• 04.06.2014, 12:12:06
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Österreichs Zementindustrie fordert komplette Reformen

Jahresbilanz 2013 und Prognose 2014

http://www.apa-fotoservice.at/galerie/5491/ Im Bild
v.l.n.r.: Rudolf Zrost, Vorstandsvorsitzender VÖZ; Felix
Friembichler, Geschäftsführer VÖZ

Utl.: Jahresbilanz 2013 und Prognose 2014 =

Wien (OTS) -
- Emissionshandel gescheitert
- Bauteilaktivierung "State of the Art"
- vom Baustoff zum Bauwerk

Die Erwartungen an die Konjunktur haben sich im letzten Jahr nur
zum Teil erfüllt, trotzdem verzeichnete die österreichische
Zementindustrie ein solides Ergebnis mit leicht rückläufiger Tendenz.
So verringerte sich der Jahresumsatz um 2,6 Prozent. Das bestehende,
wettbewerbsverzerrende Emissionshandelssystem muss als gescheitert
betrachtet werden. Weiters fehlen innovative Maßnahmen zum
Bürokratieabbau und zum Aufbau einer sinnvollen Verwaltung. Die
Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie (VÖZ) fordert
umfangreiche Reformen ein, um Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit
in Österreich und Europa zu sichern. "Die Hausaufgaben müssen beim
Bürokratieabbau und in der Erneuerung der Bereiche Bildung,
Gesundheit und Pensionen endlich gemacht werden", sagt Mag. Rudolf
Zrost, Vorstandsvorsitzender der VÖZ. Durch hohe Investitionen in
Forschung kann Heizen und Kühlen mit Beton bereits als "State of the
Art" bezeichnet werden. Das Engagement am Bildungssektor fördert
Lehrlinge, Schüler und Studenten. DI Felix Friembichler,
Geschäftsführer der VÖZ: "Der nächste Schritt ist nun vom Bau"stoff"
in Richtung Bau"werk" zu denken."

Die neun österreichischen Zementbetriebe produzierten im Jahr 2013
mit 4,4 Mio. Tonnen um 1,6 Prozent weniger als 2012. Das
Umsatzvolumen von 365 Mio. Euro reduzierte sich gegenüber 2012 um 2,6
Prozent. Für das laufende Jahr wird mit einer leichten Steigerung
gerechnet.

Ausblick 2014 Österreich und Europa

Europaweit musste die Bauwirtschaft in den letzten Jahren
empfindliche Einbußen hinnehmen. Für 2014 ist laut Euroconstruct eine
Trendwende in Sicht, es wird mit einem Wachstum von 0,9 Prozent
gerechnet. Die Expansion soll sich über die Sparten Wohnbau,
sonstiger Hochbau und Tiefbau erstrecken, wobei der Wohnbau am
meisten profitieren wird. Auch die Tiefbauproduktion wird aufgrund
notwendiger Infrastrukturmaßnahmen und Investitionen zum Erreichen
energiepolitischer Ziele wieder wachsen. Die österreichische
Bauproduktion konnte 2013 ein Plus von 0,5 Prozent erzielen, für 2014
wird eine Expansion von etwa einem Prozent erwartet. "Vor allem der
Wohnbau entwickelte sich 2013 mit einem Zuwachs von zwei Prozent sehr
dynamisch", erklärt Zrost. Der Ausblick für 2014 ist für die
Bauwirtschaft mit einem prognostizierten Plus von 1,2 Prozent
optimistisch. Im Tiefbau werden seitens der Asfinag 880 Mio. Euro in
den Neubau und die Erhaltung bestehender Autobahnen und
Schnellstraßen investiert werden. Die ÖBB baut die West-, Süd- und
Brennerachse aus und modernisiert das Bestandsnetz und Bahnhöfe.

Standort Österreich - Kompetenzdschungel, überbordende
Bürokratie

"Österreich verliert als Industriestandort an Qualität und rutscht
im Ranking immer weiter zurück", so Zrost. "Wir brauchen dringend ein
großes Reformpaket, das den Kompetenzdschungel und die überbordende
Bürokratie strafft." Allein in Gesundheit, Bildung, Verwaltung und
Pensionen kann ein Einsparungsvolumen von 10 Mrd. pro Jahr erreicht
werden. "Bereits vor zehn Jahren hat der Österreich-Konvent
tiefgreifende Vorschläge auf den Tisch gelegt, von denen kaum etwas
umgesetzt wurde. Allein die Anhebung des Pensionsantrittes um nur ein
Jahr würde bereits eine Milliarde Euro Einsparung bringen."

Rechtsunsicherheit durch Backloading

Die Rahmenbedingungen verschlechtern sich nicht nur in Österreich,
sondern auch im europäischen Kontext. Obwohl sich die EU hohe Ziele
zur Re-Industrialisierung gesetzt hat - leider, ohne diese zu
verfolgen. Denn um den krisenbedingten CO2-Preisverfall zu stoppen,
wurde im Februar dieses Jahres ein befristeter Eingriff in den
bestehenden Emissionshandel, das "Backloading", erlaubt. Damit dürfen
900 Mio. Tonnen CO2-Emissionszertifikate vom Markt genommen werden,
um den Zertifikat-Preis zu erhöhen. Zrost: "Verhandelte Regelungen
wurden innerhalb der laufenden Handelsperiode revidiert. Das bedeutet
für ein Unternehmen Rechts- und Planungsunsicherheit. Es ist nicht
verwunderlich, wenn andere Kontinente für den Unternehmensstandort
interessanter werden."

Überambitionierte Klimaziele für 2020-2030

Unverständlich auch die jüngsten von der EU-Kommission
vorgelegten, überambitionierten EU-Klimaziele, die eine immense
Belastung durch einseitige Selbstverpflichtungen zur Reduktion von
minus 40 Prozent CO2 (auf Basis 1990) bis 2030 vorsehen. "Es werden
Entscheidungen getroffen ohne die wirtschaftlichen Auswirkungen auf
die Industrie zu hinterfragen. Die Klimaziele sind eindeutig zu hoch
angesetzt und für die Zementindustrie technisch nicht erreichbar", so
Zrost. Europas Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß macht nur rund 10
Prozent aus.

Emissionshandel gescheitert

Für die laufende Handelsperiode zur Zuteilung von CO2-Zertifikaten
sind das Produktionsniveau einer historischen Basisperiode, die
Benchmark, der Korrekturfaktor (damit soll das Minus von 20 Prozent
bis 2020 erreicht werden) und der Carbon-Leakage-Status die
bestimmenden Faktoren mit dem Berechnungsmodus:
"Historische Produktionsmenge x Benchmark x Korrekturfaktor =
Zuteilung CO2-Zertifikate"

Ist eine Branche als Carbon-Leakage gefährdet eingestuft, dann
bekommt die Anlage die errechnete Zertifikatsmenge kostenlos, wenn
nicht, muss diese schrittweise ersteigert werden. Die historische
Produktionsmenge (durchschnittliche Produktionsmenge 2005-2008) wird
als Basismenge "eingefroren" und berücksichtigt die aktuelle
Produktionsleistung im Zeitraum der CO2-Zuteilung nicht. Verbessert
sich ein Unternehmen in der Mengenproduktion, muss es für jede
zusätzliche Tonne Zement gegenüber der Basisperiode CO2-Zertifikate
zukaufen. Ein Wachstum wird dadurch unwirtschaftlich. Als Benchmark
für die europäische Zementindustrie wurde aus ihren Top Ten
Performern der Wert von 766 kg CO2/Tonne Klinker berechnet. Mit nur
1,5 Prozent Abstand zu diesen Top Unternehmen spiegelt sich der hohe
technische Standard der österreichischen Zementwerke wider. Diese
gute Benchmark wird durch die Verknüpfung mit der "eingefrorenen"
Produktionsleistung und dem Korrekturfaktor völlig zunichte gemacht.
Das führt z.B. dazu, dass derzeit 40 Zementwerke, vor allem im Süden
Europas, aufgrund der Wirtschaftskrise nur knapp über 50 Prozent
Auslastung haben, aber 100 Prozent Zertifikate-Zuteilung erhalten, da
diese in der Basisperiode eine hohe Auftragslage hatten. War die
Basisperiode wirtschaftlich schlecht und ist aktuell gut, wird die
Zuteilung am niedrigen Niveau gemessen. Dies führt zu dramatischen
Wettbewerbsverzerrungen unter den Unternehmen. Zur weiteren
Berechnung kommt nun ein einheitlicher Korrekturfaktor zum Tragen.
Für 2013 wurden bereits 5,7 Prozent der zugeteilten Zertifikate
aberkannt, der Anteil soll bis 2020 auf 17,5 Prozent ansteigen. "Wir
brauchen dringend Strukturreformen, denn das bisherige System des
Emissionshandels ist wettbewerbsverzerrend und eindeutig gescheitert,
denn kein Land außerhalb der EU macht mit", übt Zrost heftige Kritik.
"Wir brauchen ein System, das Investitionen und Wettbewerb in
Österreich und Europa absichert und den schleichenden Prozess der
De-Industrialisierung stoppt." Außerdem mache eine CO2-Einsparung zur
Verlangsamung der Erderwärmung nur Sinn, wenn auch außereuropäische
Staaten zum Mitmachen bewegt werden können.

Komplette Reform oder Ausstieg der Industrie zulassen

Im Jänner 2014 hat sich die EU-Kommission für eine weitere
Verschärfung des Reduktionszieles ausgesprochen, die eine Minderung
auf 40 Prozent bis 2030 vorsieht. Gleichzeitig mehren sich die
politischen Signale, dass die Schutzregelungen für Unternehmen mit
Carbon-Leakage Status, zu denen auch die Zementindustrie zählt, ab
2020 stark reduziert, wenn nicht sogar aufgehoben werden sollen.
Kommt es zur gewünschten Preissteigerung der CO2-Zertifikate auf 40
Euro/Tonne, entstehen der österreichischen Zementindustrie jährliche
Kosten von 52 Mio. Euro, bei zusätzlichem Verlust des Carbon-Leakage
Status von 110 Mio. Euro. Das entspricht rund einem Drittel des
Umsatzes. "Die energieintensive Grundstoffindustrie braucht
Regelungen, die das technisch machbare Reduktionspotential
berücksichtigen. Es ist einfach unglaublich wie realitätsfremd hier
Diskussionen geführt und Entscheidungen gefällt werden. Entweder es
kommt zu grundlegenden Reformen oder man entlässt die Industrie aus
dem Emissionshandelssystem", fordert Zrost vehement Veränderungen.

Kontraproduktives Energieeffizienzgesetz

Seit Jahren baut die Zementindustrie erfolgreich den Einsatz
alternativer Roh- und Brennstoffe aus. Sekundärrohstoffe wie Ziegel-
und Betonabbruch machen 21 Prozent des Rohmaterials aus, schon 30
Prozent des Klinkers im Zement werden mit Flugasche oder Hüttensand
substituiert; Kohle und Öl zu 73 Prozent durch alternative
Brennstoffe wie Rückstände aus Papierfasern und Landwirtschaft,
Kunststoffen, Altreifen ersetzt. Österreichs Zementindustrie nimmt
europaweit eine Top-Position ein. "Wir verdanken den hohen Anteil an
Sekundärstoffen großen Investitionen und einer gut entwickelten
Abfallwirtschaft", meint Zrost. "Umso unverständlicher, dass die
Zementindustrie nun durch das geplante Energieeffizienzgesetz
bestraft werden soll." Abfall-Aufbereiter, welche an die
Zementindustrie liefern, sollen künftig wie große
Energieversorgungs-Unternehmen verpflichtet werden, über komplizierte
Ausschreibungen Energieeinspar-Maßnahmen zu finanzieren und bei
Nichterreichung hohe Strafen zu zahlen. Liefern sie hingegen zu
Müllverbrennungsanlagen, entfällt diese Verpflichtung. "Diese
selektive Besteuerung verzerrt den Wettbewerb, ist im Sinne der
Energieeffizienz völlig kontraproduktiv und führt zu einer weiteren
Verschlechterung der Standortbedingungen." Die österreichische
Zementindustrie fordert die Politik auf, Abfall-Lieferanten, die an
die Zementindustrie Abfallbrennstoffe liefern, aus der
Maßnahmenverpflichtung und Strafzahlung im geplanten
Energie-Effizienzgesetz auszuklammern.

Vom Bau"stoff" zum Bau"werk"

Wird Nachhaltigkeit diskutiert, ist meist von Umwelt oder
Wirtschaft die Rede, Erwartungen und Bedürfnisse der Gesellschaft
kommen nur am Rande vor. Keiner der Aspekte kommt ohne die anderen
aus. Europa ist wirtschaftlich sowie bei Sozial- und Umweltstandards
führend. Diese gehen mit hohen Arbeits-, Energie- und Umweltkosten
sowie stagnierendem Einkommen, sinkender Kaufkraft und steigender
Arbeitslosigkeit einher. Während die Politik als Ausweg hohes Niveau
der Bildung, Weiterbildung, Innovationsgeist und Produktqualität
predigt, sieht die Realität anders aus. Friembichler: "Erstarrte
Strukturen in der Bildung und Wettbewerb, der über Preiskämpfe der
Wirtschaft stattfindet, führen zur Abwanderung der besten Köpfe und
potenter Unternehmen." Auch spießt sich das Billigstbieterprinzip in
der Baubranche mit den Grundprinzipien der Nachhaltigkeit. "Das
Billigstbieterprinzip bildet den Nährboden für Lohn- und
Sozialdumping sowie Qualitätsverlust von Leistungen und Produkten",
so Friembichler. Die kürzlich beschlossene EU-Vergaberichtlinie sieht
vor, bei der Auftragsvergabe neben dem Preis Qualitätsstandards,
Umweltaspekte und soziale Belange als Zuschlagskriterien zu
verankern. "Soll die politische und wirtschaftliche Stabilität
Europas erhalten bleiben, muss die nach unten gerichtete Spirale
durch ganzheitliche Betrachtungen in einen Aufwärtstrend gedreht
werden." Die österreichische Zementindustrie hat vor Jahren begonnen
hohe Investitionen in Ausbau und Modernisierung der Anlagen zu
tätigen. Parallel wurden das Engagement und die Ausgaben für
Forschung und Entwicklung zur Produktanwendung und -qualität
intensiviert. Am Bildungssektor fördert die Zementindustrie
Lehrlinge, Schüler und Studenten, produziert Unterrichtsmaterialien -
bundesweit wie regional. Friembichler: "Wir arbeiten konsequent
daran, unsere Strategie über den Bau"stoff" hinweg in Richtung
Bau"werk" auszurichten. Das erfordert Weitsicht, den Willen und die
Kraft, sich mit den Bedürfnissen der Gesellschaft auseinander zu
setzen."

Bauteilaktivierung "State of the Art"

2002 wurde eine Studie der Donau-Universität Krems vorgestellt,
die belegte, dass Beton mit seiner dualen Fähigkeit zur
Wärmespeicherung sowie Wärmeleitfähigkeit geeignet ist, bei Bauwerken
mit guter Wärmedämmung höchste Energiestandards zu erfüllen.
Friembichler: "Diese Erkenntnis war nicht Allgemeinwissen und selbst
in der Fachwelt so gut wie unbekannt. Unsere Branche hat die Vorteile
erkannt und steckt seit vielen Jahren viel Zeit und Geld in die
weitere Erforschung und Verbreitung der Technologie." Vor allem im
Gewerbebau wird die Bauteilaktivierung verbreitet eingesetzt, hat
aber noch großes Optimierungspotential. "Die Benefits dieses
fortschrittlichen Systems zur Klimatisierung von Gebäuden sind
erkannt. Das ändert nichts daran, dass noch viel Arbeit notwendig
ist, um notwendige Unterrichtsunterlagen und die Verankerung in das
Normenwesen zu schaffen." Aktuell bemüht sich die Zementindustrie,
die Ausbildung in den Bauakademien, ausgehend von Salzburg,
flächendeckend einzuführen. An der HTL Pinkafeld (Burgenland) wird
ein Simulationsraum errichtet werden, um den Einsatz der
Bauteilaktivierung im Einfamilienhausbau zu forcieren. "Mit diesem
Simulationsraum bringen wir Theorie und Praxis zur
Betonteilaktivierung in den Unterricht einer HTL für Gebäudetechnik",
so Friembichler.

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Weitere Bilder unter: http://www.apa-fotoservice.at/galerie/5491

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