TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 16.02.2015, Leitartikel von Christian Jentsch: "Und die Gräben werden immer tiefer"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen zittert Europa vor dem Terror. Einem Terror, der unsere demokratischen Gesellschaften vor gewaltige Herausforderungen stellt. Und nicht nur die Politik fordert.

Nach dem Albtraum von Paris geriet am Wochenende die dänische Hauptstadt Kopenhagen in das Visier des Terrors. Der Angriff auf ein Kulturcafé galt offenbar dem schwedischen Zeichner Lars Vilks, auf den das Terrornetzwerk Al-Kaida wegen seiner Mohammed-Karikatur bereits im Jahr 2007 150.000 Dollar Kopfgeld ausgesetzt hatte. Und wieder einmal wurde eine Synagoge Ziel eines blutigen Attentats. Wieder mussten Menschen sterben.
Europa ist in Alarmbereitschaft, die Angst vor dem Terror radikaler Islamisten geht um. Fundamentalisten, welche den Errungenschaften der Aufklärung
den Krieg erklärt haben und jüdische Gemeinden in Angst und Schrecken versetzen, stellen Europa vor eine gewaltige Aufgabe. Es geht darum, unsere Werte - vor allem auch jene der Toleranz und
Meinungsfreiheit - zu verteidigen und andererseits den Terrorismus effektiv zu bekämpfen.
"Wir werden unsere Demokratie verteidigen", sagte die dänische Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt nach den Anschlägen von Kopenhagen. Und Dänemarks Königin Margrethe beschwor die Dänen, nach den Terroranschlägen als Gemeinschaft zusammenzuhalten.
Jenen, die allen Andersgläubigen den Krieg erklärt haben, muss die Stirn geboten werden. Das gilt für radikale Islamisten auf ihrem blutigen Feldzug ebenso wie für andere menschenverachtende Gesinnungen. "Unsere Antwort auf den Terror lautet: mehr Offenheit, mehr Demokratie, aber nicht Naivität", erklärte 2011 der damalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg nach den fürchterlichen Anschlägen des Rechtsterroristen Anders Behring Breivik in Norwegen.
Wie gesagt: Die westlichen Demokratien stehen vor einer gewaltigen Aufgabe. Denn eines ist klar - die Gräben in der Gesellschaft werden immer tiefer. Das Misstrauen wächst, die Angst geht um und die Stimmung wird radikaler. Dabei wittern politische Scharfmacher Höhenluft und gießen Öl ins Feuer.
Verantwortung bleibt ausgeblendet. Doch politische Verantwortung mit Weitblick ist das Gebot der Stunde. Denn wer bewusst mit dem Feuer spielt, droht die Fundamente unserer Demokratie und Gesellschaft ins Wanken zu bringen.
Die Anschläge von Paris und Kopenhagen waren Anschläge auf eine Welt, die wir verteidigen müssen. Aber mit Mitteln, die nicht den Terroristen in die Hände spielen.

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