TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 3. Jänner 2015 von Antina Heubacher - Große Koalition und kleine Schrauben

Innsbruck (OTS) - Utl: Wenn sich die Mehrheit gegen eine Gesamtschule und für die Beibehaltung des Gymnasiums ausspricht,
was sagt das über die Qualität des österreichischen Bildungssystems aus? Die Angst vor "Restlschulen" geht um.

Anhand der Initiative "Pro Gymnasium" lässt sich die österreichische Haltung schön darstellen. Die Gruppierung sammelt Unterschriften für die Beibehaltung des Gymnasiums. Man macht sich stark für die "Vielfalt" - im Schulsystem gerne, im eigenen Klassenzimmer bitte nicht. Für den Querschnitt der Bevölkerung soll die Neue Mittelschule sorgen. Sofern die am Land fernab von jeglichen Gymnasien steht, gelingt das vielleicht noch. Wenn nicht, landet in der Neuen Mittelschule der, der es ins Gymnasium nicht geschafft hat.
Schon klar, alles überspitzt dargestellt. Doch so weit von der Realität nicht entfernt. In Österreich grassiert die Angst vor der "Restlschule", umso krampfhafter hält man am Gymnasium fest. Obwohl jahrelang von der SPÖ propagiert, kann sich laut TT-Umfrage nicht einmal die Mehrheit der roten Wähler für die Gesamtschule erwärmen. Gleichheit, ein Grundwert der Sozialdemokratie, hin oder her, wenn es ums eigene Kind geht, sucht auch der Arbeiter den Weg ins Gymnasium. ÖVP-Chef Günther Platter und seine Bildungslandesrätin Beate Palfrader schreiten ebenso auf einem schmalen Grat. Die schwarze, bürgerliche Wählerschaft ist für das derzeitige Schulsystem, die Initiative "Pro Gymnasium" aus den eigenen Reihen entstanden. Österreich orientiert sich am K.-u.-k.-Gymnasium des Jahres 1900 und nicht an den erfolgreichen Schulsystemen Europas. Das Ergebnis, wie es Bildungsexperten ausdrücken: Der Anteil der Österreicherinnen und Österreicher eines Jahrganges, die einen höheren Bildungsabschluss erreichen, bleibt hinter dem sozioökonomischen Potenzial des Landes zurück. Weniger schön ausgedrückt: Österreich vergeigt etwas, wir produzieren weniger Akademiker als andere reiche Industrienationen. Die Akademikerquote ist nur ein Indikator. Den Rest besorgt PISA.
Es ist amtlich, dass Österreichs Bildungssystem Potenziale liegen lässt und Bildung von der sozialen Herkunft abhängt. Ändern tut sich trotzdem wenig. Aus ideologischen Gründen dreht die große Koalition nur an kleinen Schrauben. Wir haben eine Neue Mittelschule, aber keine Gesamtschule, wir haben eine reformierte Lehrerausbildung, aber keine gemeinsame, wir haben Studiengebühren, die kaum einer zahlen muss, usw. usf.
Österreich wird sich an Europa orientieren müssen. Dafür wird weniger die Bundesregierung, mehr aber die Europäische Union sorgen.

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