz Erklärungsbedarf, wieso ausgerechnet Tirol als einziges Bundesland aus der ESC-Reihe tanzt. Krieghofer dürfte sich verrechnet haben. Noch mitten im Austragungsrennen zwischen Innsbruck, Wien und Graz hielten Stadt und Land dem ORF ein zwölf Millionen Euro schweres "Sorglospaket" vor die Nase, um den ESC in die Olympiaworld zu locken. 100.000 Euro für ein Public Viewing hätten jetzt also kein Problem sein sollen. Daher wurden die Anträge auf Finanzhilfe beiden Gebietskörperschaften regelrecht vor den Latz geknallt. Dass man nun für das ESC-Patschenkino zahlen hätte müssen, stieß den Verantwortlichen aber erneut sauer auf.
Die Stadt mag gewichtige Argumente haben - dennoch wird der Geruch des schlechten Verlierers an ihr haften bleiben. Wer sich via Olympiaworld allein die ESC-Bewerbung 63.000 Euro kosten lässt und für ein einziges Conchita-Wurst-Konzert 30.000 Euro auf den Tisch blättert, darf sich darüber nicht wirklich wundern. Zumal man an Wien als siegreiche ESC-Austragungsstätte nie ein gutes Haar gelassen hat. Tirol, Innsbruck und der Song Contest - das war einmal. Diese Liebe ist endgültig erkaltet.

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