• 08.05.2014, 17:25:05
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TROTZDEM KUNST! LEOPOLD MUSEUM ZEIGT ÖSTERREICHISCHE KUNST 1914-1918

Antikriegsausstellung widmet sich Künstlerschicksalen von Schiele, Egger-Lienz und Kolig

Zeitschrift "Der Ruf" (Sonderheft "Krieg", November
1912) mit einem Selbstbildnis von Egon Schiele aus dem Jahr 1910,
1912, Buchdruck, geschlossen 22,8 x 14,8 cm, Privatsammlung

Utl.: Antikriegsausstellung widmet sich Künstlerschicksalen von
Schiele, Egger-Lienz und Kolig =

Wien (OTS) - Hundert Jahre nach den Schüssen von Sarajevo widmet das
Leopold Museum den Schicksalen österreichischer Künstler in den
Kriegsjahren 1914 bis 1918 eine packende Ausstellung, die heute,
Donnerstagabend, von Bundesminister Dr. Josef Ostermayer eröffnet
wird. Wie Leopold Museum Managing Director Peter Weinhäupl
zusammenfasst, entstand eine "interdisziplinäre Schau, die den
Bestand der Sammlung hinsichtlich der Bezüge zum Ersten Weltkrieg
aufarbeitete, die Werke des Leopold Museum in einen neuen
Zusammenhang stellt und den kritischen zeitgenössischen Blick auf das
Thema richtet."

SCHIELE - EGGER LIENZ - KOLIG: DREI VON NEUN MILLIONEN

Im Mittelpunkt der rund 280 Objekte umfassenden Schau stehen die
Schicksale von Egon Schiele, Albin Egger-Lienz und Anton Kolig. Sie
bildeten unter den Millionen österreichischer Soldaten, die im Ersten
Weltkrieg kämpften, eine verschwindend kleine Minderheit. Gerade ihre
Werke spiegeln aber das leidvolle Verhängnis aller Soldaten wider,
das Spannungsfeld zwischen Anordnung von oben, etwa im Rahmen der
Tätigkeit für das Kriegspressequartier (KPQ) und dem aus ureigenem
künstlerischem Antrieb entstehenden Schaffen. Teils als Auftrag,
teils aus innerer Notwendigkeit entstanden Schlachtengemälde,
Soldatenporträts, spontane Skizzen des Frontalltags oder Bilder einer
scheinbar heilen, aber dem Untergang geweihten Welt.

TROTZDEM KUNST!

Die Idee zur Ausstellung hatte Leopold Museum Direktor Peter
Weinhäupl vor rund zwei Jahren. Er wandte sich damals an den
Literaturwissenschaftler Stefan Kutzenberger mit der Bitte um
Erstellung eines Konzeptes. Mit Elisabeth Leopold und dem
Kunsthistoriker Ivan Ristic formierte sich bald ein dreiköpfiges
KuratorInnenteam. Kutzenberger betont, dass er und Ristic in erster
Linie erzählerisch vorgehen wollten, während es ein Anliegen
Elisabeth Leopolds war die Leistungen der Kunst jener Zeit, die
ungebrochene Kraft des Kunstschaffens in jenen dunklen Jahren in den
Mittelpunkt zu stellen. Leopold wollte zeigen, dass in dieser Zeit
"trotzdem Kunst" entstand, worauf Ristic vorschlug dieses Motto zum
Titel der Ausstellung zu machen. "TROTZDEM KUNST!" verweist somit auf
die rege Tätigkeit der Kunstschaffenden im Ersten Weltkrieg, trotz
aller widriger Umstände. Die Schau lässt jedoch gleichzeitig
unterschiedliche Lesarten zu. Der Kunstbetrieb ging zwischen 1914 und
1918 beinahe ungebrochen weiter, von Stillstand war keine Spur: Man
organisierte umfangreiche Ausstellungen, vergab Aufträge, leitete
Bildverkäufe in die Wege.

KUNST 1914-1918 IN DER SAMMLUNG LEOPOLD: "AUS DEM VOLLEN
SCHÖPFEN"

Leopold Museum Direktor Franz Smola verweist auf die Dynamik des
Gedenkjahres. In diesem Taumel, in dem eine Ausstellung auf die
nächste folgt sei es "eine spannende aber auch große Aufgabe" gewesen
im Kontext all dieser Projekte einen eigenen Blickpunkt zu
entwickeln. Smola: "Wenige Museen sind so begünstigt, können zu
diesen Jahren so aus dem Vollen schöpfen, wie das Leopold Museum,
dank der immensen Sammlungstätigkeit des genialen Museumsgründers
Rudolf Leopold."

SCHIELE 1914-1918

Ein eigener Raum zeigt in verdichteter Form den Stilwandel bei Egon
Schiele ab 1914 von der "Blinden Mutter" (1914) über die
geometrisierenden Formen der Gebäude im Krumauer "Häuserbogen" bis zu
den "Hockenden Frauen" (1918). Hier fand Schiele laut Elisabeth
Leopold zu einem gewissen Klassizismus, einer malerischen Auffassung:
"Es scheint als hätte er Melancholie und Tod, Angst und Verzweiflung,
die Fragwürdigkeit der Existenz nicht mehr sehen wollen."

DIE "ÖSTERREICHISCHE KUNSTAUSSTELLUNG" - STOCKHOLM 1917

Im Jahr 1917 fand in Stockholm, im neutralen Ausland, mit der
"Österreichischen Kunstausstellung" eine riesige Leistungsschau
österreichischer Kunst statt. 600 Objekte wurden damals gezeigt,
darunter 240 Ölgemälde, Skulpturen und Grafiken von höchster
Qualität, welche einen beeindruckenden Querschnitt durch das
österreichische Kunstschaffen jener Zeit zeigten. Stefan
Kutzenberger: "Mitten in den schier endlosen Kämpfen, während an der
Südfront gerade die elfte Isonzoschlacht tobte, präsentierte sich
Österreich in
"Liljevachs Konsthall" als friedliebende Kulturnation." Anton
Faistauer erntet als "der französischste unter den Malern" Lorbeeren.
Wenig Verständnis brachte das Publikum hingegen für Oskar Kokoschkas
eigenwillige Bildwelten auf. Immerhin weist seine "Fortuna" bei
näherem Hinsehen klare Kriegsbezüge auf, reitet doch im Hintergrund
ein Kavallerist, wohl der Künstler selbst, durch die Szenerie. Auf
den Verlauf des Krieges hatten diese und andere Ausstellungen im
Ausland letztlich keine Auswirkung.

"HIMMEL DER BILDER" CONTRA "MORDGESCHREI DER HÖLLE"

Elisabeth Leopold beschreibt den Reigen der von ihr gezeigten Bilder
als Ausdruck einer tröstlichen künstlerischen Gegenwelt, als "Himmel
strahlender Bilder" wider das "Mordgeschrei der Hölle". Von Kolo
Mosers um 1914 entstandenem farbenprächtigem Liebespaar über Hans
Böhlers Erinnerungen an seine weiten Reisen vor dem Krieg bis zu den
unmittelbar nach dem Krieg entstandenen Gemälden Herbert Boeckls und
Oskar Kokoschkas reicht die Bandbreite. Kokoschka erlebte die
Schrecken des Krieges hautnah. Wiederholt schwer verwundet, kam er
tief verstört von den Schlachtfeldern zurück. In seinem epochalen
"Selbstbildnis, eine Hand ans Gesicht gelegt" (1918/19) "schwingt all
diese Bitternis und Unsicherheit mit", so Leopold. Das Werk stellt
einen absoluten Höhepunkt im malerischen Schaffen des Künstlers dar.

EGGER LIENZ: "DER EISERNE SCHRITT DES SCHICKSALS"

Albin Egger-Lienz hatte sich 1915, noch vor dem Eintritt Italiens in
den Krieg freiwillig gemeldet, wurde jedoch schon bald wegen
Herzbeschwerden entlassen. Noch 1915 entstand die vierte Fassung des
"Totentanz". Kurator Ivan Ristic: "In Kasein auf Leinwand gemalt,
weist "Der Totentanz" eine matte Oberfläche auf, die nicht
von ungefähr an ein Fresko erinnert, eine Herausforderung, welcher
sich der Künstler erst Jahre später stellen durfte." Egger-Lienz
sinnierte an der italienischen Front über den "eisernen Schritt des
ewigen Schicksals". Als offizielles Mitglied der Kunstgruppe im
k.u.k. Kriegspressequartier malte Egger-Lienz 1916 an der Südfront,
später nur mehr im Atelier.

EGON SCHIELE: "DIE SCHWERSTEN TAGE MEINES LEBENS"

Egon Schiele blieben Fronterlebnisse erspart. Und doch leidet er am
Soldatendasein: "Ich bin nun Soldat und habe die 14 schwersten Tage
meines Lebens hinter mir", schreibt Schiele 1915 während der
Ausbildung. Im Zuge seines Militärdienstes malte er Porträts
russischer Kriegsgefangener im Kriegsgefangenenlager im
niederösterreichischen Mühling bei Wieselburg ebenso wie Vorgesetzte.
Seine Sympathie für das Fremde bekundete er in einem Brief, wie Sonja
Niederacher in ihrem Katalogbeitrag darlegt: "Jedenfalls aber neige
ich weit mehr auf die drübere Seite, also unsern Feinden - ihre
Länder sind viel interessanter als unsere - dort gibt es wirklich
Freiheit - und Denkende mehr als bei uns." Und er hegt pazifistische
Gedanken.
1917 schuf Schiele im Auftrag der in der Wiener Mariahilfer Straße
ansässigen "k.u.k. Konsumanstalt für die Gagisten der Armee im Felde"
Zeichnungen der Büros und Lagerhäuser der Konsumanstalt. Im März
1918, gegen Ende des Krieges erlebt Schiele seinen bis dahin größten
Erfolg. In der 49. Ausstellung der Wiener Secession war seinen Werken
der große Mittelsaal des Ausstellungsgebäudes vorbehalten. Im Herbst
desselben Jahres verstirbt Schiele, am Höhepunkt seiner Karriere, an
den Folgen der Spanischen Grippe.

ANTON KOLIG: "ICH MALE IN GROSSER NOT"

"Ich male in großer Not" berichtet Anton Kolig 1916 vom
Kriegsschauplatz. Kolig malt in jener Zeit vor allem Porträts, von
Offizieren aber auch von Gefangenen. Er erkennt, dass das Ergebnis
seiner Arbeiten sich nicht als Propagandakunst eignet. Es entstehen
jedoch aus künstlerischer Sicht bemerkenswerte Arbeiten wie seine
Darstellung einer "Feldoperation". Erst 1917 wird Kolig offiziell ins
Kriegspressequartier berufen und beauftragt Landschaften zu malen.
Kolig hält die Ruinenlandschaften der Front fest.

KRIEGSKUNST: AN DER FRONT UND IM HINTERLAND

Während einige Maler im Auftrag der Propaganda Österreich-Ungarns die
Schrecken des Krieges im Detail schildern, entstehen auch abseits der
Fronten bedeutende Kunstwerke. Kolo Moser schafft Werke von
intensiver Farbigkeit, das "Liebespaar", die "Venus in der Grotte",
den "Wanderer". Gustav Klimt arbeitet in diesen Jahren an
Frauenbildnissen und Allegorien wie "Tod und Leben". Als Klimt im
Februar 1918 stirbt, zeichnet ihn Schiele am Totenbett.

ZEITGENÖSSISCHE KÜNSTLERINNEN AUS EHEMALIGEN
KRIEGSGEGNERLÄNDERN

Die k.u.k. Armee kämpfte im Ersten Weltkrieg vor allem an den Fronten
gegen Italien, Rumänien, Russland und Serbien, weshalb das Leopold
Museum nun, 100 Jahre später, Künstlerinnen und Künstler aus diesen
Ländern gemeinsam mit Künstlerinnen aus Österreich eingeladen hat,
ihre heutige Sicht auf den Ersten Weltkrieg darzulegen. Ivan Ristic:
"Die Ausstellung verzichtet auf belehrende Schlussworte. Stattdessen
wird
der Versuch unternommen einen diskursiven Konnex zur Gegenwart
herzustellen."
Die Italienierin Paola De Pietri zeigt ihre eindringlichen,
großformatigen Fotografien der Berglandschaften rund um den Isonzo,
einst Schauplatz erbitterter Kämpfe. Stellungen, gesprengte Felsen
und wassergefüllte Krater fungieren als stumme Zeugen des einstigen
Schreckens. Raluca Popa (RO) erinnert, ausgehend von der Flucht in
den Krieg des Hans Castorp aus Thomas Manns Zauberberg an
individuelle Entscheidungen wie jene rumänischstämmiger Soldaten, die
aus der k.u.k. Armee desertierten und auf die Seite Rumäniens
wechselten. Dmitry Gutov aus Russland zitiert seinen "Lieblingsautor"
Lenin, der sich als Pazifist entpuppt: Auf einem Bildschirm flimmert
Lenins Kritik am "reaktionären Krieg". Der serbische Künstler Rasa
Todosijevic präsentiert gegenüber den revolutionären Gedanken Gutovs
einen semireligiösen Zugang zum Thema (Erster Welt-)Krieg. Seine
"Blutige Taufe" zeigt ein aus Badewannen gebildetes, mit Blutspuren
versehenes Kreuz. Darunter erinnert ein "Berg" aus Koffern an das
Golgotha der Serben, an Krieg und Vertreibung aber auch an die
Auferstehung der Nation nach dem Krieg.
Veronika Dreier hat aus unzähligen Spielzeugsoldaten einen Teppich
gebildet, Franz Kapfer konterkariert mit "Gott, Kaiser und Vaterland"
- einer aus billigen Materialien zusammengebastelten Installation,
die Elemente aus Denkmälern der Habsburger Zeit entlehnt - im Atrium
des Museums den "Hurra-Patriotismus" jener Zeiten. Marko Lulic regt
mit seiner Schriftinstallation "Sarajevo '84" an der Fassade des
Museums an über die Symbolik von Worten und Jahreszahlen
nachzudenken, das Spannungsfeld zwischen den Schüssen von Sarajevo
1914, den olympischen Spielen 1984, der Belagerung der Stadt in den
1990er Jahren bis zum Heute.

ANTIKRIEGSAUSSTELLUNG

Durch den rasanten kriegs- und waffentechnischen Fortschritt der Zeit
war dieser Konflikt verheerender als alles bisher Dagewesene. Doch
mitten im "Großen Krieg", in all diesem Elend, in all dieser
Verwirrung entstand
bedeutende Kunst. Unter das Motto "Nie wieder Krieg!" stellt
Elisabeth Leopold deshalb die gesamte Schau: "Es ist eine
Antikriegsausstellung, ein aufschreiender Apell gegen Krieg und
sinnloses Morden."

DIE AUSSTELLUNG TROTZDEM KUNST! 9. MAI BIS 15. SEPTEMBER

Die Ausstellung zeigt insgesamt ca. 280 Objekte, davon rund 40 aus
der Sammlung des Leopold Museum, 30 aus der Sammlung Leopold II und
130 Werke von öffentlichen und privaten österreichischen und
internationalen Leihgebern. Gezeigt werden Gemälde, Arbeiten auf
Papier, wie Zeichnungen, Druckgrafik, Plakate, dazu historische
Photographien, Autographen, Dokumente und Filmmaterial. Die
Ausstellungsarchitektur stammt von "archiguards". Die Austellung ist
von 9. Mai bis 15. September im Leopold Museum zu sehen.
Öffnungszeiten: Mo und Mi-So, 10-18 Uhr, Do, 10-21 Uhr. Im Juni, Juli
und August ist das Museum auch am Dienstag geöffnet.
Weitere Infos unter www.leopoldmuseum.org

"TROTZDEM KUNST!" - DER KATALOG ZUR AUSSTELLUNG

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog in deutscher und
englischer Sprache erschienen.
ISBN 978-3-85033-809-7, 256 Seiten, Preis: Euro 29,90, erhältlich im
LM Shop, Hg.: Leopold Museum, Wien mit Beiträgen von Elizabeth Clegg,
Carl Kraus, Stefan Kutzenberger, Elisabeth Leopold, Sonja
Niederacher, Ivan Ristic, Uwe M. Schneede, Franz Smola, Peter
Weinhäupl.

SYMPOSIUM ZUR AUSSTELLUNG "TROTZDEM KUNST! ÖSTERREICH
1914-1918"
15. UND 16. MAI 2014 IM LEOPOLD MUSEUM

Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs gedenken
zahlreiche Ausstellungen in Österreich der "Urkatastrophe" des 20.
Jahrhunderts. Wie stellt man jedoch einen Krieg aus? Kann man das
überhaupt, soll man es, darf man es? Ein hochkarätig besetztes
Symposium im Leopold Museum geht der Frage nach der Ausstellbarkeit
des Krieges nach und beleuchtet die unterschiedliche Wirkung
verschiedenster "Kriegsbilder".
Programminfos: www.leopoldmuseum.org/de/termine/symposium

THEATERSOLO "FEUERSEELE"
15. MAI UND 12. JUNI 2014 IM LEOPOLD MUSEUM

Als pazifistische Intervention widmet sich Maxi Blahas Theatersolo
"feuerseele" dem Leben der unermüdlichen Kämpferin für den Frieden
Bertha von Suttner. Das Stück von Susanne F. Wolf zeigt, wo sich
Suttners Leben und die äußeren Lebensumstände ihrer Zeit
zusammenfügen beziehungsweise auseinanderdriften.
Basierend auf wissenschaftlicher Recherche, fokussiert "feuerseele"
die wichtigen politischen, psychologischen und emotionalen Facetten
aus Suttners Biographie. Im Gedenkjahr 2014 ist dieses Stück ein
theatraler Appell, die Ideen der großen Humanistin weiter zu tragen,
weiter leben zu lassen.
Nähere Infos: www.leopoldmuseum.org/de/termine/kalender

Bild(er) zu dieser Aussendung finden Sie im AOM / Originalbild-Service
sowie im OTS-Bildarchiv unter http://bild.ots.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | LPM

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