• 13.01.2015, 22:00:33
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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 14. Jänner 2015. Von MICHAEL SPRENGER. "Mehr Feigenblatt"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Von Anfang an stand das "König Abdullah
Zentrum für Interreligiösen und Interkulturellen Dialog" schwer in
der Kritik. Zu Recht. Befürworter hofften auf positive Impulse
Richtung Saudi-Arabien. Doch diese blieben aus.

Obwohl nun auch innerhalb der Bundesregierung die Kritik am
umstrittenen König-Abdullah-Dialogzentrum lauter wird, will man mit
der Entscheidung über die weitere Vorgangsweise noch zuwarten.
Übersetzt heißt dies, dass man sie auf die lange Bank schiebt.
Bundespräsident Heinz Fischer übernimmt für dieses Zuwarten die
Patenschaft. Zuerst solle man versuchen, das Zentrum zu "beleben",
sagte das Staatsoberhaupt. Über eine Schließung könne man dann immer
noch reden.
Worüber man längst - offen und breit - reden hätte sollen, und zwar
vor der feierlichen Eröffnung im Jahre 2012, ist die
fundamentalistische Auslegung des Islam in Saudi-Arabien. Jenes Land
also, welches das Zentrum im Wiener Nobelpalais Sturany in erster
Linie finanziert. Doch dem seinerzeitigen Außenminister Michael
Spindelegger (ÖVP) ging es wohl in erster Linie darum, die Funktion
Österreichs als internationale Drehscheibe zu stärken. Eine durchaus
nachvollziehbare Überlegung - so wie eben das Pochen auf Dialog
ebenso notwendig ist.
Doch ist ein Dialog grundsätzlich mit einem Land möglich, wo kein
Dialog gewünscht wird? Wie funktioniert der Dialog in einem Land, wo
ein Kritiker des Wahhabismus für mehrere Jahre ins Gefängnis muss und
öffentlich ausgepeitscht wird? Auch wenn es die frühere
Justizministerin Claudia Bandion-Ortner (ÖVP), sie ist
Vizegeneralsekretärin des Abdullah-Zentrums, vielleicht nicht wissen
will: Im dort herrschenden Justizsystem gehört die Todesstrafe zum
Alltag. Die häufigste Form der Hinrichtung in Saudi-Arabien ist die
Enthauptung, weit verbreitet ist die Steinigung. Laut Angaben von
Amnesty International wird in Saudi-Arabien im Durchschnitt jede
Woche mindestens ein Verurteilter hingerichtet.
Schon vor der Eröffnung des "König Abdullah Zentrums" wurde der
Verdacht geäußert, dass es Saudi-Arabien mit dem Wiener Dialogzentrum
mehr um ein Feigenblatt geht. Das Zentrum sollte aus Sicht der
Kritiker in erster Linie zur Image-Korrektur dienen.
Bis heute ist jedenfalls kein Impuls erkennbar, dass sich durch das
von Saudi-Arabien finanzierte Zentrum der Weltreligionen die
Menschenrechtssituation in Saudi-Arabien verbessert habe. Bis heute
ist in Saudi-Arabien die Ausübung von Religionen mit Ausnahme des
Islam verboten und lebensgefährlich. Bis heute wird in Riad geköpft,
ausgepeitscht und gesteinigt. In Wien wird evaluiert.

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