- 17.03.2015, 07:59:08
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 17. März 2015, von Manfred Mitterwachauer: "Das Flechten alter Zöpfe"
Innsbruck (OTS) - Gletscher-Zusammenschluss, Kalkkögel-Überquerung,
Bürgermeister-Lifte: Ob im Großen oder Kleinen - mit den derzeitigen
touristischen Expansionsplänen tritt Tirol auf der Stelle. Auch, weil
das Neue zu sehr im Alten gesucht wird.
Höher, weiter, schneller: Diese drei Leitmotive des Sports bilden
seit jeher auch das Credo der Tiroler Seilbahnwirtschaft. Der heutige
Tiroler Tourismus wäre ohne sie weder vorstellbar noch zu
bewerkstelligen. Das ist unbestritten. Dieses Wissen im Hinterkopf
hat in der jüngeren Tourismusgeschichte im selbst ernannten "Herz der
Alpen" nicht nur einmal umstrittenen lifttechnischen
Erschließungsprojekten den - politischen - Weg geebnet, um nur die
Wilde Krimml im Zillertal oder den Piz Val Gronda im Oberland zu
nennen.
An dieser Denke hat sich bis heute in Tirol nichts geändert. Die
jüngsten Diskussionen über die Kalkkögel-Überquerung, der x-te Anlauf
für die Verschmelzung des Ötz- und Pitztaler Gletscherskigebietes und
letztlich sowohl das Festhalten an so manchem defizitären
Bürgermeister-Lift legen eindrucksvoll ein Zeugnis ab, dass nach wie
vor in alten Mustern das Heil der Zukunft erkannt wird. Auch die
Patscherkofel-Debatte steht hierfür exemplarisch.
Höher, weiter, schneller - was im Spitzensport heute mehr denn je
Garant für Medaillen aller Art ist, funktioniert im Tourismus aber
immer weniger. Mit jedem neuen Lift, mit jedem neuen Klettersteig
oder mit jedem neuen "naturnahen" Erlebnispfad produzieren wir nichts
anderes als alpenländischen Einheitsbrei. Der innere Antrieb dazu ist
und bleibt ein starrer Blick auf die in- wie ausländische Konkurrenz.
Und als simple, weil schnelle Antwort wird in der Regel nur die
touristische Copy+Paste-Taste gedrückt. Allenfalls vermeldete
Nächtigungsrekorde taugen zwar, um Kritik hintanzuhalten, täuschen
aber über strukturelle Defizite nicht hinweg.
Sofern Strategiepläne im Land vorliegen, quellen sie vor Worthülsen
und Marketing-Platitüden über. Das, was Tirol brauchen würde, um
wieder von der touristischen Meterware wegzukommen und zum Pionier in
der weltweiten Tourismuswirtschaft zu werden, sind landesweit
angewandte und dennoch regional verankerte Visionen, denen mit
konkreten Ideen und Konzepten Leben eingehaucht wird. Und zwar
solche, die lange vor ihrer Realisierung die heimische
Freizeit-Industrie von Grunde auf hinterfragt haben. Mit
fantasielosen Evolutionen wird im Tiroler Tourismus bald kein
Königreich mehr zu gewinnen sein - was es braucht, ist eine kleine
Revolution. Doch diese ist nicht in Sicht. Auch, weil die Tirol
Werbung mehr verwaltet als gestaltet und im ehemaligen Zukunftsbüro
des Landes die Zukunft in Jahren und nicht in Jahrzehnten gemessen
wurde. Und weil es für viele immer noch bequemer ist, alte Zöpfe zu
flechten, als sie endlich abzuschneiden.
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