- 26.06.2014, 20:43:45
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TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 27. Juni 2014 von Markus Schramek - Land der halblustigen Operette
Innsbruck (OTS) - Utl: Es muss sich um eine Vorschau auf das
Sommerloch handeln. Anders ist es nicht zu erklären, dass ein
Auftritt von Sänger Andreas Gabalier bereits genügt, damit man in
Österreich schon wieder über den Text der Nationalhymne streitet.
Nur wenige hundert Kilometer weiter im Osten, in der Ukraine, sterben
beim Konflikt unter Bürgern fast täglich Menschen. Was schert es den
gelernten Österreicher? Offenbar herzlich wenig. Denn hierzulande
sorgt etwas vergleichsweise Banales für freudig erregten
Gesprächsstoff im Kaffeehaus.
Andreas Gabalier, ein mit einer schmalzigen Mischung aus Rock und
Volksmusik durch die Lande tingelnder Barde steirischer Herkunft, hat
es getan. Noch dazu vor dem Auge der sportinteressierten
Weltöffentlichkeit: Beim Formel 1 Grand Prix in Spielberg letztes
Wochenende gab der 29-jährige Sänger Österreichs Bundeshymne zum
Besten - wenn man so sagen will. Denn der Künstler hustete auf den
korrekten neuen Text. Der lautet seit mehr als zwei Jahren an
entscheidender Stelle nämlich so: "Heimat großer Töchter und Söhne."
Auf Initiative weiblicher Abgeordneter im Nationalrat war 2011 der
Verweis darauf in den Text aufgenommen worden, dass die Alpenrepublik
auf ihre Männer und Frauen gleichermaßen stolz sein darf.
Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch bis zu ihrer Reform
hatte die rot-weiß-rote Hymne einen ziemlich maskulinen Touch:
"Heimat bist du großer Söhne" ging der Vers im alten Text.
Und für genau diese Version entschied sich Gabalier. Ausgerechnet
er, der in seinen gesungenen Schmachtfetzen den großen Kavalier und
Frauenverehrer gibt. Der Sänger, der sich gerne in der Krachledernen
samt Loden-Joppe auf die Bühne stellt, bewegte sich damit geradewegs
in Richtung retro. Er habe die Hymne als Bub so in der Schule
gelernt, rechtfertigt sich der Performer jetzt rotzig, frech und
standhaft. Denn: Er würde es wieder tun. Die Töchter einfach
auslassen.
Wie soll man eine solche Trotzaktion bewerten? Gabalier schaffte es
mit einer vermutlich gut überlegten Auslassung, sich massiv in
Erinnerung zu rufen. Zweifellos eine gelungene PR-Masche. Und die
Hoheit über den Stammtischen ist ihm gewiss. Es gibt viele, die jetzt
Applaus klatschen und die alte Hymne wieder haben wollen. Das aber
würde unser Land endgültig der Lächerlichkeit preisgeben. Die
laufende Diskussion ist schon peinlich genug. Hoffentlich bekommt im
Ausland niemand Wind davon.
Der Urlaub naht, Stoff für das Sommerloch hätten wir schon.
Österreich steht wieder einmal als Land der halblustigen Operette da.
Während anderswo Weltpolitik gemacht wird, versinken wir im Tümpel
der Bedeutungslosigkeit. Glückliches Österreich.
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