• 11.05.2014, 22:00:33
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Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 12. Mai 2014; Leitartikel von Christiane Fasching: "Null Punkte für Scheinmoral"

Innsbruck (OTS) - Utl: Verlogenes Wurstigkeitsgefühl: Wochenlang
musste sich Conchita Wurst als "Monster" und Schande für Österreich
abwatschen lassen. Jetzt ist die Diva mit Bart die "Königin Europas"
und plötzlich finden sie auch ihre Gegner toll.

Als der ORF bekannt gab, dass er - in Eigenregie - Conchita Wurst
zum Eurovision Song Contest nach Kopenhagen schickt, war die Empörung
groß. Im Netz und an Stammtischen wurde über den "Freak mit Bart, der
nicht weiß, ob er Mandl oder Weibl ist" gepoltert, wurde Tom
Neuwirth, der hinter der Kunstfigur steckt, als unrasiertes Kasperle
abgestempelt, der Österreich vor Millionenpublikum blamieren wird.
Und natürlich blieb auch nicht unerwähnt, dass die größte Musikshow
der Welt hierzulande ja ohnedies niemanden interessiert. Seit
Samstagnacht ist alles anders - mehr als 1,5 Millionen Österreicher
verfolgten den Triumph der "Königin Europas", die 48 Jahre nach dem
Sieg von Udo Jürgens bewies, dass Österreich die Welt begeistern
kann. Weil man mutig genug war, auf eine Persönlichkeit zu setzen,
die Ressentiments mit einem Lächeln wegwischt. Weil diese Conchita,
weil dieser Tom sich lieber aufs Singen als aufs Zurückmeckern
konzentrierte. Und die Liederstreit-Bühne auch dazu nützte, eine
Lanze für Respekt und Toleranz zu brechen. Im erweiterten Europa ist
die Botschaft angekommen: Selbst aus Aserbaidschan und Russland, wo
Andersartigkeit bekanntlich geringgeschätzt wird, gab█s Punkte für
die Bombast-Hymne "Rise Like A Phoenix", die fortan in einem Atemzug
mit "Merci, Chérie" genannt wird. Conchita Wurst hat Geschichte
geschrieben - weil sie sich von Anfeindungen nicht einbremsen ließ,
sondern an ihrem Traum festhielt, als Mensch akzeptiert und nicht als
"Monster" abgewatscht zu werden.
Die Dragqueen hat den Sieg und die daran geknüpfte Sympathiewelle
verdient, weil sie professionell und unbeirrt ans Werk ging.
Unverdient jubeln dafür jetzt jene, die noch wenige Stunden vor dem
Wurst-Case lautstark darüber polterten, dass Conchita nicht mit dem
Strom schwimmt und ein "normaler" Kandidat doch die bessere Lösung
gewesen wäre. Die Wendehälse, die nun euphorisch "Conchita" brüllen
und sich einen falschen Bart aufmalen, sind weder tolerant noch
respektvoll - sondern blamabel. Hätte Conchita Wurst in Kopenhagen
nicht gepunktet, wären sie die Ersten, die ein "Hab█ ich█s nicht
gesagt" rausschleudern würden, um danach wieder die leidige
Mandl-Weibl-Diskussion zu starten. Diese Fahnderl-im-Wind-Mentalität
ist das nervigste Beiwerk des Song Contests, der heuer sicher
niemandem wurscht war. Hoffentlich hält die Euphorie bis Mai 2015,
wenn das ESC-Universum in Österreich um die Wette singt. Dafür noch
mal, Merci Conchita.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT

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