• 22.10.2014, 11:55:33
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Wenig Resonanz auf PIAAC-Kompetenzmessung bei Erwachsenen

1 Million ÖsterreicherInnen lesen schlecht. Was bleibt von dieser Diagnose übrig?

Utl.: 1 Million ÖsterreicherInnen lesen schlecht. Was bleibt von
dieser Diagnose übrig? =

Wien/Graz (OTS) - Hängt unsere Wirtschaft tatsächlich davon ab, wie
gut Erwachsene zwischen 16 und 65 Jahren lesen, rechnen oder mit dem
Computer umgehen können? Wenn es nach der OECD geht, ja. Wenn es nach
den neuesten Ergebnissen von PIAAC, dem sogenannten "PISA für
Erwachsene geht", dann ist die Antwort aber nicht immer ganz so
einfach. Die neueste Ausgabe der Online Fachzeitschrift "Magazin
erwachsenenbildung.at" zeigt, was hinter den Daten, Analysen und
Meinungsbildern zur internationalen Studie über Kompetenzen
Erwachsener steckt. Fazit: Österreich mag zwar im internationalen
Vergleich durchschnittlich abschneiden. Aber die relevanteren
Unterschiede liegen innerhalb der eigenen Grenzen. So spielt das
Niveau der Lesekompetenz in Österreich hinsichtlich der Beschäftigung
vergleichsweise wenig Rolle. Wohl aber sind bei guten Leserinnen und
Lesern das Gehalt höher, die Gesundheit besser und die politische
Mitsprache ausgeprägter. Zu Wort kommen der OECD-Verantwortliche für
PIAAC Andreas Schleicher, nationale Player in der Umsetzung der
Strategie für Lebenslanges Lernen, VertreterInnen der
Erwachsenenbildung und der Sozialpartner ebenso wie
WissenschafterInnen. Das neue Meb steht ab sofort kostenlos unter
www.erwachsenenbildung.at/magazin zum Download bereit und ist auch
als Druckversion zum Selbstkostenpreis von EUR 11,60 erhältlich.

PIAAC soll bildungspolitische Steuerung verbessern

"Was Menschen früher erlernt haben, stimmt oft nicht mehr überein mit
dem, was sie heute können", sagt Andreas Schleicher, der bei der OECD
für die großen Kompetenzmessungen PISA und PIAAC zuständig ist. "Mit
PIAAC wollten wir herausfinden, was Menschen wissen und was sie damit
tun können." Letztlich sollen die Mitgliedstaaten der Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit diesem Wissen
ihre Bildungsanstrengungen besser, nämlich auf einer informierten
Basis steuern können.

Auch 25 Jahre Aufschulung wären nicht genug

Doch wo PISA immer wieder für einen Aufschrei sorgt, bleibt es rund
um PIAAC erstaunlich ruhig. "1 Million Österreicherinnen und
Österreicher kann nur mangelhaft oder gar nicht lesen" - diese
Botschaft erreichte viele. Dem bei der jüngsten Regierungsklausur um
weitere drei Jahre verlängerten Förderprogramm "Initiative
Erwachsenenbildung" kam diese Meldung argumentativ durchaus zugute.
Trotzdem zeigen Auswertungen des Instituts für Höhere Studien (IHS)
im vorliegenden Magazin, dass die hierfür investierten Millionen
selbst nach 25 Jahren noch nicht den gesamten Bedarf befriedigen
würden.

VHS, WIFI und AK fordern mehr Handeln

Mit den nun vorliegenden, vertieften Auswertungen, könnte neuer
Schwung in die Sache kommen. Gerhard Bisovsky vom Verband
Österreichischer Volkshochschulen etwa fordert in seinem Beitrag zum
Magazin die Einrichtung einer bundesweiten Stelle zur Steuerung der
Grundbildungspolitik. "Erwachsene Lernende müssen unterstützt werden,
durch Lernen eine oder mehrere Stufen höher zu kommen." Hannes Knett
vom Wirtschaftsförderungsinstitut WIFI Österreich relativiert die
PIAAC Ergebnisse: "Der Wirtschaftsstandort ist deutlich besser, als
die PIAAC Ergebnisse erwarten lassen." Ein geeignetes Instrument zur
Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit bestehe mit der österr.
Strategie zum Lebensbegleitenden Lernen ohnehin schon seit mehreren
Jahren, sie müsse nur konsequent umgesetzt werden. VertreterInnen von
Arbeiterkammer Wien und dem Verband gewerkschaftlicher Bildung sehen
in den PIAAC-Ergebnissen neue Argumente für ein zweites
Gratiskindergartenjahr sowie die Aufwertung betrieblicher Lernorte.

Wer studiert hat, liest nicht zwingend besser als nach der
Pflichtschule

In Bezug auf die bildungspolitischen Konsequenzen aus PIAAC 2011/2012
scheint es wie so oft auf den zweiten, genaueren Blick anzukommen.
Nicht nur "die üblichen Verdächtigen" - also Menschen mit maximal
Pflichtschulabschluss, MigrantInnen und Hilfskräfte - schnitten bei
den Lesekompetenzen schlecht ab, stellt Robert Titelbach vom
Sozialministerium fest. "Die 'Kompetenzarmen' finden sich auch in
Berufsgruppen, wo man sie vielleicht nicht so eindeutig vermutet
hätte." Zudem gilt zwar ganz allgemein, dass die Kompetenzen mit
zunehmenden Bildungsabschlüssen höher seien. Doch sind die
Unterschiede innerhalb der Bildungsabschlüsse viel größer als über
die Qualifikationen hinweg. So liest mehr als die Hälfte der
Bevölkerung mit maximal Pflichtschulabschluss ebenso gut wie mehr als
die Hälfte aller HochschulabsolventInnen.

Können ist mehr als was wir messen können

Als zumindest diskussionswürdig erweist sich für Österreich die
Annahme, dass die gemessenen Kompetenzen in Lesen, Alltagsmathematik
und Problemlösen mit Technologien zentral ausschlaggebend für die
individuelle Produktivität und beruflichen Erfolg seien. Martin
Mayerl vom Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung
warnt daher in seiner Analyse über den sogenannten Skills-Mismatch
bei PIAAC ganz deutlich davor, Anforderungen des Arbeitsmarkts ganz
einfach mit den gemessenen Kompetenzen zu vergleichen oder gar
bildungspolitische Strategien daraus abzuleiten. Offenbar können wir
neben Lesen, Rechnen und Computerbedienung nämlich noch ganz andere
Dinge, die uns erfolgreich machen. Es bleibt daher abzuwarten, welche
Dimensionen bei der nächsten Erhebung in acht Jahren abgefragt
werden. Und was wir daraus für die Gestaltung des Bildungssystems und
der Erwachsenenbildung lernen werden.

Fachmedium und aktuelle Online-Information

Magazin erwachsenenbildung.at (Meb) ist das Fachmedium für Forschung,
Praxis und Diskurs der österreichischen Erwachsenenbildung. Es wird
vom Bundesministerium für Bildung und Frauen (BMBF) gemeinsam mit dem
Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb) und dem Verein CONEDU
dreimal jährlich herausgegeben. Alle eingereichten Artikel
durchlaufen ein Review von ExpertInnen. Das Magazin erscheint
parallel zur kostenlosen Online-Ausgabe auf
www.erwachsenenbildung.at/magazin auch im BoD-Verlag und ist als
Druckausgabe zum Selbstkostenpreis von 11,60 oder als E-Book für
weniger als 1 Euro erhältlich.

Gefördert aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Frauen.

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