TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Goldgräber und die harte Realität", von Alois Vahrner

Ausgabe vom 5. Juli 2014

Innsbruck (OTS) - Österreichs Banken, aber auch viele andere Investoren aus anderen Branchen, müssen derzeit die zuweilen sehr, sehr teure Erfahrung machen, dass sie ihre Expansion in Osteuropa zu teuer eingekauft haben.

Ein Vierteljahrhundert ist es jetzt her, dass der Eiserne Vorhang, der Europa in zwei Teile geteilt hat, gefallen ist. Der marktwirtschaftliche Westen hatte den kommunistisch planwirtschaftlich dirigierten Osten, der in weiten Teilen auf den Bankrott zusteuerte, weit abgehängt.
Die Supermacht Sowjetunion zerfiel, die EU breitete ihre Arme für eine ganze Reihe von Ländern des früheren Ostblocks aus, von den drei baltischen Staaten Lettland, Litauen und Estland über Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn bis hin zu Bulgarien und Rumänien. Dass Russland mittlerweile mit den früheren Teilen Weißrussland, Kasachstan und auch anderen Ländern mit der "Eurasischen Wirtschaftsunion" ein Gegenmodell zur EU aufbauen will (und die Ukraine genau zwischen diesen Fronten sitzt), ist ein anderes Faktum. Österreich hatte früher, vor allem in den östlichen Bundesländern, wirtschaftlich mehr als die meisten anderen Länder unter der europäischen Grenzziehung gelitten. Die Abhängigkeit von Deutschland war noch weit größer als heute. Es gab den nicht unwahren Spruch:
"Wenn Deutschland eine Verkühlung hat, dann bekommt Österreich eine Lungenentzündung." Umso mehr war Österreich dann jenes Land, wohl auch aus seiner Vergangenheit als Donaumonarchie heraus, das die Osterweiterung der EU stärker als jedes andere Land nutzte. Viele Milliarden wurden für Käufe von Banken, Versicherungen und anderen Unternehmen ausgegeben und damit große Marktanteile erobert. Es herrschte vielfach echte Goldgräberstimmung, zumal der ökonomisch unterentwickelte Osten bei seiner Aufholjagd weit überdurchschnittliche Wachstums- und damit Gewinnchancen versprach -und sich dieses Versprechen über Jahre auch erfüllt hat. Österreichs Wirtschaftswachstum lag dank des Ost-Turbos klar über dem EU-Schnitt. Mit dem Ausbruch der Finanzkrise wurde aber auch der Osten getroffen. Nicht nur über Wertberichtigungen müssen von den Banken und Unternehmen bis hin zur Telekom Austria Milliarden in den Wind geschrieben werden. Manche Topmanager, die sich früher in riesigen Zuwachsraten gesonnt haben, sehen jetzt plötzlich ganz schön blass aus. Die ÖVAG, die sich bei ihrem Ost-Abenteuer vergaloppiert hat, musste sogar vom Staat aufgefangen werden.
Was bleibt, ist, dass die Expansion in den Osten strategisch wohl richtig war, dabei aber wegen überzogener Erwartungen viel zu hohe Preise bezahlt wurden. Und die Erkenntnis, dass auch in der Wirtschaft Bäume nur äußerst selten in den Himmel wachsen.

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