Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 21. Mai 2014; Leitartikel von Reinhard Fellner: "Fall Nadina zeigt krankes System auf"

Innsbruck (OTS) - Utl: Dass gegenüber Nadinas Eltern nach Jahren die Haftung für ein schwerstbehindertes OP-Opfer erklärt wurde, sichert die Existenz der Familie. Zum Wohle von Patienten und Ärzten benötigt es jedoch eine Alternative zu solchen Gerichtsverfahren.

Nadinas Eltern zeigten sich gestern am Landesgericht über das Haftungsanerkenntnis der Tilak wegen nun feststehenden Behandlungsfehlers an ihrer seither schwerstbehinderten Tochter erleichtert. Nicht glücklich - schließlich handelt es sich hier nicht um einen Lottogewinn, sondern um die künftige Absicherung und Pflege einer heute Sechseinhalbjährigen, die 2008 als völlig gesundes Kind einer scheinbar harmlosen Leistenoperation unterzogen worden war. Dass es zum jetzigen Anerkenntnis überhaupt gekommen ist, grenzt an ein Wunder und stellt unser derzeitiges System in Frage. Wurde mit dem Fall doch erst ein Schiedsgericht befasst, bei dem ein Gutachter jedoch eine Vorerkrankung Nadinas und kein Mitverschulden der Klinik befundet hatte.
Ein Fall für den Patientenentschädigungsfonds also, der für einen somit angenommenen schicksalshaften Verlauf nicht mehr als 35.000 Euro ausgeschüttet hätte. Viel zu wenig für die lebenslang ganztägige Pflege eines behinderten Menschen.
Kosten und Prozessrisiko einer Klage gegen die Tilak übertrafen jedoch bei Weitem die Möglichkeiten der Normalverdiener-Familie. Einzig eine Prozessunterstützung der Tiroler Arbeiterkammer ermöglichte 2011 den Klagsweg zu Gericht und entlarvte nach drei Gutachten das Erstgutachten im Schiedsgericht als fehlerhaften Befund. Wären die Gutachten jedoch anders ausgefallen und Nadina hätte beispielsweise - ohne Wissen der Eltern - tatsächlich eine Vorschädigung aufgewiesen, hätte das Verfahren bislang 100.000 Euro an Kosten verschlungen. Das kann kein Normalbürger mehr bezahlen -schon gar nicht, wenn er für die Pflege eines Angehörigen aufkommen muss.
Als Resümee vieler Medizin-Verfahren der letzten Jahre kann so nur die dringende Forderung nach einem verschuldensunabhängigen Patientenfonds stehen. Gespeist durch Beiträge des Landes, der Patienten, von Kammern, Versicherungen und Pharmafirmen könnte ein derartiger Fonds jahrelange Justizverfahren auf dem Rücken von Ärzten, ihrer Patienten und deren Angehörigen ersparen. Nur so könnte auch ein Mediziner und dessen Krankenhausträger einen Kunstfehler unumwunden eingestehen. Nur so bliebe es Patienten erspart, zwangsläufig eine Rechtsschutzversicherung abschließen zu müssen oder auf das Wohlwollen der AK angewiesen zu sein.
Verlierer in so einem System wäre dann eigentlich nur das Heer der medizinischen Gutachter.

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