• 30.05.2014, 09:42:53
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Wirksamer Klimaschutz abseits von UN-Konferenzen

Mannsberger: Ausschöpfung der forstlichen Nutzungsreserven essentiell

Utl.: Mannsberger: Ausschöpfung der forstlichen Nutzungsreserven
essentiell =

Wien (OTS) - Neue Einblicke zum Thema Klimawandel und dessen Folgen
bot die Veranstaltung "Nachhaltiger Klimaschutz" des Österreichischen
Biomasse-Verbandes am 26. Mai in Wien. Hochkarätige Experten
beleuchteten den Klimawandel aus verschiedenen Blickwinkeln und
stellten den gut 150 Tagungsteilnehmern Gegenmaßnahmen vor, die
erfolgreicher sein können als internationale Klimakonferenzen.
Deutlich wurde die Bedeutung des Waldes und dessen nachhaltiger
Bewirtschaftung für den Klimaschutz.

Klimawandel aus Satellitensicht: Atemberaubend und gruselig

Anhand neuer Satellitenbilder zeigte Dr. Josef Aschbacher, Leiter
des Koordinierungsbüros für Erdbeobachtungen der Europäischen
Weltraumorganisation ESA, eingangs das Voranschreiten des
Klimawandels auf. Eine beeindruckende Animation machte die drastische
Abnahme des Arktiseises zwischen 1980 und 2010 sichtbar. Auch der
Eisverlust der Antarktis ist dreimal höher als noch in den
1990er-Jahren. "Drei Jahre Messungen mit CryoSat zeigen, das die
Eisdecke in der Antarktis jährlich um 159 Milliarden Tonnen abnimmt",
erklärte Aschbacher. "Allein diese Schmelze lässt den Meeresspiegel
jedes Jahr um einen halben Millimeter ansteigen."

Über 20 Jahre herrschte zwischen Forschern Uneinigkeit darüber, ob
das Grönlandeis zu- oder abnehme. Mittels Einsatz von zehn Satelliten
konnte die ESA in Kooperation mit der NASA kürzlich für Klarheit
sorgen: Es stellte sich heraus, dass es zwar im Binnenteil der Insel
infolge von Niederschlägen zu einer Zunahme des Eises gekommen ist.
Diese ist aber deutlich geringer als die dramatische Abnahme an den
Rändern Grönlands (s. Abb. 1).

"Atemberaubend und gruselig" nannte Prof. Martin Jänicke,
Gründungsdirektor des Forschungszentrums für Umweltpolitik der Freien
Universität Berlin, diese Klimatrends. "Ohne zusätzliche Maßnahmen
erwärmt sich die Erde bis 2100 um 3,7 bis 4,8 Grad Celsius", warnte
der Review-Editor des jüngsten Weltklimaberichtes. "Klimaschutz hat
ein breites Spektrum möglicher positiver Nebenwirkungen", hob Jänicke
hervor. Als solche hat der Weltklimarat 17 Co-Benefits ausgemacht,
darunter geringere Energiekosten, Versorgungssicherheit, Wettbewerbs-
und Beschäftigungs-effekte über Umweltentlastung bis zum verringerten
Wasserverbrauch und zur Sicherung der Ernährungsbasis. Dies sehen
auch die EU-Bürger so. Laut einer aktuellen Umfrage stimmen 80 % der
Befragten zu, dass Klimaschutz und effiziente Energienutzung die
Wirtschaft ankurbeln und Jobs schaffen. In keinem EU-Mitgliedsstaat
lag die Zustimmung unter 65 %.

Pionierländer stoßen gewaltige Innovationsprozesse an

Hoffnungen bereiten Jänicke nicht die UN-Klimakonferenzen, sondern
sich aufschaukelnde Innovationsprozesse in Pionierländern und
-regionen. "Lesson Drawing" heißt der Prozess, bei dem ein
Pionierland eine Erneuerbare-Energien-Technologien erfolgreich
einsetzt und andere Länder diese dann nachahmen", erklärte Jänicke.

Als Beispiel führte er das mehrmalige Hinaufsetzen der 2020-Ziele
für erneuerbaren Strom in Deutschland von 20 % auf 40 %. Als ein
anderes die zwischen 2005 und 2012 von etwa 50 auf fast 140
gestiegene Anzahl von Ländern mit Zielen für den Ausbau erneuerbarer
Energien. China hat seine Ausbauziele für Windkraft bis 2020
innerhalb von zehn Jahren fünfmal erhöht, von 20 auf 200 GW (s. Abb.
2). "Die chinesischen Provinzen wollen ihren Kohleeinsatz stark
reduzieren. Außerdem ist die Einführung eines Emissionshandels
geplant", berichtete Jänicke, der in den vergangenen Jahren auch als
Berater der chinesischen Regierung tätig war. "Staaten oder Regionen
wollen nicht mehr auf die Ergebnisse der Klimakonferenzen warten und
sich etwas vorschreiben lassen. Sie wollen ihren eigenen Weg gehen",
sagte Jänicke. Die lokale Ebene entwickele eine besondere Dynamik.

Einhaltung der 2-Grad-Grenze unrealistisch

Prof. Franz Josef Radermacher vom Forschungszentrum für
anwendungsorientierte Wissensverarbeitung machte deutlich, dass er
die Einhaltung der 2GradC-Obergrenze nicht mehr für realistisch hält
und kritisierte die Verschiebung eines Post-Kyoto-Abkommens auf 2020:
"Dadurch haben wir acht Jahre verloren". Auch Radermacher
zeigte Wege abseits der Klimaverhandlungen auf. Ein
"Global-Neutral"-Programm soll weltweit Unternehmen motivieren, sich
freiwillig klimaneutral zu stellen. Neben der Erhöhung der
Energieeffizienz, der Nutzung erneuerbarer Energien und der Änderung
individueller Verhaltensweisen bieten sich hierfür insbesondere die
Erzeugung von Negativemissionen durch weltweite Aufforstungen und
deren nachhaltiger Nutzung sowie die Stilllegung von Emissionsrechten
an. Radermacher forderte auch die Tagungsteilnehmer zum Kauf von
CO2-Emissionszertifikaten auf, um so den wirkungslosen Preis von 5
Euro/Tonne anzuheben und den eigenen ökologischen Fußabdruck zu
verbessern. Als "Leuchtturmprojekt" nannte Radermacher das
Klima-Neutralitäts-Bündnis Vorarlberg, bei dem Unternehmen bis 2025
die CO2-Neutraltiät im "Ländle" erreichen wollen.

Frieden durch erneuerbare Energien

"Energiesparen und erneuerbare Energien sind die moralische
Alternative zu einem Krieg", zitierte Militärstratege Gerald Karner,
Aventus GmbH, den ehemaligen-US-Präsidenten Jimmy Carter. "Verknappen
sich die zur Energieproduktion benötigten Ressourcen - oder wird dies
künstlich herbeigeführt - steigen die Spannungen zwischen Ländern mit
einem Mangel an diesen und solchen, die darüber verfügen", erläuterte
der Militärexperte und führte als Beispiele die Ukraine-Krise und den
Konflikt zwischen China und seinen Nachbarn um Ölfelder im
Südchinesischen Meer an.

"Fossile und vor allem atomare Energieversorgungssysteme weisen
eine hohe Verwundbarkeit gegenüber Terroranschlägen und
Naturkatastrophen auf. Bei erneuerbaren Energien ist diese geringer,
vor allem wenn diese verbrauchernahe bereitgestellt werden", sagte
Karner. Neben der Verminderung von Abhängigkeiten, Verwundbarkeiten
und Konfliktpotenzialen tragen die erneuerbaren Energien auch zur
Überwindung der Energiearmut in Entwicklungsländern und damit zu
deren Stabilisierung bei. "Der strategische Wert erneuerbarer
Energien ist leider bisher kaum erkannt beziehungsweise
berücksichtigt worden", bedauerte Karner.

Kaliforniens Traum vom Schieferöl geplatzt

Wie Karner verwies auch Politik- und Strategieberater Georg
Günsberg darauf, dass die fossilen Energieimporte Österreichs zu
einem Großteil aus einer politisch instabilen Zone mit einer großen
Zahl aktueller Krisenherde kommen. "Schiefergas und -öl werden keinen
entscheidenden Beitrag zur Reduktion der fossilen
Energieimportabhängigkeit leisten können. Ihre Nutzung ist sowohl mit
ökologischen wie auch mit wirtschaftlichen Risiken verbunden",
unterstrich Günsberg. Die erhöhte Öl- und Gasproduktion der USA sei
gewaltig - fraglich sei aber, wie lange sie auf diesem Niveau
gehalten werden könne.

68 % der gesamten US-Schiefergasproduktion stammen aus drei
Feldern, 74 % der Schieferölerzeugung aus zwei Feldern. Ohne das
Schiefergasfeld Marcellus wäre der Höhepunkt der Schiefergasförderung
in den USA bereits im August 2012 erreicht worden. "Der deutliche
Anstieg des US-Gaspreises in den vergangenen beiden Jahren zeigt,
dass das geringe Preisniveau auf Dauer nicht haltbar sein wird, denn
auch die Kosten für Fracking sind entsprechend hoch", informierte
Günsberg. "Die 'Low Hanging Fruits' sind bald geerntet."

Vor wenigen Tagen erlebte beispielsweise Kalifornien einen herben
Rückschlag. Die US-Energiebehörde EIA musste die Schätzung für
förderbare Reserven des wichtigsten Schieferöl-Gebietes Monterey um
96 % herunterstutzen. Der kalifornische Traum des Ölgeschäftes mit
zwei Millionen neuen Jobs und Steuereinnahmen in Milliardenhöhe ist
vorerst geplatzt.

Volkswirtschaftliche Schäden durch Naturkatastrophen
vervielfacht

Mit den volkswirtschaftlichen Folgen des Klimawandels setzte sich
Dr. Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen
Hagelversicherung, auseinander. Während sich die Zahl der weltweiten
Naturkatastrophen seit 1980 in etwa verdoppelt hat, kam es bei der
Summe der durch sie verursachten Schäden zu einer Vervierfachung auf
etwa 200 Mrd. US-$ pro Jahr (s. Abb. 3). "Die jährlichen Kosten des
Klimawandels könnten auf 20 % oder mehr des erwarteten globalen
Bruttoinlandsprodukts ansteigen", warnte Weinberger. "Die
Landwirtschaft ist dabei Klimaopfer Nummer eins." Weinberger beklagte
darüber hinaus den zunehmenden Verlust landwirtschaftlicher
Nutzflächen, der um 50 % höher sei als in Deutschland.

Dass auch der Wald von den Klimaextremen besonders betroffen ist,
hoben Waldbau-Professor Manfred Lexer, Universität für Bodenkultur
Wien (BOKU), und Gerhard Mannsberger, Leiter der Forstsektion im
BMLFUW, hervor. Lexer prognostizierte vor allem der Fichte künftig
Schwierigkeiten aufgrund von Trockenheit und Borkenkäferbefall. "Die
für die Fichte geeigneten Standorte in Österreich dürften stark
zurückgehen", erwartet Lexer. "Dagegen ist für die Buche eine
Ausbreitung ihres Verbreitungsgebietes zu erwarten, auch wenn es auf
im Osten der Republik für sie zu trocken werden könnte."

EU-Klimaziele nur durch Ausschöpfen der Biomasse-Potenziale
erreichbar

Sektionschef Mannsberger betonte die Zunahme des Holzvorrats in
Österreich, der in den vergangenen 50 Jahren trotz verstärkten
Holzeinschlags um etwa 45 % gestiegen ist. Laut Österreichischer
Waldinventur bieten 80 Mio. Vorratsfestmeter Durchforstungsreserven
noch erhebliche Holznutzungspotenziale. "Das Ausschöpfen dieser
Reserven ist zur Erreichung der EU-Vorgaben essentiell, ihr Abbau
würde zugleich den Wert der verbleibenden Bestände erhöhten",
unterstrich der Sektionschef. "Der Ersatz von fossilen Brennstoffen
auch durch Waldbiomasse ist im Sinne der langfristigen Reduzierung
der CO2-Emissionen sinnvoll und wichtig."

Mannsberger wies darauf hin, dass in der zweiten

Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls bis 2020 zusätzlich zum
Wald auch Holzprodukte als Speicher in die Kohlenstoffbilanzierung
miteinbezogen werden. Der nationale Referenzwert für Österreich für
die Periode 2013 bis 2020 umfasst einen Gesamtpool von 6,5 Mio.
Tonnen CO2, bestehend aus 4,4 Mio. Tonnen Holzprodukten und 2,1 Mio.
Tonnen Biomasse.

Waldbewirtschaftung und Holznutzung schützen das Klima

Mathias Neumann vom Waldbau-Institut der BOKU stellte die
Klimawirkung der Waldbewirtschaftung vor und setzte sich insbesondere
mit den Folgen ihrer Intensivierung auseinander. "Eine verstärkte
Holznutzung führt zwar kurzfristig zu einer zusätzlichen
Kohlenstofffreisetzung, doch weil durch das Holz fossile Bau- und
Brennstoffe substituiert werden, sind die Klimaeffekte positiv. Zudem
führt eine Verringerung des Holzvorrats zu einer Erhöhung des
laufenden Zuwachses der verbleibenden Bäume, wodurch noch mehr CO2
aus der Atmosphäre aufgenommen wird", erklärte Neumann.

Die Treibhausgasbilanz im Lebenszyklus der stofflichen und
energetischen Holznutzung untersuchte Gerfried Jungmeier vom Joanneum
Research. "Die kombinierte stoffliche und energetische Holznutzung
kann eine sehr günstige Treibhausbilanz aufweisen, insbesondere dann,
wenn fossile Rohstoffe und Energie ersetzt werden und das Holz aus
nachhaltiger Waldbewirtschaftung stammt", informierte der
Wissenschaftler. Beim Ersatz fossiler Brennstoffe durch
Holzbrennstoffe werden bei Nutzwärme-Erzeugung die
Treibhausgas-Emissionen um 85 bis 90 % reduziert. Die Gewinnung von
Wärme und Strom führt zu Rückgängen zwischen 75 und 90 %; werden auch
Treibstoffe erzeugt, werden 85 bis 90 % der Treibausgase eingespart.

Weitere Informationen zur Pressemitteilung sowie die Grafiken zum
Download finden Sie unter folgendem Link:
www.biomasseverband.at/presse/aktuelles

Bildunterschriften

Abb. 1: Mithilfe der ESA-Satelliten wurde nachweisen, dass die
Eisbedeckung auch auf Grönland dramatisch abgenommen hat (Quelle:
ESA).

Abb. 2: Ausbau der Windkraft in China von 2002 bis 2013 und die im
Laufe von zehn Jahren fünfmal erhöhten Ziele für 2020 (Quelle: REN21
(2013), Global Wind Statistics 2014)

Abb. 3: Entwicklung der Werte der gesamten sowie der versicherten
Schäden zwischen den Jahren 1980 und 2013 weltweit
(*inflationsbereinigt durch den Consumer Price Index des jeweiligen
Landes, Quelle: Munich Re)

Abb. 4: Sorgten für eine spannende Veranstaltung Nachhaltiger
Klimaschutz: (v. li.) Josef Aschbacher/ ESA, Martin Jänicke/ Freie
Universität Berlin, Gerfried Jungmeier/ Joanneum Research, Horst
Jauschnegg/ ÖBMV, Gerhard Mannsberger/ BMLFUW, Kurt Weinberger/
Österreichische Hagelversicherung und Christoph Pfemeter/ ÖBMV

Die Präsentationen aller Vortragenden der Veranstaltung
Nachhaltiger Klimaschutz sowie die Broschüre Nachhaltiger Klimaschutz
mit Langfassungen der Vorträge ist hier verfügbar:
http://www.ots.at/redirect/klimaschutz1

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | BMV

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