• 12.03.2015, 12:09:26
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E-Wirtschaft diskutierte sozial gerechte Energiewende

Sozialminister Rudolf Hundstorfer plädiert für Kostentransparenz als Basis

Utl.: Sozialminister Rudolf Hundstorfer plädiert für
Kostentransparenz als Basis =

Wien (OTS) - Für eine faire Verteilung von Nutzen und Lasten der
Energiewende sprachen sich die Teilnehmer einer hochrangig besetzten
Diskussionsveranstaltung von Oesterreichs Energie, der
Interessenvertretung der österreichischen E-Wirtschaft aus.
Sozialminister Rudolf Hundstorfer, E-Control-Vorstand Martin Graf,
Peter Koren, Vize-Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Franz
Strempfl, Sprecher Netze von Oesterreichs Energie und Wolfgang Fritz,
Geschäftsführer des renommierten Beratungsunternehmens Consentec
diskutierten vor rund 140 Besuchern Fragen einer künftigen sozial
ausgewogenen und möglichst verursachergerechten Ausgestaltung der
Stromnetzfinanzierung.

Insbesondere der erwartete massive Ausbau der Fotovoltaik in
Österreich wird bei der künftigen Netzfinanzierung zu berücksichtigen
sein. Allein die Erfüllung der Ziele der Energiestrategie von 2010,
die weit unter aktuellen Prognosen liegt, würde einen Netzzugang von
1200 MW aus Fotovoltaik-Produktion bringen, was umgerechnet 200.000
Klein-PV-Anlagen entsprechen würde. Erforderlich sind dafür die
Verstärkung von 3000 km Niederspannungsnetzen, der Zubau von 300 MVA
Trafoleistung und ein Finanzierungsbedarf von bis zu 300 Mio. Euro.

Zudem verschieben sich die Belastungen für die Stromkunden: Laut
Beispielsrechnungen der Austrian Energy Agency im Auftrag von
Oesterreichs Energie bezahlen die Bewohner eines Einfamilienhauses
mit einem Jahresverbrauch von 4500 kWh Strom im Schnitt 895 Euro für
Strom. Davon entfallen 308 Euro auf die Energie, 237 Euro auf die
Netzkosten, 217 Euro kassiert der Staat an Abgaben und Gebühren, 33
Euro gehen an die Gemeinde (Verbrauchsabgabe) und 1010 Euro fallen
für Ökostromförderung an. Installiert man nun auf diesem Haus eine
Fotovoltaikanlage mit 4 KWpeak, verändert sich die Stromrechnung
deutlich: Der Haushalt speist rund 2800 kWh pro Jahr Strom ins Netz
ein und bezieht 3300 kWh Strom aus dem Netz. Dass mehr als die Hälfte
des selbst erzeugten Stroms eingespeist wird, liegt vor allem daran,
dass der größte Stromverbrauch des Haushalts nicht zu jenen Zeiten
stattfindet, wo die PV-Anlage die größte Leistung bietet. "In der
Stromrechnung ergibt sich daraus, dass der Haushalt mit einer
Fotovoltaikanlage um 51 Euro weniger an Netzgebühren zahlt als bisher
und sich zudem 76 Euro an Ökostromförderung und Abgaben erspart. Das
hat keinen Einfluss auf die Finanzierung der Netzbetreiber. Ihre
regulierten Kosten müssen dann in zunehmendem Ausmaß von den anderen
Stromkunden gezahlt werden", erklärte DI Günter Pauritsch, Leiter
Center Energiewirtschaft, Infrastruktur, Energiepartnerschaften der
Austrian Energy Agency. Haushalte ohne Fotovoltaik müssten damit auch
die steigenden Anteile der Netzkosten und der Ökostromförderung
schultern.

Umstellung der Netzfinanzierung beinhaltet Risiken und
Nebenwirkungen

Am ehesten gerecht wäre es, bei den Mehrkosten bei der Eigenerzeugung
anzusetzen, erklärte DI Wolfgang Fritz, Geschäftsführer des
Beratungsunternehmens Consentec. "Bei abnehmendem Energieverbrauch,
aber einer Erhöhung der Netzleistung, könnten Leistungs- oder
Grundpreise erhöht werden. Allerdings muss im Sinne der
Verteilungswirkung beachtet werden, dass es vor allem für Haushalte
mit geringem Energieverbrauch teurer würde." Es mache keinen Sinn,
Verbraucher dazu zu animieren, mehr Strom zu verbrauchen, umso wieder
gleichbleibende Netzkosten zu erzielen. "Man könnte die Preise auch
stärker an der vertraglich vereinbarten Leistung anlehnen - aber
letzten Endes wird es nur über höhere Grundpreise zu einem Ausgleich
kommen können." Durch die in den nächsten Jahren vorgesehene
Einführung von Smart Meter könnten auch flexible Leistungsentnahmen
oder -Einspeisungen entsprechend bepreist werden. Klar sei
jedenfalls, so Fritz, dass das Netz "nicht billiger wird - im
Gegenteil." Das müsse ehrlich vermittelt werden, hier sei vor allem
die Politik gefragt. "Kostenblöcke verteilen bringt immer Gewinner
und Verlierer", stellte Fritz fest, "das muss man aber auch den
Verursachern der Kosten klar machen."

Für Mag. Martin Graf, Vorstand E-Control Austria, hat Österreich
viele Hausaufgaben zur Lösung der Kostenverteilungsgerechtigkeit
bereits gemacht. "Jetzt müssen zukünftige Netztarifmodelle entwickelt
werden, wobei eine Grundgebührenerhöhung allein zu wenig wäre. Wir
müssen Tarifmodell der Zukunft entwickeln. Es ist positiv, wenn diese
Diskussion schon sehr früh beginnt." Die Verteilungsfrage betreffe ja
auch Industrie oder Erzeuger. Die etwaige Erhöhung der Grundgebühr
wäre natürlich auch eine soziale Frage." Graf warnte jedoch davor,
"mit Kanonen auf Spatzen zu schießen". Die E-Control sei mit dem
gültigen Tarifmodell an sich zufrieden, es seien nun aber
Verhandlungen über künftige Netztarifmodelle und die Kostenverteilung
- die beispielsweise auch eine Echtzeittarifierung inkludieren
könnten - aufzunehmen.

Mag. Peter Koren, Vize-Generalsekretär der Industriellenvereinigung,
kritisierte die Auswirkungen der "unseligen Energiewende", die
"konzeptlos und über Nacht" in Deutschland eingeführt worden sei.
Positiv sei, dass Stromkunden in Österreich seit der Liberalisierung
mehr als 10 Mrd. Euro an Kosten gespart hätten, auch im Gasbereich
sei es rund eine Mrd. Euro. In Zukunft würden die Netze "eine
zentrale Rolle für die Versorgungssicherheit". spielen, so Koren.
Dennoch müsse die Frage, wer am Ende bezahle, geklärt werden.
"Vielleicht funktioniert die Versorgung sogar zu gut", merkte Koren
an. Daraus folge, dass Konsumenten die Notwendigkeit von
Investitionen in die Netze gar nicht bewusst sei. Für künftige
Überlegungen fordert Koren vor allem Kostentransparenz und
Entwicklung von Kostenmodellen, aber auch eine Weiterentwicklung des
Unbundling. Er sieht den Diskussionsbeginn als "richtigen ersten
Schritt auf einem langen Weg" zu neuen Modellen.

Hundstorfer: "Gordischer Knoten" Fairness

Sozialminister Rudolf Hundstorfer unterstützte die Forderung nach
einer klaren Offenlegung. Die Weiterentwicklung der Energiewirtschaft
in Bezug auf Netzsicherheit sei ein zentrales Thema. "Wir werden den
Netzausbau zusammen bringen müssen, das muss auch Salzburg irgendwann
einmal einsehen", meinte der Minister pointiert. In der Frage des
Fotovoltaik-Ausbaus merkte Hundstorfer an, dass allein die
Möglichkeiten dazu schon nicht gerecht wären: "Wir haben hier nun
einmal ein Stadt-Land-Gefälle", so der Minister, "und es gibt auch
unterschiedliche Förderungen je Bundesland." Nicht zuletzt, so
Hundstorfer, zahlen die Haushalte derzeit 55 Prozent der Netzkosten,
verbrauchen aber nur 25 Prozent der Energie. "Ist das gerecht?",
fragte Hundstorfer. Auch das müsse berücksichtigt werden in neuen
Modellen, so der Minister, der in der Frage der Fairness beim
Strompreis von einem "gordischen Knoten" sprach.

Franz Strempfl, Sprecher Netze von Oesterreichs Energie, ist
überzeugt, dass "zwei Drittel aller Österreicher mehr Energie aus
erneuerbarer Erzeugung wollen." Nachsatz: "Aber wer bezahlt das?" In
die Netze müssen laut Strempfl bis 2020 rund acht Mrd. Euro
investiert werden, davon allein 2,5 Mrd. in das Übertragungsnetz.
"Wir dürfen die Kosten, die aus der Strom- bzw. Energiewende
entstehen, nicht einfach umlegen", so Strempfl: "Fairness wäre daher
im Prinzip nur herzustellen, wenn diese Kosten, die ansonsten auf die
Allgemeinheit umverteilt werden, in die Grundgebühren eingebaut
werden." Auch der Staat werde wahrscheinlich über kurz oder lang Wege
suchen, die zu erwartenden Steuerausfälle auszugleichen. Denn die
Kunden würden bei der Installation einer PV-Anlage in der Regel wohl
weniger die CO2-Einsparung im Fokus haben, als die Reduktion ihrer
Stromrechnung. Außerdem seien Anlagen zur Produktion erneuerbarer
Energien "gut gefördert", große Anlagen hätten überdurchschnittlich
hohe Renditen. Aber wenn in der Steiermark heuer die Netztarife
erstmals seit vielen Jahren um 5,5 Prozent erhöht werden, gäbe es
großen Aufschrei. "Im Schnitt sprechen wir hier von einer
Mehrbelastung von 90 Cent pro Monat", relativierte Strempfl.

In seinem Schlusswort hielt Wolfgang Anzengruber, Präsident von
Oesterreichs Energie, fest: "Die Lösung dieser Fragen wird nicht
trivial - und sie wird uns die nächsten Jahre noch beschäftigen. Wenn
wir von Energiewende sprechen, meinen wir eigentlich eine Stromwende
- obwohl Strom nur 20 Prozent der Energie ausmacht, die wir in
Österreich insgesamt benötigen." Das Ziel sei eine Dekarbonisierung
der Stromerzeugung, so Anzengruber weiter. "Aber es muss auch allen
klar sein: Die erneuerbaren Energien gibt es nicht umsonst, die
kosten auch etwas. Und acht Mrd. Euro Investitionskosten in die Netze
werden letzten Endes die Kunden bezahlen müssen." Das Ziel von
Oesterreichs Energie sei es, hier nach dem Verursachungsprinzip
vorzugehen, betonte Anzengruber.

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