TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Fragwürdig war nicht nur Wulffs Tun", von Gabriele Starck

Ausgabe vom 28. Februar 2014

Innsbruck (OTS) - Es ist die Aufgabe von Medien, über Missstände zu berichten. Doch im Fall des ehemaligen deutschen Staatsoberhaupts haben die Medien in Ausübung ihrer Kontrollfunktion die Kontrolle über sich selbst verloren.

Es war der Freispruch erster Klasse, den sich Christian Wulff gewünscht hatte. Der ehemalige Bundespräsident Deutschlands ist von Rechts wegen unschuldig - ob juristisch schon das letzte Wort gesprochen ist, entscheidet die Staatsanwaltschaft erst nächste Woche. Nun hat Wulff zwar gestern den Prozess gewonnen, weitaus mehr aber war für ihn zuvor schon verloren gegangen: Reputation, das Amt des Staatsoberhaupts, seine Ehe. Nichts davon bringt ihm der Freispruch zurück.
Der Absturz vom Glamour-Präsidenten zum Buhmann rund um den Jahreswechsel 2011/12 war jäh, aber er war selbstverschuldet. Zwei Fehler brachten alles ins Rollen und den Strahlemann zu Fall: Noch als CDU-Ministerpräsident von Niedersachsen hatte Wulff dem Landtag einen Privatkredit für sein Haus verschwiegen, als er nach geschäftlichen Beziehungen zu Unternehmern gefragt wurde. Und als genau dieser Umstand Ende 2011 durch Recherchen der Bild öffentlich zu werden drohte, wusste das Staatsoberhaupt Wulff nichts Besseres zu tun, als auf der Mailbox des Chefredakteurs mit Konsequenzen zu drohen, sollte die Geschichte erscheinen.
Das ist ein versuchter Eingriff in die Pressefreiheit und damit ein Angriff auf Rechtsstaat und Demokratie. Medien haben die Aufgabe, die Mächtigen zu kontrollieren. Sie müssen Unrecht und Ungerechtigkeit, und dazu gehören Korruption und Machtmissbrauch, öffentlich machen. Ein Medium dabei zu behindern oder Einfluss zu nehmen, muss deshalb geradezu zwingend zur Folge haben, dass auch andere berichten.
Das taten die Medien auch, doch haben sie dabei die Kontrolle über sich selbst verloren - und damit Wulff zu einem Stück weit auch zum Opfer gemacht. In Anbetracht des unerbittlichen Kampfs um TV-Quoten, der auf Schnelligkeit spielenden Online-Plattformen und des Zeitungssterbens in Deutschland ging es darum, wer die nächste Wulff-Schlagzeile hervor-presst. Auch die so genannten Qualitätsmedien verfielen dem Boulevard: Der Leser will sich an den Verfehlungen anderer ergötzen, sie lieferten. Der Unrechtsvorwurf reichte bis hin zu einem Bobby-Car, das der Sohn von einem Autohändler geschenkt bekommen hatte.
Wer einmal in die mediale Schusslinie gerät, wird gnadenlos vernichtet. Bischof Tebartz-van Elst mit seiner angeblichen Prunksucht ist nur ein weiteres Beispiel dafür. Der Fall Wulff muss Mahnung sein und bleiben: Medien müssen Missstände aufzeigen, Richter sind sie nicht.

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