- 06.11.2013, 09:00:52
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Brain Drain in die USA: Attraktivität akademischer Karrieren im Ländervergleich - Österreich im europäischen Mittelfeld
Wien (OTS/WIFO) - Junge, talentierte Wissenschafter und
Wissenschafterinnen sind, wie viele Studien zeigen,
überdurchschnittlich mobil und arbeiten oft an ausländischen
Forschungseinrichtungen. Diese hohe Mobilität verläuft aber häufig
einseitig in Richtung der prestigereichen Universitäten in den USA.
Dieser Brain Drain wirkt sich nachteilig auf Europas
Forschungsleistungen aus. Nicht zuletzt bestätigen das die Ergebnisse
unterschiedlicher Universitätsrankings. Weil wissenschaftsbasierte
Innovationen an Bedeutung gewinnen, leiden mittelfristig auch die
Innovationskraft der Unternehmen und die Fähigkeit der europäischen
Wirtschaft, zur Lösung von Problemen wie Klimawandel oder
Ressourcenknappheit beizutragen. Eine Untersuchung des WIFO zeigt
Beweggründe für diese einseitige Mobilität auf, die auch für
Österreich relevant sind.
"Bisher gab es kaum empirische Evidenz zu den Beweggründen, an
einer Forschungsuniversität in den USA statt in Europa oder
Österreich wissenschaftliche Karriere zu machen", führt
WIFO-Mitarbeiter Jürgen Janger aus. Neue Studien im Rahmen des vom
WIFO geführten europäischen Forschungsprojektes "WWWforEurope -
Welfare, Wealth and Work for Europe" werfen nun ein neues Licht auf
die Mobilität talentierter, junger Wissenschafter und
Wissenschafterinnen. Mehr als 10.000 Forscher und Forscherinnen
weltweit nahmen an einem Experiment zur Arbeitsplatzwahl teil, in dem
sie sich zwischen typischen akademischen Arbeitsplätzen entscheiden
konnten. Anhand der Ergebnisse kann berechnet werden, wie sich die
Eigenschaften eines Arbeitsplatzes auf die Wahrscheinlichkeit der
Arbeitsplatzwahl auswirken.
Zwei Arten von Arbeitsplätzen standen zur Auswahl: einer für
universitäre Forscher und Forscherinnen am Anfang ihrer Karriere,
etwa entsprechend einer Assistenzprofessur, und einer für Forscher
und Forscherinnen am Höhepunkt ihrer Karriere, entsprechend einer
Professur. Nach den Ergebnissen finden junge Wissenschafter und
Wissenschafterinnen vor allem Arbeitsplätze attraktiv, die schon zu
Beginn eine durchgängige Karriereperspektive versprechen. Diese
Perspektive sollte nur von einer positiven Evaluierung der
Forschungsqualität abhängen.
Die Forscher und Forscherinnen ziehen einen solchen Arbeitsplatz,
der dem Modell des tenure track in den USA entspricht, mit einer um
115% größeren Wahrscheinlichkeit einer von vornherein befristeten
Anstellung vor. Auch die Qualität der Fachkollegen und
Fachkolleginnen (Wahrscheinlichkeit der Arbeitsplatzwahl steigt um
82%) und die Perspektive auf Autonomie in der Forschung sind wichtig
(76%), ebenso wie das Gehalt und die Verfügbarkeit von Drittmitteln
(wie sie z. B. von FWF oder ERC gewährt werden). Wissenschafter und
Wissenschafterinnen, die sich um einen Arbeitsplatz als Full
Professor bewerben, richten ihre Entscheidung vor allem an der
Qualität ihrer potentiellen Kollegen, dem Gehaltsniveau und der
Verfügbarkeit von Drittmitteln aus.
Die Lebensqualität ist eine notwendige, aber keine hinreichende
Bedingung für die Arbeitsplatzwahl: Sie darf nur nicht schlechter
sein als am gegenwärtigen Wohnsitz. Eine bessere Lebensqualität hat
aber fast keine Auswirkungen auf die Arbeitsplatzwahl. Arbeitsplätze
mit einer guten Balance zwischen Lehre und Forschung (etwa 30 : 70)
sind attraktiver als reine Forschungstätigkeiten. Eine Reihe von
Eigenschaften haben geringere Effekte auf die Arbeitsplatzwahl, sind
aber statistisch signifikant und können bei sehr ähnlichen
Arbeitsplätzen entscheidend sein, etwa der Zeitaufwand für
administrative Tätigkeiten.
Übersicht 1: Effekte ausgewählter Eigenschaften eines Arbeitsplatzes
auf die Wahrscheinlichkeit, sich für diesen Arbeitsplatz zu
entscheiden - auf der WIFO-Website
(http://www.wifo.ac.at/wwa/pubid/46993)
Die so ermittelte Attraktivität von Arbeitsplätzen an
Forschungsuniversitäten wurde für elf ausgewählte Länder verglichen.
Aus den einzelnen Kategorien wurde ein zusammengesetzter Indikator
berechnet, der neben dem Mittelwert auch eine statistische
Schwankungsbreite zeigt.
Die USA schneiden in diesem Vergleich am besten ab, vor einer
Gruppe europäischer Länder mit bekannt forschungsstarken
Universitäten: Niederlande, Schweden, Großbritannien und Schweiz.
Österreich befindet sich gemeinsam mit Deutschland und Frankreich im
Mittelfeld.
In den USA verfügen Forschungsuniversitäten über einen dreifachen
Vorteil, der kurzfristig nur schwer zu kompensieren ist: attraktive
Gehälter, gute Arbeitsbedingungen und prestigereiche
Fachkollegenschaft. Insbesondere der letzte Faktor erschwert den
Versuch, zur Exzellenz der USA aufzuschließen, da hier eine
Pfadabhängigkeit der Universitätsentwicklung besteht: Sind erst
einmal viele gute Wissenschafter und Wissenschafterinnen an einer
Universität, so zieht dies weitere an.
Abbildung 1: Index der Arbeitsplatzattraktivität - auf der
WIFO-Website (http://www.wifo.ac.at/wwa/pubid/46993)
Darüber hinaus ist zwar der Wettbewerb um Forschungsgelder in den
USA sehr intensiv, aber das Finanzierungsniveau ist viel höher als in
Europa. Viele europäische Universitätssysteme geben ihren jungen
Wissenschaftern und Wissenschafterinnen anders als in den USA relativ
wenig Forschungsautonomie oder bieten Arbeitsplätze ohne durchgängige
Karriereperspektive an. Wo der Anteil unbefristeter Stellen hoch ist,
ist die Vergabe solcher Stellen oft nicht rein meritokratisch. Oft
ist ein englischer Unterricht nicht möglich, sodass der Pool an
potentiellen Kandidaten und Kandidatinnen für eine Stelle national
beschränkt bleibt; englischsprachige Universitäten können hingegen
weltweit rekrutieren. In vielen europäischen Ländern könnte daher
eine Reform des universitären Karrieresystems die internationale
Attraktivität der Arbeitsplätze steigern. "Österreich hätte
insbesondere Potential, einer höheren Zahl junger Wissenschafter und
Wissenschafterinnen als bisher unbefristete und durchgängige
Karrieren bis zur Professur anzubieten, vorausgesetzt die
Forschungsleistung wird positiv evaluiert", meint Jürgen Janger vom
WIFO. "Gesetzlich müssen derzeit Full Professors gesondert berufen
werden, das ist gegenüber den USA ein Nachteil, wo schon die
Assistenzprofessur die Aussicht auf den Aufstieg bis zur Professur
bietet."
Dieses Forschungsprojekt erhielt finanzielle Unterstützung von der
Europäischen Kommission, GD Forschung und Innovation,
N-RTD-2010-S236-359211, und vom 7. Rahmenprogramm FP7/2007-2013 mit
der Nummer 290647.
Nähere Informationen entnehmen Sie bitte den folgenden WWWforEurope
Working Papers:
Jürgen Janger (WIFO), Klaus Nowotny (WIFO und Universität Salzburg),
"Career Choices in Academia", 2013, (36),
http://www.wifo.ac.at/wwa/pubid/46922
Jürgen Janger, Anna Strauss (WIFO), David Campbell (Universität
Klagenfurt), "Academic Careers in a Cross-country Perspective", 2013,
(37), http://www.wifo.ac.at/wwa/pubid/46923
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