Presserat: Bericht über „tobende Türkin“ in „Kronen Zeitung“ verstößt gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Artikel "Polizei-Einsatz bei Krippenspiel", erschienen in der "Kronen Zeitung" vom 16.12.2014, verstößt laut Senat 1 des Presserats gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.
In dem Artikel wird berichtet, dass in einer Wiener Volksschule eine Türkin in die Vorbereitungen eines Krippenspiels "geplatzt" sei und plötzlich zu toben begonnen habe. Zitiert wird auch die Mutter einer neunjährigen Volksschülerin. Ihr zufolge habe die "verschleierte Frau" sich nicht beruhigen lassen und alle Kinder verschreckt. Schließlich haben die Tochter und der Mann der Türkin "in das lautstarke Geheul eingestimmt". Laut der interviewten Mutter konnten Polizisten "mit bereits gezücktem Pfefferspray" die drei lärmenden Personen zur Räson bringen. Abschließend wird im Artikel festgehalten, dass die Türkin mit einer schweren Psychose in eine Nervenklinik gebracht worden sei.
Dem Presserat liegt ein Brief der Direktorin der Volksschule an alle Eltern wegen dieses Artikels vor. Darin wird festgehalten, dass die Person, die einen Nervenzusammenbruch erlitten habe, nicht "eine verschleierte Türkin" gewesen sei, sondern eine Großmutter einer Schülerin, die das Krippenspiel besuchen wollte. Als die Großmutter die Klasse der Enkelin betreten wollte, sei die Lehrerin kollabiert. Daraufhin habe die Großmutter einen Nervenzusammenbruch erlitten, da sie durch den Vorfall an den Unfalltod ihres Sohnes erinnert worden sei. Es stimme nicht, dass die Großmutter in das Krippenspiel "hereingeplatzt" sei und plötzlich zu schreien begonnen habe. Auch die Angaben zum Polizeieinsatz seien falsch.
Die "Kronen Zeitung" hat trotz Einladung durch den Presserat keine Stellungnahme abgegeben und am Verfahren nicht teilgenommen.
Der Senat ist der Auffassung, dass der vorliegende Artikel Punkt 2.1 des Ehrenkodex widerspricht, wonach Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in Recherche und Wiedergabe von Nachrichten oberste Verpflichtung von Journalistinnen und Journalisten sind.
Die tatsächlichen Umstände des Vorfalls hätten bei der Schulleitung oder dem Träger der Schule nach Meinung des Senats verhältnismäßig einfach recherchiert werden können. Eine derartig eklatant falsche Berichterstattung ist mit den medienethischen Vorgaben des Ehrenkodex nicht vereinbar.
Darüber hinaus verletzt der Bericht auch Punkt 7.2 des Ehrenkodex, der vor Diskriminierungen aus nationalen und religiösen Gründen schützt: Im Artikel ist zu Unrecht von einer "tobenden" bzw. "tobsüchtigen Türkin" die Rede, die das Weihnachtsspiel in einer christlichen Schule gestört haben soll. Die Türkin habe schreiend die "weihnachtliche Stimmung" gestört. Die Frau sei "verschleiert" gewesen und habe "alle Kinder verschreckt".
Der Senat forderte die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" auf, die vorliegende Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND VON MITTEILUNGEN VON LESERINNEN UND LESERN
Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 1 des Presserats aufgrund von Mitteilungen von Leserinnen und Lesern ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.
Bisher hat sich die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | OPR0001