Presserat: Zur Vermengung von Werbung und redaktionellen Inhalten

Wien (OTS) - In der Ausgabe des "Journal Graz" vom 9. Oktober 2014 stellte der Senat 1 des Presserats wegen der Vermengung von Werbung und redaktionellen Beiträgen drei Verstöße gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse fest.

Ein Leser wandte sich wegen der oben genannten Ausgabe an den Presserat und kritisierte, dass es nicht möglich sei, darin zwischen Werbung und redaktionellen Inhalten zu unterscheiden.
Der Leser beanstandete insbesondere die Titelseite, die sich auf zwei Energy-Drinks bezieht, sowie einen Beitrag über den Verkauf eines Einfamilienhauses und einen Beitrag über die Wirtschaftskammer Steiermark.

Die Medieninhaberin des "Journal Graz" gab in ihrer Stellungnahme an den Presserat an, dass die Titelseite "einem guten Bekannten geschenkt" wurde. Daher verzichtete man auf die Kennzeichnung als "entgeltliche Einschaltung".
Bei den zwei weiteren beanstandeten Beiträgen handle es sich laut Medieninhaberin um entgeltliche Inserate. Dies sei auch ausreichend erkennbar, da die Veröffentlichungen Logo und Adresse der betroffenen Unternehmen beinhalten.

Der Senat stufte die drei Veröffentlichungen als Werbung ein, deren Inhalt dem Grunde nach von Personen außerhalb der Redaktion bestimmt wurde. Dafür spricht, dass die Veröffentlichungen ausschließlich positiv und unkritisch sind. Im Übrigen bestätigt dies auch die Medieninhaberin.

Der Ehrenkodex sieht vor, dass es bei journalistischen Darstellungen für Leser klar sein muss, ob es sich um Tatsachenberichte oder um Fremdmeinungen handelt (Punkt 3.1), und dass die Einflussnahme Außenstehender auf Inhalt oder Form eines redaktionellen Beitrags unzulässig ist (Punkt 4.1). Zudem dürfen geschäftliche Interessen von Medienmitarbeitern gemäß Punkt 11 des Ehrenkodex keinen Einfluss auf redaktionelle Inhalte haben.
Nach Ansicht des Senats ergibt sich aus diesen Bestimmungen, dass es den Lesern möglich sein muss, zwischen (bezahlter) Werbung und redaktionellen Beiträgen zu unterscheiden.

Der Senat betonte, dass sich die drei Werbeeinschaltungen im Hinblick auf Gestaltung, Aufmachung und Schriftbild nicht von den redaktionellen Inhalten des "Journal Graz" unterscheiden, eine ausdrückliche Kennzeichnung als "Werbung", "entgeltliche Einschaltung", "Anzeige" oder dergleichen erfolgte jedoch nicht.
Vor diesem Hintergrund war eine Irreführung der Leser möglich.

Die Aufbereitung von Werbung als redaktioneller Inhalt spiegelt den Lesern falsche Glaubwürdigkeit vor und ist deshalb medienethisch verwerflich. Entdecken die Leser die Täuschung, kann es nach Auffassung des Senats zu einem Glaubwürdigkeitsverlust von Medien kommen.

Auf der Titelseite des "Journal Graz" werden die Namen zweier Energy-Getränke groß gebracht. Als Titelbild werden die Getränke mit einer Schauspielerin gezeigt. Aufgrund der Aufmachung entsteht (zumindest auf den ersten Blick) der Eindruck, dass ein redaktioneller Beitrag vorliegt.
Dabei tut es laut Senat nichts zur Sache, ob für den Werbeartikel tatsächlich Geld entrichtet wurde: Auch wenn eine Werbung allein aus Gefälligkeit gebracht wird, ist sie entsprechend zu kennzeichnen.

Der Beitrag über den Verkauf eines Einfamilienhauses ist eine reine Anpreisung des Verkaufsobjekts. Selbst wenn dies die Leser erkennen sollten, könnten manche unter ihnen dennoch fälschlicherweise der Meinung sein, dass der Beitrag zum redaktionellen Inhalt gehört, da er wie ein redaktioneller Artikel gestaltet ist. Dass am Ende des Beitrags verhältnismäßig groß Angaben über den zuständigen Immobilienmakler gemacht werden, ändert an der Irreführungseignung nichts.

Der Beitrag über die Wirtschaftskammer Steiermark ist als Interview aufgebaut. Die Medieninhaberin räumt selbst ein, dass es sich hier um ein entgeltliches Inserat handelt. Gerade bei einem Interview werden jedoch viele Leser davon ausgehen, dass die Fragen dafür von einem unabhängigen Journalisten gestellt worden sind. Das Logo der Wirtschaftskammer am Ende der Veröffentlichung allein reicht nach Meinung des Senats nicht für eine unmissverständliche Kennzeichnung als entgeltliche Werbung aus.

Der Senat forderte die Medieninhaberin des "Journal Graz" auf, die vorliegende Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINES LESERS

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Mitteilung eines Lesers ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin des "Journal Graz" hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht. Bisher hat sich die Medieninhaberin des "Journal Graz" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

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