TIROLER TAGESZEITUNG "leitartikel" vom 9. November 2013 von Michael Sprenger "Kann nicht endlich Ruhe sein? Nein!"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Vor 75 Jahren brannten zwischen Hamburg und Innsbruck die Synagogen. Juden wurden gedemütigt, verhaftet und ermordet. Die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel sollte der Arbeit an der eigenen Wachsamkeit dienen.

Ist hier ein Saujude?" Die Schlägertrupps, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch die Städte des Deutschen Reichs zogen, wussten längst, wo die Juden zu finden waren, um ihre schreckliche Arbeit erledigen zu können. Die Geschäfte der Juden wurden verwüstet, die Synagogen in Brand gesetzt. "Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu spüren bekommen", schrieb der nationalsozialistische Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch. Er freute sich über den "stürmischen Beifall", als er seine Anweisungen für den organisierten Aufstand gab. Polizei und Feuerwehr achteten darauf, dass niemandem geholfen wurde, die Bevölkerung schaute zu oder weg, als ihre jüdischen Mitbürger gedemütigt, geschlagen und ermordet wurden. In Hamburg und Berlin, in Wien und in Innsbruck. Mit dem Novemberpogrom vor 75 Jahren wurde der Weg hin zur industriellen Vernichtung der europäischen Juden beschritten.
Eben, es war vor 75 Jahren. Wäre es dann nicht endlich einmal an der Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen, kann man nicht endlich einmal über diesen Nazi-Mist und die Juden-Verfolgung die Decke des Schweigens legen? Nein! Der Nationalsozialismus ist und bleibt das dunkelste Kapitel unserer Geschichte. Zur Aufarbeitung dieser Geschichte gehört die Erinnerung an die unvorstellbaren Gräueltaten, die sich vor zwei Generationen in den Ländern Goethes und Mozarts ereignet haben. Und zu dieser Arbeit gehört es auch, sich bewusst zu machen, wie lange man sich geweigert hatte, sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen, oder wie lange man diese Geschichte verharmlost hat. Oder sie - wie in der aktuellen Debatte zur Volksmusik und Volkskultur - nicht wahrhaben will.
Ein lückenhafter Blick auf die Tiroler Verdrängungsarbeit dient als Beleg: Als der Tiroler Gauleiter Franz Hofer 1975 in Deutschland starb, erwies ihm eine Abordnung der Tiroler Schützen die letzte Ehre. Als 1989 der frühere SS-Obersturmbannführer und einer der Mörder des Innsbrucker Pogroms, Alois Schintlholzer, am Höttinger Friedhof begraben wurde, stand auf dem Sarg "Seine Ehre hieß Treue". Und wer heute am Innsbrucker Westfriedhof das Denkmal der Suevia betrachtet, sieht, wie dort Gerhard Lausegger, einem weiteren Innsbrucker Mörder, gehuldigt wird.
Nein, die Ereignisse vor 75 Jahren gehören keineswegs der Vergangenheit an. Die Pogromnacht und die Nazizeit sind eingeschrieben in unsere Geschichte. Und sie sollen uns zur Wachsamkeit dienen, wenn gegen Minderheiten gehetzt wird - lehren uns diese Ereignisse doch, wozu Bürger in der Lage sind.

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