- 04.07.2014, 22:00:32
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TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Goldgräber und die harte Realität", von Alois Vahrner
Ausgabe vom 5. Juli 2014
Utl.: Ausgabe vom 5. Juli 2014 =
Innsbruck (OTS) - Österreichs Banken, aber auch viele andere
Investoren aus anderen Branchen, müssen derzeit die zuweilen sehr,
sehr teure Erfahrung machen, dass sie ihre Expansion in Osteuropa zu
teuer eingekauft haben.
Ein Vierteljahrhundert ist es jetzt her, dass der Eiserne Vorhang,
der Europa in zwei Teile geteilt hat, gefallen ist. Der
marktwirtschaftliche Westen hatte den kommunistisch
planwirtschaftlich dirigierten Osten, der in weiten Teilen auf den
Bankrott zusteuerte, weit abgehängt.
Die Supermacht Sowjetunion zerfiel, die EU breitete ihre Arme für
eine ganze Reihe von Ländern des früheren Ostblocks aus, von den drei
baltischen Staaten Lettland, Litauen und Estland über Polen,
Tschechien, die Slowakei, Ungarn bis hin zu Bulgarien und Rumänien.
Dass Russland mittlerweile mit den früheren Teilen Weißrussland,
Kasachstan und auch anderen Ländern mit der "Eurasischen
Wirtschaftsunion" ein Gegenmodell zur EU aufbauen will (und die
Ukraine genau zwischen diesen Fronten sitzt), ist ein anderes Faktum.
Österreich hatte früher, vor allem in den östlichen Bundesländern,
wirtschaftlich mehr als die meisten anderen Länder unter der
europäischen Grenzziehung gelitten. Die Abhängigkeit von Deutschland
war noch weit größer als heute. Es gab den nicht unwahren Spruch:
"Wenn Deutschland eine Verkühlung hat, dann bekommt Österreich eine
Lungenentzündung." Umso mehr war Österreich dann jenes Land, wohl
auch aus seiner Vergangenheit als Donaumonarchie heraus, das die
Osterweiterung der EU stärker als jedes andere Land nutzte. Viele
Milliarden wurden für Käufe von Banken, Versicherungen und anderen
Unternehmen ausgegeben und damit große Marktanteile erobert. Es
herrschte vielfach echte Goldgräberstimmung, zumal der ökonomisch
unterentwickelte Osten bei seiner Aufholjagd weit
überdurchschnittliche Wachstums- und damit Gewinnchancen versprach -
und sich dieses Versprechen über Jahre auch erfüllt hat. Österreichs
Wirtschaftswachstum lag dank des Ost-Turbos klar über dem EU-Schnitt.
Mit dem Ausbruch der Finanzkrise wurde aber auch der Osten getroffen.
Nicht nur über Wertberichtigungen müssen von den Banken und
Unternehmen bis hin zur Telekom Austria Milliarden in den Wind
geschrieben werden. Manche Topmanager, die sich früher in riesigen
Zuwachsraten gesonnt haben, sehen jetzt plötzlich ganz schön blass
aus. Die ÖVAG, die sich bei ihrem Ost-Abenteuer vergaloppiert hat,
musste sogar vom Staat aufgefangen werden.
Was bleibt, ist, dass die Expansion in den Osten strategisch wohl
richtig war, dabei aber wegen überzogener Erwartungen viel zu hohe
Preise bezahlt wurden. Und die Erkenntnis, dass auch in der
Wirtschaft Bäume nur äußerst selten in den Himmel wachsen.
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