TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Ein liederliches Tauziehen", von Christiane Fasching

Ausgabe vom 7. August 2014

Innsbruck (OTS) - Die Entscheidung, wo der 60. Song Contest stattfindet, ist zum Politikum mit Basar-Charakter verkommen. Mit seiner Wahl für Wien hat ORF-General Wrabetz Macht demonstriert. Und Tirols Steuerzahlern Millionen erspart.

Das Rätselraten hat ein Ende: Von 19. bis 23. Mai 2015 blickt das Song-Contest-Universum nach Wien. Genauer gesagt in die Stadthalle, wo die größte Musikshow der Welt, die bis zu 180 Millionen Zuschauer vor die Fernsehschirme lockt, nun über die Bühne gehen wird. Weil der SPÖ-affine ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz es so wollte. Von Anfang an machte er keinen Hehl daraus, dass sein Herz in Sachen Liederstreit für die rote Weltstadt schlägt. Doch Österreich ist nicht nur Wien - nach Conchita Wursts Sieg in Kopenhagen war das Land der Berge in Song-Contest-Laune, es gab kaum eine Stadt, die sich nicht um die Austragung bewarb. Übrig blieben am Ende Wien, Graz und auch Innsbruck, wo die Stadt mit dem Land Tirol, dem TVB und der Tirol Werbung an einem Strang zog. Die Olympiaworld hätte zum ESC-Epizentrum werden sollen, die 60. Auflage des Wettsingens hätte man sich viel kosten lassen. Zuletzt war gar von zwölf Millionen Euro die Rede. Und von einem "Rundum-sorglos-Paket", das man für den ORF geschnürt hätte: Um Security, Verkehr und Catering hätte sich der öffentlich-rechtliche Sender nicht kümmern müssen.
Noch am Mittwoch brachte sich dann auch noch der Kristallriese Swarovski ins Spiel - und sicherte ebenfalls ESC-Unterstützung zu. Ohne Erfolg. Nach mehreren Marathon-Sitzungen ging der Zuschlag am späten Mittwochnachmittag an Wien. Und das obwohl das dortige finanzielle Unterstützungspaket weit unter den Angeboten von Graz und eben auch Innsbruck lag. Doch ORF-Generaldirektor Wrabetz, der auch im Vorstand der European Broadcast Union (EBU) sitzt, die den Song Contest austrägt, blieb bei seinem Wien-Wunsch. Und schlug damit einen anderen Weg als der ÖVP-nahe Finanzdirektor Richard Grasl ein, der - wie auch der Stiftungsrat - auf die kostengünstigste Variante für den ORF pochte und Innsbruck damit in die Favoritenrolle brachte. Aus Sender-Sicht war das taktisch gar nicht unklug: Damit blieben schließlich alle Möglichkeiten offen und die Bewerber besserten ihre Angebote bis zuletzt fleißig nach. Wrabetz hat mit seinem Beharren auf Wien auf alle Fälle Macht demonstriert - und es sich gleichzeitig für seine Wiederwahl 2016 wohl mit Tirols LH Günter Platter verscherzt.
Den Tiroler Steuerzahlern hat er aber Millionen erspart. Und Innsbruck womöglich ein Debakel, wie es gerade Kopenhagen erlebt. Dort kostete der Song Contest dreimal so viel wie geplant. Apropos:
Was passiert nun eigentlich mit den Tiroler Song-Contest-Millionen?

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