- 02.12.2014, 07:56:21
- /
- OTS0005 OTW0005
"Muss man permanent der sein, der man ist?"
Literaturpreis Ohrenschmaus zum 8. Mal vergeben
Utl.: Literaturpreis Ohrenschmaus zum 8. Mal vergeben =
Wien (OTS) - "Muss man permanent der sein, der man ist. Oder darf man
jemand anderer sein. Ich möchte anderen Figuren Raum geben. Ich
wollte einfach eine Geschichte erzählen", erklärt Alex Dick in seinem
Text "Theatermenschen" aus dem Theaterstück "Bisdudu", das er
gemeinsam mit Wolf Junger verfasst hat. Eine gesammelte Textauswahl
aus diesem Theaterstück wurde am 1. Dezember mit einem der
Hauptpreise beim diesjährigen Literaturpreis Ohrenschmaus
ausgezeichnet. "Es sind kleine feine Prosa-Miniaturen, in denen der
1977 in Zell am See geborene Alex Dick, der die Werkstätte der
Lebenshilfe Saalfelden besucht und leidenschaftlich gern Theater
spielt, vom Leben mit und ohne Behinderung erzählt und uns damit
Einblicke in ein vielleicht sehr fremdes Leben gibt", begründet
Laudatorin Eva Jancak die Entscheidung der Jury.
"Besonders zur Weihnachtszeit fällt auf, wie klischeehaft und
mitleidserregend die Darstellung von Menschen mit Behinderungen in
den Medien teils immer noch ist. Die Ohrenschmaus-Texte beleuchten in
literarischen Bildern die Lebensrealität von Menschen mit
intellektueller Behinderung und verschaffen dem Publikum einen
authentischen Einblick und Eindruck davon, was es heißt, mit einer
Lernbehinderung zu leben. Ganz und gar nicht traurig oder
hoffnungslos oder grau sind diese literarischen Werke - vielmehr sind
sie voller Mut, Entschlossenheit und Humor", mit diesen Worten
gratuliert der Initiator Franz-Joseph Huainigg den Preisträgerinnen
und Preisträgern des Literaturpreises Ohrenschmaus 2014.
Die Partnerorganisationen Caritas, Diakonie, Jugend am Werk und
Lebenshilfe sowie Vienna People First ehrten bei der gestrigen
Preisverleihung Alex Dick, Christina Hendl, Klaus Willner und Peter
Gstöttmaier sowie die KünstlerInnen der Ehrenliste.
Die weiteren Hauptpreise
Christina Hendl lebt im Waldviertel und arbeitet in der Hausgruppe
der Tagesstätte Zuversicht, Heidenreichstein. Mehrmals nahm sie schon
an Schreibwerkstätten teil und das Schreiben von Geschichten zählt zu
ihren großen Hobbys. In ihrem sehr persönlichen Text "Das habe ich
dir schon 1000 Mal gesagt!" schreibt sie über ihre große Sehnsucht
nach Liebe und Geborgenheit. "Zwei Frauen in einem Raum. Die eine
begreift genau, was die andere will. Die andere will die eine nicht
begreifen. Von dieser Konstellation erzählt Christina Hendls
dialogisch aufgebauter Text knapp, präzise, virtuos. Und vom Willen,
als Mensch, der den von der Gesellschaft vorgegebenen Standards nur
bedingt entspricht, selbstbestimmt zu leben", würdigt Laudator Ludwig
Laher den Siegertext.
Klaus Willner stammt aus Linz und ist im Vorstand der Linzer
Theatergruppe "Schräge Vögel" tätig. Sein Siegergedicht "Herpst"
handelt vom Abschied nehmen und spendet Trost, wie Felix Mitterer in
seiner Laudatio betont: "Ein sehr schönes Gedicht, ein trauriges
Gedicht, denn es geht dem Winter zu. Am Anfang trösten der schöne,
kühle Morgen, und der Wind, der sein Haar streichelt, am Ende trösten
die warme Stube, der heiße Tee, die strickende Großmutter, die
putzende Mutter. Obwohl die alle nicht mehr leben, auch der Vater
nicht. Klaus Willner tröstet uns mit seinem Herbstgedicht".
Gedicht für die Banderole der Ohrenschmaus-Schokolade
Jeden Sonntag widmet Peter Gstöttmaier seiner Mutter und erzählt in
seinem Gedicht "is net banond" von seiner Sorge um ihren
Gesundheitszustand. Sein Siegertext ist heuer im Inneren der
Banderole der eigens für den Literaturpreis Ohrenschmaus gestalteten
Schokolade der Schokoladenmanufaktur Zotter zu lesen. Peter
Gstöttmaier arbeitet in der Außengruppe Anlagenpflege der Lebenshilfe
Grein und legt viel Wert auf seine selbstständige Lebensführung. "Die
Erschöpfung der Mutter, ihre Müdigkeit, ihr Älterwerden werden im
Text spürbar - wir schauen sie an und schauen dabei wie in einen
Spiegel. Sie, die unser Anfang war, kämpft nun mit einem Ende, und
wir wissen es. Zwei Leben ziehen an uns vorbei, ihres und unseres,
beim Hinhören auf wenige Zeilen eines Gedichts. Das zeigt einmal
mehr, was Lyrik leisten kann", so Schriftsteller Heinz Janisch, der
die Laudatio bei der Preisverleihung hielt.
Preis zum achten Mal vergeben
Der Literaturpreis Ohrenschmaus wurde heuer im Beisein von
Sozialminister Rudolf Hundstorfer und ÖVP-Kultursprecherin Maria
Fekter zum achten Mal im Wiener Museumsquartier vergeben. "Dabei geht
es nicht um Mitleid, sondern um ausgezeichnete Literatur von Menschen
mit Lernschwierigkeiten und Behinderung. Lernbehinderte Menschen
haben sehr viel zu sagen - wir unterstützen sie dabei, damit an die
Öffentlichkeit zu kommen", so die Organisatoren.
Die Jury des Ohrenschmauses bestehend aus Felix Mitterer, Eva Jancak,
Heinz Janisch, Niki Glattauer, Ludwig Laher, Barbara Rett und Andrea
Stift kürte heuer vier SiegerInnen und eine Ehrenliste mit weiteren 6
AutorInnen. "Was gute Literatur ist? Sie muss mich berühren und ich
muss dabei Neues erfahren. Und was auch noch bei den
Ohrenschmaus-Texten zusätzlich auffällt, sie sind unglaublich witzig.
Das ist gute Literatur", betonte Felix Mitterer, Schirmherr des
Literaturpreises Ohrenschmaus, bei der gestrigen Preisverleihung.
Texte zum Nachlesen im Internet
Alle seit Anbeginn eingereichten Ohrenschmaus-Texte sind im Internet
unter www.ohrenschmaus.net zu finden, und die LiteratInnen-Community
freut sich über Fans auf Facebook: "Literaturcafé Ohrenschmaus"
www.facebook.com/literaturcafe.ohrenschmaus
Der Literaturpreis Ohrenschmaus bedankt sich herzlich bei den
Sponsoren bauMax, Erste Bank, Juvina, Lions Club Wieselburg,
Museumsquartier Wien, Neuroth, Raiffeisen Bank Wien-NÖ, Schartner
Bombe, Bäckerei Ströck und Zotter Schokoladen, die das alles
überhaupt erst ermöglichen.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | LBH






