• 16.09.2014, 10:06:47
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  • OTS0048 OTW0048

Ärztekritik an zu rigider Auslegung von evidenzbasierter Medizin

Als Rationierungsinstrument missbraucht - Steinhart: "Dem Versuch, in ärztliches Handeln einzugreifen, werden wir entschlossen begegnen"

Utl.: Als Rationierungsinstrument missbraucht - Steinhart: "Dem
Versuch, in ärztliches Handeln einzugreifen, werden wir
entschlossen begegnen" =

Wien (OTS) - Starke Vorbehalte kamen von Vertretern der Ärztekammer
bei einer Diskussionsveranstaltung der Wiener Ärztekammer zum Thema
"Evidenzbasierte Medizin" gestern, Montag, Abend im Dachsaal der
Urania in Wien. Von einer "Kochbuchmedizin nach Schema F" und einer
"möglichen Reduzierung der Behandlungsqualität" war unter anderem die
Rede. ****

Evidence-based-Medicine (EbM) bedeutet grundsätzlich die
Integration individueller klinischer Expertise mit der
bestverfügbaren externen Evidenz aus systematischer Forschung unter
Einbeziehung der Patientenbedürfnisse. Diese Zielsetzung ist laut
Ärztekammer auch "grundsätzlich zu begrüßen". Dem gegenüber stehe
aber die in letzter Zeit zunehmend zu verzeichnende Reduktion des
ursprünglichen EbM-Konzepts auf ausschließlich externe Evidenz,
kritisierte bei der Veranstaltung Friedrich Hartl, Leiter des
Referats für Qualitätssicherung der niedergelassenen Ärzte der
Ärztekammer für Wien und Bundessprecher der Fachgruppe Physikalische
Medizin und allgemeine Rehabilitation in der Österreichischen
Ärztekammer.

Für Hartl wird dabei der Unterscheid zwischen Einzelsituationen
und am Modell orientierter wissenschaftlicher Analyse zu wenig
berücksichtig. Solcherart erstellte diagnostische und therapeutische
Leitlinien könnten die Behandlungsqualität im Einzelfall reduzieren,
sofern die Leitlinien Entscheidungen präjudizierten. Zur Erschließung
und Vermittlung von Wissen hingegen seien sie gut geeignet. Die
Vernachlässigung der individuellen klinischen Erfahrung und der
Patientenbedürfnisse werde in der internationalen Diskussion daher
immer mehr abgelehnt.

In Österreich hingegen beabsichtigt der Hauptverband der
österreichischen Sozialversicherungsträger gemäß einer Publikation in
der "Sozialen Sicherheit 4-2014", Leistungen, deren Wirksamkeit nicht
durch HTA (Health Technology Assessment) "bewiesen" sind, aus den
Leistungskatalogen der Krankenkassen zu entfernen oder dort nicht
aufzunehmen. Nur die angeblich am besten evaluierten Therapien sollen
von den Krankenkassen bezahlt werden.

Kritiker dieser Position wenden ein, dass durch die Auswahl der
herangezogenen Studien und Evidenzklassen die Evidenzergebnisse
beeinflusst würden. Ein Beispiel ist das Projekt "Österreichischer
Musterleistungskatalog Physikalische Medizin". "Der veröffentlichte
Text stützt sich auf systematische Literaturrecherchen aus neun
Datenbanken und weniger als 200 Publikationen", kritisiert Hartl.
Literaturrecherchen hingegen, die auf der Homepage der
wissenschaftlichen Fachgesellschaft für Physikalische Medizin und
Rehabilitation publiziert sind, umfassen mehr als 600
wissenschaftliche Arbeiten, die die Wirksamkeit von Physikalischer
Therapie, wie Massage, Ultraschall, Packung, Elektrotherapie et
cetera, belegen, "zum Teil auch in höheren Evidenzklassen", so Hartl,
der eine "tief greifende gesellschaftliche Diskussion zu diesen
Themen" anregt.

Kochbuchmedizin beschneidet Ärztekompetenzen

"Man spürt die Absicht und ist verstimmt", ergänzt Johannes
Steinhart, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und
Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer. "Verstimmt deshalb,
weil hier offensichtlich das grundsätzlich sehr sinnvolle Konzept der
EbM manipulativ eingesetzt werden soll, mit dem Ziel, eine Begründung
dafür zu produzieren, dass die Krankenkassen künftig weniger
ärztliche Leistungen bezahlt müssen als zuvor, obwohl sie als saniert
dargestellt werden und angeblich Überschüsse produzieren."

Steinhart verweist auf einen sehr vorausschauenden Pionier der
modernen EbM, David Sackett von der McMaster University: "1996 hat
Sackett in einem Beitrag im "British Medical Journal" solche
Manipulationsversuche, wie wir sie gerade beobachten, explizit
kritisiert", berichtete Steinhart. "Manche fürchten auch, dass die
EbM von Einkäufern von Gesundheitsleistungen und von Managern
'gekidnappt' wird, um die Kosten der Krankenversorgung zu
reduzieren", schreibt Sackett dort und bezeichnet solche Bemühungen
sehr eindeutig als "Missbrauch des Konzepts".

Irritierend sind für Steinhart insbesondere die einmal mehr
erkennbaren Versuche, Kompetenzen der Ärzteschaft zu beschneiden. Von
den drei Säulen der EbM bleibe, denke man bestimmte
gesundheitspolitische Ideen weiter, als Grundlage für die Bezahlung
von Leistungen durch die Krankenkassen nur noch die Studienlage
übrig. Die ärztliche Kompetenz zähle in so einem Konzept nicht mehr
beziehungsweise werde drastisch eingeschränkt, so Steinhart.

"EbM nach den Vorstellungen ihrer Pioniere ist ein dynamisches,
individualisierbares System zum Nutzen der Patienten. Doch jetzt
droht eine von Gesundheitsreformern verordnete rigide Kochbuchmedizin
nach Schema F", betonte der ÖÄK-Vizepräsident. "Diesem Versuch, in
das ärztliche Handeln einzugreifen, werden wir entschlossen begegnen.
Der Trend, dass Gesundheitsökonomen, Bürokraten und Politiker
anstelle von Ärztinnen und Ärzten, die als einzige dafür ausgebildet
sind, Therapieentscheidungen vorgeben, ist für Patienten völlig
negativ und muss gestoppt werden." (hpp)

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