E-Wirtschaft diskutierte sozial gerechte Energiewende

Sozialminister Rudolf Hundstorfer plädiert für Kostentransparenz als Basis

Wien (OTS) - Für eine faire Verteilung von Nutzen und Lasten der Energiewende sprachen sich die Teilnehmer einer hochrangig besetzten Diskussionsveranstaltung von Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung der österreichischen E-Wirtschaft aus. Sozialminister Rudolf Hundstorfer, E-Control-Vorstand Martin Graf, Peter Koren, Vize-Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Franz Strempfl, Sprecher Netze von Oesterreichs Energie und Wolfgang Fritz, Geschäftsführer des renommierten Beratungsunternehmens Consentec diskutierten vor rund 140 Besuchern Fragen einer künftigen sozial ausgewogenen und möglichst verursachergerechten Ausgestaltung der Stromnetzfinanzierung.

Insbesondere der erwartete massive Ausbau der Fotovoltaik in Österreich wird bei der künftigen Netzfinanzierung zu berücksichtigen sein. Allein die Erfüllung der Ziele der Energiestrategie von 2010, die weit unter aktuellen Prognosen liegt, würde einen Netzzugang von 1200 MW aus Fotovoltaik-Produktion bringen, was umgerechnet 200.000 Klein-PV-Anlagen entsprechen würde. Erforderlich sind dafür die Verstärkung von 3000 km Niederspannungsnetzen, der Zubau von 300 MVA Trafoleistung und ein Finanzierungsbedarf von bis zu 300 Mio. Euro.

Zudem verschieben sich die Belastungen für die Stromkunden: Laut Beispielsrechnungen der Austrian Energy Agency im Auftrag von Oesterreichs Energie bezahlen die Bewohner eines Einfamilienhauses mit einem Jahresverbrauch von 4500 kWh Strom im Schnitt 895 Euro für Strom. Davon entfallen 308 Euro auf die Energie, 237 Euro auf die Netzkosten, 217 Euro kassiert der Staat an Abgaben und Gebühren, 33 Euro gehen an die Gemeinde (Verbrauchsabgabe) und 1010 Euro fallen für Ökostromförderung an. Installiert man nun auf diesem Haus eine Fotovoltaikanlage mit 4 KWpeak, verändert sich die Stromrechnung deutlich: Der Haushalt speist rund 2800 kWh pro Jahr Strom ins Netz ein und bezieht 3300 kWh Strom aus dem Netz. Dass mehr als die Hälfte des selbst erzeugten Stroms eingespeist wird, liegt vor allem daran, dass der größte Stromverbrauch des Haushalts nicht zu jenen Zeiten stattfindet, wo die PV-Anlage die größte Leistung bietet. "In der Stromrechnung ergibt sich daraus, dass der Haushalt mit einer Fotovoltaikanlage um 51 Euro weniger an Netzgebühren zahlt als bisher und sich zudem 76 Euro an Ökostromförderung und Abgaben erspart. Das hat keinen Einfluss auf die Finanzierung der Netzbetreiber. Ihre regulierten Kosten müssen dann in zunehmendem Ausmaß von den anderen Stromkunden gezahlt werden", erklärte DI Günter Pauritsch, Leiter Center Energiewirtschaft, Infrastruktur, Energiepartnerschaften der Austrian Energy Agency. Haushalte ohne Fotovoltaik müssten damit auch die steigenden Anteile der Netzkosten und der Ökostromförderung schultern.

Umstellung der Netzfinanzierung beinhaltet Risiken und Nebenwirkungen

Am ehesten gerecht wäre es, bei den Mehrkosten bei der Eigenerzeugung anzusetzen, erklärte DI Wolfgang Fritz, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Consentec. "Bei abnehmendem Energieverbrauch, aber einer Erhöhung der Netzleistung, könnten Leistungs- oder Grundpreise erhöht werden. Allerdings muss im Sinne der Verteilungswirkung beachtet werden, dass es vor allem für Haushalte mit geringem Energieverbrauch teurer würde." Es mache keinen Sinn, Verbraucher dazu zu animieren, mehr Strom zu verbrauchen, umso wieder gleichbleibende Netzkosten zu erzielen. "Man könnte die Preise auch stärker an der vertraglich vereinbarten Leistung anlehnen - aber letzten Endes wird es nur über höhere Grundpreise zu einem Ausgleich kommen können." Durch die in den nächsten Jahren vorgesehene Einführung von Smart Meter könnten auch flexible Leistungsentnahmen oder -Einspeisungen entsprechend bepreist werden. Klar sei jedenfalls, so Fritz, dass das Netz "nicht billiger wird - im Gegenteil." Das müsse ehrlich vermittelt werden, hier sei vor allem die Politik gefragt. "Kostenblöcke verteilen bringt immer Gewinner und Verlierer", stellte Fritz fest, "das muss man aber auch den Verursachern der Kosten klar machen."

Für Mag. Martin Graf, Vorstand E-Control Austria, hat Österreich viele Hausaufgaben zur Lösung der Kostenverteilungsgerechtigkeit bereits gemacht. "Jetzt müssen zukünftige Netztarifmodelle entwickelt werden, wobei eine Grundgebührenerhöhung allein zu wenig wäre. Wir müssen Tarifmodell der Zukunft entwickeln. Es ist positiv, wenn diese Diskussion schon sehr früh beginnt." Die Verteilungsfrage betreffe ja auch Industrie oder Erzeuger. Die etwaige Erhöhung der Grundgebühr wäre natürlich auch eine soziale Frage." Graf warnte jedoch davor, "mit Kanonen auf Spatzen zu schießen". Die E-Control sei mit dem gültigen Tarifmodell an sich zufrieden, es seien nun aber Verhandlungen über künftige Netztarifmodelle und die Kostenverteilung - die beispielsweise auch eine Echtzeittarifierung inkludieren könnten - aufzunehmen.

Mag. Peter Koren, Vize-Generalsekretär der Industriellenvereinigung, kritisierte die Auswirkungen der "unseligen Energiewende", die "konzeptlos und über Nacht" in Deutschland eingeführt worden sei. Positiv sei, dass Stromkunden in Österreich seit der Liberalisierung mehr als 10 Mrd. Euro an Kosten gespart hätten, auch im Gasbereich sei es rund eine Mrd. Euro. In Zukunft würden die Netze "eine zentrale Rolle für die Versorgungssicherheit". spielen, so Koren. Dennoch müsse die Frage, wer am Ende bezahle, geklärt werden. "Vielleicht funktioniert die Versorgung sogar zu gut", merkte Koren an. Daraus folge, dass Konsumenten die Notwendigkeit von Investitionen in die Netze gar nicht bewusst sei. Für künftige Überlegungen fordert Koren vor allem Kostentransparenz und Entwicklung von Kostenmodellen, aber auch eine Weiterentwicklung des Unbundling. Er sieht den Diskussionsbeginn als "richtigen ersten Schritt auf einem langen Weg" zu neuen Modellen.

Hundstorfer: "Gordischer Knoten" Fairness

Sozialminister Rudolf Hundstorfer unterstützte die Forderung nach einer klaren Offenlegung. Die Weiterentwicklung der Energiewirtschaft in Bezug auf Netzsicherheit sei ein zentrales Thema. "Wir werden den Netzausbau zusammen bringen müssen, das muss auch Salzburg irgendwann einmal einsehen", meinte der Minister pointiert. In der Frage des Fotovoltaik-Ausbaus merkte Hundstorfer an, dass allein die Möglichkeiten dazu schon nicht gerecht wären: "Wir haben hier nun einmal ein Stadt-Land-Gefälle", so der Minister, "und es gibt auch unterschiedliche Förderungen je Bundesland." Nicht zuletzt, so Hundstorfer, zahlen die Haushalte derzeit 55 Prozent der Netzkosten, verbrauchen aber nur 25 Prozent der Energie. "Ist das gerecht?", fragte Hundstorfer. Auch das müsse berücksichtigt werden in neuen Modellen, so der Minister, der in der Frage der Fairness beim Strompreis von einem "gordischen Knoten" sprach.

Franz Strempfl, Sprecher Netze von Oesterreichs Energie, ist überzeugt, dass "zwei Drittel aller Österreicher mehr Energie aus erneuerbarer Erzeugung wollen." Nachsatz: "Aber wer bezahlt das?" In die Netze müssen laut Strempfl bis 2020 rund acht Mrd. Euro investiert werden, davon allein 2,5 Mrd. in das Übertragungsnetz. "Wir dürfen die Kosten, die aus der Strom- bzw. Energiewende entstehen, nicht einfach umlegen", so Strempfl: "Fairness wäre daher im Prinzip nur herzustellen, wenn diese Kosten, die ansonsten auf die Allgemeinheit umverteilt werden, in die Grundgebühren eingebaut werden." Auch der Staat werde wahrscheinlich über kurz oder lang Wege suchen, die zu erwartenden Steuerausfälle auszugleichen. Denn die Kunden würden bei der Installation einer PV-Anlage in der Regel wohl weniger die CO2-Einsparung im Fokus haben, als die Reduktion ihrer Stromrechnung. Außerdem seien Anlagen zur Produktion erneuerbarer Energien "gut gefördert", große Anlagen hätten überdurchschnittlich hohe Renditen. Aber wenn in der Steiermark heuer die Netztarife erstmals seit vielen Jahren um 5,5 Prozent erhöht werden, gäbe es großen Aufschrei. "Im Schnitt sprechen wir hier von einer Mehrbelastung von 90 Cent pro Monat", relativierte Strempfl.

In seinem Schlusswort hielt Wolfgang Anzengruber, Präsident von Oesterreichs Energie, fest: "Die Lösung dieser Fragen wird nicht trivial - und sie wird uns die nächsten Jahre noch beschäftigen. Wenn wir von Energiewende sprechen, meinen wir eigentlich eine Stromwende - obwohl Strom nur 20 Prozent der Energie ausmacht, die wir in Österreich insgesamt benötigen." Das Ziel sei eine Dekarbonisierung der Stromerzeugung, so Anzengruber weiter. "Aber es muss auch allen klar sein: Die erneuerbaren Energien gibt es nicht umsonst, die kosten auch etwas. Und acht Mrd. Euro Investitionskosten in die Netze werden letzten Endes die Kunden bezahlen müssen." Das Ziel von Oesterreichs Energie sei es, hier nach dem Verursachungsprinzip vorzugehen, betonte Anzengruber.

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