• 19.01.2014, 17:54:38
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DER STANDARD-Kommentar: "Der düstere Halbmond" von Eric Frey (Ausgabe vom 20. 1. 2014)

Die politisch-ökonomische Krise der islamischen Welt hat geopolitische Brisanz

Utl.: Die politisch-ökonomische Krise der islamischen Welt hat
geopolitische Brisanz =

Wien (OTS) - Hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs sind
die großen geopolitischen Trends der Gegenwart in aller Munde - der
Aufstieg Chinas, die Krise Europas oder die Zukunft der USA. Aber ein
Phänomen, das täglich die Schlagzeilen füllt, wird in seinen globalen
Auswirkungen viel zu wenig beachtet: der politische und
wirtschaftliche Niedergang der islamischen Welt.
Von Libyen bis nach Pakistan reicht der Bogen von Staaten, die in
Gewalt, Repression oder Bürgerkrieg versinken und dadurch auch
wirtschaftlich immer weiter zurückfallen. Die historischen arabischen
Kernländer Syrien und Irak sind auf dem Weg zu "failed states", die
auch Nachbarländer wie den Libanon in den Abgrund ziehen;_politische
Stabilität in Ägypten bleibt auch nach dem Verfassungsreferendum eine
vage Hoffnung.
Galt die Türkei noch vor einigen Jahren noch als demokratisch und
marktwirtschaftliches Vorbild für andere islamische Staaten, so gerät
es jetzt selbst ins despotische Fahrwasser. Und ob der Iran
tatsächlich einen neuen Weg einschlagen kann, der seinen Bürgern ein
besseres Leben ermöglicht, bleibt offen. Bloß das immer schon
privilegierte Tunesien bietet etwas Grund für Optimismus.
Der Bogen der Agonie spannt sich noch weiter bis Bangladesch und
dehnt sich auch in Afrika aus, wo die positiven Beispiele für
politische Vernunft und Wachstum auf die nicht█islamischen Länder
südlich der Sahara beschränkt sind - mit Südsudan als erschreckende
Ausnahme.
Islam als Religion trägt an diesen Entwicklungen selbst keine Schuld,
er bildet aber das Biotop, in dem Radikalität, Sektarismus und
Repression florieren und Ideen sich rasch ausbreiten. Deshalb sind
auch erfolgreiche islamische Staaten wie Indonesien und Malaysia vor
dem jihadistischen Virus nicht immun. Und auch in Indien könnte sich
nach einem hindu-nationalistischen Wahlsieg der Konflikt mit der
riesigen muslimischen Minderheit zur größten Herausforderung
ent█wickeln.
Der Verfall einer ganzen Weltregion mit mehr als einer Milliarde
Menschen hat schon viel früher begonnen - der Arab Human Development
Report von 2002 warf ein grelles Licht auf dessen kulturelle und
soziale Ursachen - und hat sich seit Ausbruch des Arabischen
Frühlings vor drei Jahren beschleunigt. Der Aufstand der urbanen
Mittelschicht gegen wirtschaftliche Trostlosigkeit hat deren
Lebenschancen nur noch weiter verdüstert.
Was hier zwischen Europa, Afrika und Asien geschieht, berührt den
Rest der Welt auf unterschiedliche Weise. Vor allem Europa ist der
Gefahr einer unkontrollierbaren Migration von außen und der
Radikalisierung im Inneren ausgesetzt. Da Abschottung unmöglich ist,
müssen Wege gefunden werden, die Entfremdung der eigenen muslimischen
Bürger zu stoppen. In Russland verstärkt die Gewalt im muslimischen
Kaukasus die autoritären Tendenzen in Moskau und schwächt so die
ohnehin bedrängte Zivilgesellschaft. Auch für China ist der Aufruhr
in seiner islamischen Peripherie ein wachsendes Problem.
Die USA_sind am wenigsten betroffen, auch weil dank Schiefergas und
-öl ihre Abhängigkeit von der Golfregion sinkt. Dies dürfte die
isolationistischen Tendenzen in der US-Politik nur weiter
verschärfen. Auch wenn viele den Rückzug der einzigen Ordnungs- und
Supermacht aus der Region begrüßen - den Zerfallsprozess wird dies
nur weiter beschleunigen.

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