• 02.01.2015, 19:25:40
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TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 3. Jänner 2015 von Antina Heubacher - Große Koalition und kleine Schrauben

Innsbruck (OTS) - Utl: Wenn sich die Mehrheit gegen eine Gesamtschule
und für die Beibehaltung des Gymnasiums ausspricht,
was sagt das über die Qualität des österreichischen Bildungssystems
aus? Die Angst vor "Restlschulen" geht um.

Anhand der Initiative "Pro Gymnasium" lässt sich die österreichische
Haltung schön darstellen. Die Gruppierung sammelt Unterschriften für
die Beibehaltung des Gymnasiums. Man macht sich stark für die
"Vielfalt" - im Schulsystem gerne, im eigenen Klassenzimmer bitte
nicht. Für den Querschnitt der Bevölkerung soll die Neue Mittelschule
sorgen. Sofern die am Land fernab von jeglichen Gymnasien steht,
gelingt das vielleicht noch. Wenn nicht, landet in der Neuen
Mittelschule der, der es ins Gymnasium nicht geschafft hat.
Schon klar, alles überspitzt dargestellt. Doch so weit von der
Realität nicht entfernt. In Österreich grassiert die Angst vor der
"Restlschule", umso krampfhafter hält man am Gymnasium fest. Obwohl
jahrelang von der SPÖ propagiert, kann sich laut TT-Umfrage nicht
einmal die Mehrheit der roten Wähler für die Gesamtschule erwärmen.
Gleichheit, ein Grundwert der Sozialdemokratie, hin oder her, wenn es
ums eigene Kind geht, sucht auch der Arbeiter den Weg ins Gymnasium.
ÖVP-Chef Günther Platter und seine Bildungslandesrätin Beate
Palfrader schreiten ebenso auf einem schmalen Grat. Die schwarze,
bürgerliche Wählerschaft ist für das derzeitige Schulsystem, die
Initiative "Pro Gymnasium" aus den eigenen Reihen entstanden.
Österreich orientiert sich am K.-u.-k.-Gymnasium des Jahres 1900 und
nicht an den erfolgreichen Schulsystemen Europas. Das Ergebnis, wie
es Bildungsexperten ausdrücken: Der Anteil der Österreicherinnen und
Österreicher eines Jahrganges, die einen höheren Bildungsabschluss
erreichen, bleibt hinter dem sozioökonomischen Potenzial des Landes
zurück. Weniger schön ausgedrückt: Österreich vergeigt etwas, wir
produzieren weniger Akademiker als andere reiche Industrienationen.
Die Akademikerquote ist nur ein Indikator. Den Rest besorgt PISA.
Es ist amtlich, dass Österreichs Bildungssystem Potenziale liegen
lässt und Bildung von der sozialen Herkunft abhängt. Ändern tut sich
trotzdem wenig. Aus ideologischen Gründen dreht die große Koalition
nur an kleinen Schrauben. Wir haben eine Neue Mittelschule, aber
keine Gesamtschule, wir haben eine reformierte Lehrerausbildung, aber
keine gemeinsame, wir haben Studiengebühren, die kaum einer zahlen
muss, usw. usf.
Österreich wird sich an Europa orientieren müssen. Dafür wird weniger
die Bundesregierung, mehr aber die Europäische Union sorgen.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT

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