• 08.11.2013, 21:00:34
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TIROLER TAGESZEITUNG "leitartikel" vom 9. November 2013 von Michael Sprenger "Kann nicht endlich Ruhe sein? Nein!"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Vor 75 Jahren brannten zwischen Hamburg und
Innsbruck die Synagogen. Juden wurden gedemütigt, verhaftet und
ermordet. Die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel sollte der Arbeit
an der eigenen Wachsamkeit dienen.

Ist hier ein Saujude?" Die Schlägertrupps, die in der Nacht vom 9.
auf den 10. November 1938 durch die Städte des Deutschen Reichs
zogen, wussten längst, wo die Juden zu finden waren, um ihre
schreckliche Arbeit erledigen zu können. Die Geschäfte der Juden
wurden verwüstet, die Synagogen in Brand gesetzt. "Die Juden sollen
einmal den Volkszorn zu spüren bekommen", schrieb der
nationalsozialistische Propagandaminister Joseph Goebbels in sein
Tagebuch. Er freute sich über den "stürmischen Beifall", als er seine
Anweisungen für den organisierten Aufstand gab. Polizei und Feuerwehr
achteten darauf, dass niemandem geholfen wurde, die Bevölkerung
schaute zu oder weg, als ihre jüdischen Mitbürger gedemütigt,
geschlagen und ermordet wurden. In Hamburg und Berlin, in Wien und in
Innsbruck. Mit dem Novemberpogrom vor 75 Jahren wurde der Weg hin zur
industriellen Vernichtung der europäischen Juden beschritten.
Eben, es war vor 75 Jahren. Wäre es dann nicht endlich einmal an der
Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen, kann man nicht endlich
einmal über diesen Nazi-Mist und die Juden-Verfolgung die Decke des
Schweigens legen? Nein! Der Nationalsozialismus ist und bleibt das
dunkelste Kapitel unserer Geschichte. Zur Aufarbeitung dieser
Geschichte gehört die Erinnerung an die unvorstellbaren Gräueltaten,
die sich vor zwei Generationen in den Ländern Goethes und Mozarts
ereignet haben. Und zu dieser Arbeit gehört es auch, sich bewusst zu
machen, wie lange man sich geweigert hatte, sich mit dieser
Geschichte auseinanderzusetzen, oder wie lange man diese Geschichte
verharmlost hat. Oder sie - wie in der aktuellen Debatte zur
Volksmusik und Volkskultur - nicht wahrhaben will.
Ein lückenhafter Blick auf die Tiroler Verdrängungsarbeit dient als
Beleg: Als der Tiroler Gauleiter Franz Hofer 1975 in Deutschland
starb, erwies ihm eine Abordnung der Tiroler Schützen die letzte
Ehre. Als 1989 der frühere SS-Obersturmbannführer und einer der
Mörder des Innsbrucker Pogroms, Alois Schintlholzer, am Höttinger
Friedhof begraben wurde, stand auf dem Sarg "Seine Ehre hieß Treue".
Und wer heute am Innsbrucker Westfriedhof das Denkmal der Suevia
betrachtet, sieht, wie dort Gerhard Lausegger, einem weiteren
Innsbrucker Mörder, gehuldigt wird.
Nein, die Ereignisse vor 75 Jahren gehören keineswegs der
Vergangenheit an. Die Pogromnacht und die Nazizeit sind
eingeschrieben in unsere Geschichte. Und sie sollen uns zur
Wachsamkeit dienen, wenn gegen Minderheiten gehetzt wird - lehren uns
diese Ereignisse doch, wozu Bürger in der Lage sind.

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