• 20.05.2014, 17:45:33
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DER STANDARD-Kommentar: "Das europäische Dilemma" von Eric Frey

"Die Sachfragen erfordern jene vertiefte Integration, die die Bürger nicht wollen"; Ausgabe vom 21.5.2014

Utl.: "Die Sachfragen erfordern jene vertiefte Integration, die die
Bürger nicht wollen"; Ausgabe vom 21.5.2014 =

Wien (OTS) - Gibt es irgendein Politikfeld, das sich nicht durch eine
engere Kooperation auf EU-Ebene besser lösen lässt? Von der
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Verhinderung von Bankenkrisen
bis zur Einwanderungspolitik, der Energieversorgung oder dem Umgang
mit Russland - überall sind die Erfolgschancen besser, wenn es eine
gemeinsame europäische Strategie gibt. Und die ist nur möglich, wenn
EU-Institutionen mehr Kompetenzen erhalten und die Mitgliedsstaaten
Macht abgeben - also die Integration vorangetrieben wird.
Wenn man den österreichischen Parteien im Europawahlkampf zuhört,
dann ist von dieser Notwendigkeit allerdings nichts zu merken. Mit
Ausnahme der Neos fordern sie "weniger Europa" oder eine EU mit
Abstrichen. Selbst der VP-Vorzeigeeuropäer Othmar Karas wirbt mit
"Besseres Europa. Starkes Österreich", obwohl er genau weiß, dass nur
eine institutionelle Schwächung der einzelnen Nationalstaaten - also
auch von Österreich - Europa besser machen kann.
Der Grund dafür ist einfach: Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger
will nicht mehr Europa. Im besten Fall sind sie für den Erhalt des
Status quo, in vielen Fällen aber für eine Rückgabe von
Zuständigkeiten an die Staaten oder gar - siehe den Zulauf zu
EU-feindlichen Rechtsparteien - für das Ende der Union. Die Krise des
Euro hat selbst die traditionell europhilen Länder im Süden zu
Skeptikern gemacht.
Und das ist das große Dilemma, das im Vorfeld dieser Europawahlen
deutlich spürbar wird: Je demokratischer die Abläufe in der EU sind,
desto weniger Europa kann es geben - und desto schlechter werden
seine Leistungen für die Bürger. Das schürt die Frustration und
Unzufriedenheit, was wiederum die demokratische Legitimität der Union
untergräbt.
Der Ausweg aus dieser Zwickmühle lief bisher über eine heimliche
Integration, die von Technokraten in Brüssel am Volk
vorbeigeschummelt wurde - mit Unterstützung der nationalen
Regierungen, die über die Unverzichtbarkeit eines gemeinsamen
Vorgehens genau Bescheid wissen und sich dennoch nicht genieren,
diese ständig durch das Pochen auf Eigeninteressen zu untergraben.
Diese Vorgangsweise ist zwar demokratisch legitimiert, doch sie gibt
all jenen Munition, die Europas Eliten Abgehobenheit und Arroganz
vorwerfen.
Leider hilft auch der Versuch des Europaparlaments nicht, die Wahl zu
einer Abstimmung über die zukünftige Kommission umzufunktionieren, um
diesen Widerspruch aufzulösen. Statt eines europäischen Wahlkampfes
gibt es 28 nationale Urnengänge mit lokalem Denkzettelcharakter.
Egal, welche Fraktion die meisten Sitze gewinnt, wird weder Martin
Schulz noch Jean-Claude Juncker über ein echtes demokratisches Mandat
verfügen, wie es etwa Francois Hollande, David Cameron, Angela Merkel
und sogar Werner Faymann im eigenen Land haben. Ein Machtkampf
zwischen Parlament und Regierungschefs um den nächsten
Kommissionspräsidenten könnte die EU auf Monate lahmlegen und die
Gräben zwischen den Staaten noch weiter vertiefen.
Das Einzige, was Europa zusammenhält, ist die Bereitschaft seiner
Spitzen, hinter verschlossenen Türen doch noch passable Kompromisse
zu schließen. Diese seien zögerlich, halbherzig und undemokratisch,
schimpfen die Kritiker dann laut. Aber ein Europa, das gleichzeitig
funktioniert und geliebt wird, ist nicht in Sicht.

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