TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 17. März 2015, von Manfred Mitterwachauer: "Das Flechten alter Zöpfe"

Innsbruck (OTS) - Gletscher-Zusammenschluss, Kalkkögel-Überquerung, Bürgermeister-Lifte: Ob im Großen oder Kleinen - mit den derzeitigen touristischen Expansionsplänen tritt Tirol auf der Stelle. Auch, weil das Neue zu sehr im Alten gesucht wird.

Höher, weiter, schneller: Diese drei Leitmotive des Sports bilden seit jeher auch das Credo der Tiroler Seilbahnwirtschaft. Der heutige Tiroler Tourismus wäre ohne sie weder vorstellbar noch zu bewerkstelligen. Das ist unbestritten. Dieses Wissen im Hinterkopf hat in der jüngeren Tourismusgeschichte im selbst ernannten "Herz der Alpen" nicht nur einmal umstrittenen lifttechnischen Erschließungsprojekten den - politischen - Weg geebnet, um nur die Wilde Krimml im Zillertal oder den Piz Val Gronda im Oberland zu nennen.

An dieser Denke hat sich bis heute in Tirol nichts geändert. Die jüngsten Diskussionen über die Kalkkögel-Überquerung, der x-te Anlauf für die Verschmelzung des Ötz- und Pitztaler Gletscherskigebietes und letztlich sowohl das Festhalten an so manchem defizitären Bürgermeister-Lift legen eindrucksvoll ein Zeugnis ab, dass nach wie vor in alten Mustern das Heil der Zukunft erkannt wird. Auch die Patscherkofel-Debatte steht hierfür exemplarisch.

Höher, weiter, schneller - was im Spitzensport heute mehr denn je Garant für Medaillen aller Art ist, funktioniert im Tourismus aber immer weniger. Mit jedem neuen Lift, mit jedem neuen Klettersteig oder mit jedem neuen "naturnahen" Erlebnispfad produzieren wir nichts anderes als alpenländischen Einheitsbrei. Der innere Antrieb dazu ist und bleibt ein starrer Blick auf die in- wie ausländische Konkurrenz. Und als simple, weil schnelle Antwort wird in der Regel nur die touristische Copy+Paste-Taste gedrückt. Allenfalls vermeldete Nächtigungsrekorde taugen zwar, um Kritik hintanzuhalten, täuschen aber über strukturelle Defizite nicht hinweg.

Sofern Strategiepläne im Land vorliegen, quellen sie vor Worthülsen und Marketing-Platitüden über. Das, was Tirol brauchen würde, um wieder von der touristischen Meterware wegzukommen und zum Pionier in der weltweiten Tourismuswirtschaft zu werden, sind landesweit angewandte und dennoch regional verankerte Visionen, denen mit konkreten Ideen und Konzepten Leben eingehaucht wird. Und zwar solche, die lange vor ihrer Realisierung die heimische Freizeit-Industrie von Grunde auf hinterfragt haben. Mit fantasielosen Evolutionen wird im Tiroler Tourismus bald kein Königreich mehr zu gewinnen sein - was es braucht, ist eine kleine Revolution. Doch diese ist nicht in Sicht. Auch, weil die Tirol Werbung mehr verwaltet als gestaltet und im ehemaligen Zukunftsbüro des Landes die Zukunft in Jahren und nicht in Jahrzehnten gemessen wurde. Und weil es für viele immer noch bequemer ist, alte Zöpfe zu flechten, als sie endlich abzuschneiden.

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