TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 27. Juni 2014 von Markus Schramek - Land der halblustigen Operette

Innsbruck (OTS) - Utl: Es muss sich um eine Vorschau auf das Sommerloch handeln. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein Auftritt von Sänger Andreas Gabalier bereits genügt, damit man in Österreich schon wieder über den Text der Nationalhymne streitet.

Nur wenige hundert Kilometer weiter im Osten, in der Ukraine, sterben beim Konflikt unter Bürgern fast täglich Menschen. Was schert es den gelernten Österreicher? Offenbar herzlich wenig. Denn hierzulande sorgt etwas vergleichsweise Banales für freudig erregten Gesprächsstoff im Kaffeehaus.
Andreas Gabalier, ein mit einer schmalzigen Mischung aus Rock und Volksmusik durch die Lande tingelnder Barde steirischer Herkunft, hat es getan. Noch dazu vor dem Auge der sportinteressierten Weltöffentlichkeit: Beim Formel 1 Grand Prix in Spielberg letztes Wochenende gab der 29-jährige Sänger Österreichs Bundeshymne zum Besten - wenn man so sagen will. Denn der Künstler hustete auf den korrekten neuen Text. Der lautet seit mehr als zwei Jahren an entscheidender Stelle nämlich so: "Heimat großer Töchter und Söhne." Auf Initiative weiblicher Abgeordneter im Nationalrat war 2011 der Verweis darauf in den Text aufgenommen worden, dass die Alpenrepublik auf ihre Männer und Frauen gleichermaßen stolz sein darf. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch bis zu ihrer Reform hatte die rot-weiß-rote Hymne einen ziemlich maskulinen Touch:
"Heimat bist du großer Söhne" ging der Vers im alten Text.
Und für genau diese Version entschied sich Gabalier. Ausgerechnet er, der in seinen gesungenen Schmachtfetzen den großen Kavalier und Frauenverehrer gibt. Der Sänger, der sich gerne in der Krachledernen samt Loden-Joppe auf die Bühne stellt, bewegte sich damit geradewegs in Richtung retro. Er habe die Hymne als Bub so in der Schule gelernt, rechtfertigt sich der Performer jetzt rotzig, frech und standhaft. Denn: Er würde es wieder tun. Die Töchter einfach auslassen.
Wie soll man eine solche Trotzaktion bewerten? Gabalier schaffte es mit einer vermutlich gut überlegten Auslassung, sich massiv in Erinnerung zu rufen. Zweifellos eine gelungene PR-Masche. Und die Hoheit über den Stammtischen ist ihm gewiss. Es gibt viele, die jetzt Applaus klatschen und die alte Hymne wieder haben wollen. Das aber würde unser Land endgültig der Lächerlichkeit preisgeben. Die laufende Diskussion ist schon peinlich genug. Hoffentlich bekommt im Ausland niemand Wind davon.
Der Urlaub naht, Stoff für das Sommerloch hätten wir schon. Österreich steht wieder einmal als Land der halblustigen Operette da. Während anderswo Weltpolitik gemacht wird, versinken wir im Tümpel der Bedeutungslosigkeit. Glückliches Österreich.

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