- 27.02.2014, 22:00:53
- /
- OTS0259 OTW0259
TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Fragwürdig war nicht nur Wulffs Tun", von Gabriele Starck
Ausgabe vom 28. Februar 2014
Utl.: Ausgabe vom 28. Februar 2014 =
Innsbruck (OTS) - Es ist die Aufgabe von Medien, über Missstände zu
berichten. Doch im Fall des ehemaligen deutschen Staatsoberhaupts
haben die Medien in Ausübung ihrer Kontrollfunktion die Kontrolle
über sich selbst verloren.
Es war der Freispruch erster Klasse, den sich Christian Wulff
gewünscht hatte. Der ehemalige Bundespräsident Deutschlands ist von
Rechts wegen unschuldig - ob juristisch schon das letzte Wort
gesprochen ist, entscheidet die Staatsanwaltschaft erst nächste
Woche. Nun hat Wulff zwar gestern den Prozess gewonnen, weitaus mehr
aber war für ihn zuvor schon verloren gegangen: Reputation, das Amt
des Staatsoberhaupts, seine Ehe. Nichts davon bringt ihm der
Freispruch zurück.
Der Absturz vom Glamour-Präsidenten zum Buhmann rund um den
Jahreswechsel 2011/12 war jäh, aber er war selbstverschuldet. Zwei
Fehler brachten alles ins Rollen und den Strahlemann zu Fall: Noch
als CDU-Ministerpräsident von Niedersachsen hatte Wulff dem Landtag
einen Privatkredit für sein Haus verschwiegen, als er nach
geschäftlichen Beziehungen zu Unternehmern gefragt wurde. Und als
genau dieser Umstand Ende 2011 durch Recherchen der Bild öffentlich
zu werden drohte, wusste das Staatsoberhaupt Wulff nichts Besseres zu
tun, als auf der Mailbox des Chefredakteurs mit Konsequenzen zu
drohen, sollte die Geschichte erscheinen.
Das ist ein versuchter Eingriff in die Pressefreiheit und damit
ein Angriff auf Rechtsstaat und Demokratie. Medien haben die Aufgabe,
die Mächtigen zu kontrollieren. Sie müssen Unrecht und
Ungerechtigkeit, und dazu gehören Korruption und Machtmissbrauch,
öffentlich machen. Ein Medium dabei zu behindern oder Einfluss zu
nehmen, muss deshalb geradezu zwingend zur Folge haben, dass auch
andere berichten.
Das taten die Medien auch, doch haben sie dabei die Kontrolle über
sich selbst verloren - und damit Wulff zu einem Stück weit auch zum
Opfer gemacht. In Anbetracht des unerbittlichen Kampfs um TV-Quoten,
der auf Schnelligkeit spielenden Online-Plattformen und des
Zeitungssterbens in Deutschland ging es darum, wer die nächste
Wulff-Schlagzeile hervor-presst. Auch die so genannten
Qualitätsmedien verfielen dem Boulevard: Der Leser will sich an den
Verfehlungen anderer ergötzen, sie lieferten. Der Unrechtsvorwurf
reichte bis hin zu einem Bobby-Car, das der Sohn von einem
Autohändler geschenkt bekommen hatte.
Wer einmal in die mediale Schusslinie gerät, wird gnadenlos
vernichtet. Bischof Tebartz-van Elst mit seiner angeblichen
Prunksucht ist nur ein weiteres Beispiel dafür. Der Fall Wulff muss
Mahnung sein und bleiben: Medien müssen Missstände aufzeigen, Richter
sind sie nicht.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PTT






