Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 12. Mai 2014; Leitartikel von Christiane Fasching: "Null Punkte für Scheinmoral"

Innsbruck (OTS) - Utl: Verlogenes Wurstigkeitsgefühl: Wochenlang musste sich Conchita Wurst als "Monster" und Schande für Österreich abwatschen lassen. Jetzt ist die Diva mit Bart die "Königin Europas" und plötzlich finden sie auch ihre Gegner toll.

Als der ORF bekannt gab, dass er - in Eigenregie - Conchita Wurst zum Eurovision Song Contest nach Kopenhagen schickt, war die Empörung groß. Im Netz und an Stammtischen wurde über den "Freak mit Bart, der nicht weiß, ob er Mandl oder Weibl ist" gepoltert, wurde Tom Neuwirth, der hinter der Kunstfigur steckt, als unrasiertes Kasperle abgestempelt, der Österreich vor Millionenpublikum blamieren wird. Und natürlich blieb auch nicht unerwähnt, dass die größte Musikshow der Welt hierzulande ja ohnedies niemanden interessiert. Seit Samstagnacht ist alles anders - mehr als 1,5 Millionen Österreicher verfolgten den Triumph der "Königin Europas", die 48 Jahre nach dem Sieg von Udo Jürgens bewies, dass Österreich die Welt begeistern kann. Weil man mutig genug war, auf eine Persönlichkeit zu setzen, die Ressentiments mit einem Lächeln wegwischt. Weil diese Conchita, weil dieser Tom sich lieber aufs Singen als aufs Zurückmeckern konzentrierte. Und die Liederstreit-Bühne auch dazu nützte, eine Lanze für Respekt und Toleranz zu brechen. Im erweiterten Europa ist die Botschaft angekommen: Selbst aus Aserbaidschan und Russland, wo Andersartigkeit bekanntlich geringgeschätzt wird, gab s Punkte für die Bombast-Hymne "Rise Like A Phoenix", die fortan in einem Atemzug mit "Merci, Chérie" genannt wird. Conchita Wurst hat Geschichte geschrieben - weil sie sich von Anfeindungen nicht einbremsen ließ, sondern an ihrem Traum festhielt, als Mensch akzeptiert und nicht als "Monster" abgewatscht zu werden.
Die Dragqueen hat den Sieg und die daran geknüpfte Sympathiewelle verdient, weil sie professionell und unbeirrt ans Werk ging. Unverdient jubeln dafür jetzt jene, die noch wenige Stunden vor dem Wurst-Case lautstark darüber polterten, dass Conchita nicht mit dem Strom schwimmt und ein "normaler" Kandidat doch die bessere Lösung gewesen wäre. Die Wendehälse, die nun euphorisch "Conchita" brüllen und sich einen falschen Bart aufmalen, sind weder tolerant noch respektvoll - sondern blamabel. Hätte Conchita Wurst in Kopenhagen nicht gepunktet, wären sie die Ersten, die ein "Hab ich s nicht gesagt" rausschleudern würden, um danach wieder die leidige Mandl-Weibl-Diskussion zu starten. Diese Fahnderl-im-Wind-Mentalität ist das nervigste Beiwerk des Song Contests, der heuer sicher niemandem wurscht war. Hoffentlich hält die Euphorie bis Mai 2015, wenn das ESC-Universum in Österreich um die Wette singt. Dafür noch mal, Merci Conchita.

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