• 21.01.2015, 09:00:02
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Verschuldungs- und Entschuldungsprozesse prägen die weltweiten Konjunkturaussichten

Mittelfristige Prognose der Weltwirtschaft bis 2019

Utl.: Mittelfristige Prognose der Weltwirtschaft bis 2019 =

Wien (OTS) - Der markante Rückgang der Rohölpreise stärkt die
Konjunktur im Euro-Raum etwas. Mittelfristig wird sie aber von
Nachfragemangel und schwacher Preisentwicklung dominiert; auch das
Fehlen von Auf- und Abwertungsmöglichkeiten, insbesondere die
relative Unterbewertung für Deutschland, hemmt die
Wachstumsaussichten. Für die USA ist der Konjunkturausblick sehr
günstig, da der Privatschuldenüberhang dank rascher Insolvenzen und
großzügiger öffentlicher Budgetdefizite nach der Finanzmarktkrise
rasch abgebaut wurde. In China nimmt der Wohlstand stark zu, aber
auch die Verschuldung. In Japan sollte der Entschuldungsprozess der
Unternehmen in den nächsten Jahren abgeschlossen sein. In Russland
droht - trotz der mäßigen Auslandsverschuldung - eine neue
Finanzmarktkrise.

Seit Mitte 2014 ist der Rohölpreis um knapp die Hälfte gesunken;
Ende 2014 lag er unter 60 $ je Barrel. Die Ausweitung des Angebotes
in den USA und die Abnahme der Nachfrage in China und Teilen Europas
ermöglichten diese Entwicklung. Die Vehemenz des Preisrückganges
ergibt sich durch selbstverstärkende Spekulationseffekte anlässlich
der Russland-Krise. Da Preisspekulation stets mit erhöhter
Volatilität einhergeht (Überschießen), dürfte der Rohölpreis schon
2015 wieder leicht nach oben korrigieren (auf 75 $ je Barrel im
Jahresdurchschnitt). Bis 2019 unterstellt die vorliegende Prognose
einen Anstieg auf 105 $; somit ist der Durchschnittspreis um rund 15
$ niedriger als in der mittelfristigen WIFO-Prognose 2013.

Dies stärkt die Konjunktur im Euro-Raum etwas. Der anhaltend hohe
Schuldenüberhang im privaten Sektor verringert die Konsum- und
Investitionsmöglichkeiten aber nach wie vor. Die Nachfragestützung
der öffentlichen Hand ist in weiten Teilen des Euro-Raumes zu gering,
um eine Entschuldung des privaten Sektors zu ermöglichen. Zudem
wächst die deutsche Wirtschaft - die größte Europas - über hohe
Leistungsbilanzüberschüsse zulasten ihrer Handelspartner, statt die
günstige Finanzierungslage für expansive Fiskalpolitik zu nutzen. Die
vielfach mit der Euro-Finanzmarktkrise erhöhten Risikoaufschläge
drücken die zu geringe private Nachfrage zusätzlich. Dies dämpft
wiederum die Inflation, was den Schuldenabbau weiter erschwert und
die Realzinssätze erhöht. Neben der schwachen Preisentwicklung wird
in den kommenden Jahren auch die Verschärfung der Fiskalregeln die
Konjunktur belasten, da die hohe Liquiditätsbeschränkung im privaten
Sektor expansive ricardianische Effekte (Mehrausgaben in der
Gegenwart in Antizipation künftiger Steuersenkungen) nicht zulässt.
Der neue Investitionsplan der Europäischen Kommission sieht vor allem
Bürgschaften für private Investitionen vor; die Ursache der
Investitionsschwäche, mangelnde Absatzperspektiven wegen zu geringer
Einkommenszuwächse, wird dadurch nicht behoben. Staatsanleihenkäufe
der EZB werden die Zinsstrukturkurve abflachen und die
Staatshaushalte entlasten. Zudem würden sie Finanzmarktstress
unterbinden, falls weitere Turbulenzen im Euro-Raum auftreten, etwa
ein Austritt Griechenlands. Die reale Wachstumsrate beträgt im
Euro-Raum mittelfristig 1,3%.

Deutschlands durch Lohnzurückhaltung generierter
Leistungsbilanzüberschuss bleibt auch mittelfristig hoch, da eine
Aufwertung nicht möglich ist (der Euro wird wegen der weiteren
geldpolitischen Lockerung eher abwerten). Die deutschen Exporte
leiden aber unter dem Rückgang der Nachfrage aus Schwellenländern
(insbesondere aus China); hingegen treten die Nachteile der
impliziten Unterbewertung der Währung (Mangel an Importnachfrage
gegenüber anderen engen Handelspartnern wie Frankreich und damit
Schwächung von deren Konjunktur) immer stärker zutage. Daher hemmt
der Währungsverbund die Konjunktur in den kommenden Jahren. Auf
Österreichs zweitwichtigstem Exportmarkt, Italien, wird die
Wirtschaftsleistung neben der Nachfrageschwäche mittelfristig auch
durch mangelhafte ordnungspolitische Rahmenbedingungen gestört. Bei
der Durchsetzung vertraglicher Ansprüche ist die Justiz in Italien
laut dem Doing-Business-Bericht der Weltbank (2014) äußerst
ineffizient. Der administrative Aufwand von Unternehmen für die
Steuerabfuhr ist in Italien bei Weitem der höchste innerhalb der EU.

Wie schon in der mittelfristigen WIFO-Prognose 2013 ist der
Konjunkturausblick für die USA weltweit am günstigsten. Eine
schuldnerfreundliche Insolvenzgesetzgebung sorgte für einen raschen
Abbau des Privatschuldenüberhanges nach der Finanzmarktkrise. Darüber
hinaus stützt ein großzügiges öffentliches Budgetdefizit die
Konjunktur. Die Staatsschuldenquote nimmt mittelfristig nicht zu -
anders als im Euro-Raum, wo zwar die Neuverschuldung der öffentlichen
Hand viel geringer ist, aber auch das Wirtschaftswachstum und die
Inflation. Die reale Wachstumsrate beträgt in den USA mittelfristig
2,8%.

China dürfte auf Basis der neuberechneten internationalen
Kaufkraftparitäten die USA 2014 als weltgrößte Volkswirtschaft
abgelöst haben. Das Wachstum verliert zwar weiter an Dynamik, bleibt
weltweit aber am höchsten. Die in letzten Jahren markant gestiegenen
Einkommen erhöhen Kaufkraft und Wohlstand, die Währung wertet weiter
auf. Allerdings belasten die staatlich geförderte exzessive
Investitionstätigkeit und die damit verbundenen Fehlallokationen die
Wachstumsaussichten zunehmend. Die erheblich ausgeweiteten Schulden
wurden in wenig transparente Zweckgesellschaften ausgelagert
("Schattenbanken") und bedrohen daher die Finanzmarktstabilität. Die
reale Wachstumsrate beträgt in China mittelfristig 6 1/2%. In Japan
könnte die jahrelange Bilanzrezession überwunden werden, da die
Entschuldung der Unternehmen abgeschlossen ist. Dadurch fällt die
Einschränkung der Investitionstätigkeit von dieser Seite her weg. Die
Wirtschaftspolitik wirkt insgesamt akkommodierend, die für 2017
geplante zweite Stufe der Mehrwertsteuererhöhung bleibt aber ein
Risiko für die Konjunktur. In Russland wird die Wirtschaft 2015 wegen
des Rohölpreisverfalls schrumpfen. Die Abwertung des Rubel wirkt
inflationstreibend, erhöht die Zahlungsausfälle im Bereich der
Fremdwährungsschulden und belastet damit die in Russland tätigen
Banken. Sie mildert aber die negativen Effekte des Rohölpreisverfalls
auf die Exporterlöse und den Staatshaushalt. Auch mittelfristig
bleibt der Ausblick für die russische Wirtschaft getrübt, da die
hohen Rohstoffpreise in der Vergangenheit - ähnlich wie in Brasilien
- Defizite der Wirtschaftsstruktur überlagerten.

Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht
1/2015

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