Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 14. Jänner 2015. Von MICHAEL SPRENGER. "Mehr Feigenblatt"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Von Anfang an stand das "König Abdullah Zentrum für Interreligiösen und Interkulturellen Dialog" schwer in der Kritik. Zu Recht. Befürworter hofften auf positive Impulse Richtung Saudi-Arabien. Doch diese blieben aus.

Obwohl nun auch innerhalb der Bundesregierung die Kritik am umstrittenen König-Abdullah-Dialogzentrum lauter wird, will man mit der Entscheidung über die weitere Vorgangsweise noch zuwarten. Übersetzt heißt dies, dass man sie auf die lange Bank schiebt. Bundespräsident Heinz Fischer übernimmt für dieses Zuwarten die Patenschaft. Zuerst solle man versuchen, das Zentrum zu "beleben", sagte das Staatsoberhaupt. Über eine Schließung könne man dann immer noch reden.
Worüber man längst - offen und breit - reden hätte sollen, und zwar vor der feierlichen Eröffnung im Jahre 2012, ist die fundamentalistische Auslegung des Islam in Saudi-Arabien. Jenes Land also, welches das Zentrum im Wiener Nobelpalais Sturany in erster Linie finanziert. Doch dem seinerzeitigen Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP) ging es wohl in erster Linie darum, die Funktion Österreichs als internationale Drehscheibe zu stärken. Eine durchaus nachvollziehbare Überlegung - so wie eben das Pochen auf Dialog ebenso notwendig ist.
Doch ist ein Dialog grundsätzlich mit einem Land möglich, wo kein Dialog gewünscht wird? Wie funktioniert der Dialog in einem Land, wo ein Kritiker des Wahhabismus für mehrere Jahre ins Gefängnis muss und öffentlich ausgepeitscht wird? Auch wenn es die frühere Justizministerin Claudia Bandion-Ortner (ÖVP), sie ist Vizegeneralsekretärin des Abdullah-Zentrums, vielleicht nicht wissen will: Im dort herrschenden Justizsystem gehört die Todesstrafe zum Alltag. Die häufigste Form der Hinrichtung in Saudi-Arabien ist die Enthauptung, weit verbreitet ist die Steinigung. Laut Angaben von Amnesty International wird in Saudi-Arabien im Durchschnitt jede Woche mindestens ein Verurteilter hingerichtet.
Schon vor der Eröffnung des "König Abdullah Zentrums" wurde der Verdacht geäußert, dass es Saudi-Arabien mit dem Wiener Dialogzentrum mehr um ein Feigenblatt geht. Das Zentrum sollte aus Sicht der Kritiker in erster Linie zur Image-Korrektur dienen.
Bis heute ist jedenfalls kein Impuls erkennbar, dass sich durch das von Saudi-Arabien finanzierte Zentrum der Weltreligionen die Menschenrechtssituation in Saudi-Arabien verbessert habe. Bis heute ist in Saudi-Arabien die Ausübung von Religionen mit Ausnahme des Islam verboten und lebensgefährlich. Bis heute wird in Riad geköpft, ausgepeitscht und gesteinigt. In Wien wird evaluiert.

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